Ein Kriminalfall ohne Täter steht am Anfang von Robert Darntons meisterhaftem Buch. Es ist das Jahr 1749; die Pariser Polizei hat ihre Spitzel ausgesandt auf der Suche nach dem Urheber einer populären Ode, die in der Stadt kursiert und den König angreift. Ein Verdächtiger ist bald gefunden. Tatsächlich kann man bei dem festgenommenen Medizinstudenten François Bonis eine Abschrift des Gedichts sicherstellen. Im Verhör gibt Bonis Quellen und Mittelsmänner preis, die wiederum neue Personen belasten. Statt eines einzelnen Urhebers kommt ein ganzes Netzwerk des Verbrechens zum Vorschein, ein Komplott von Majestätsbeleidigung - dessen Spuren der Historiker Darnton bis hin zur welthistorischen Zäsur von 1789 verfolgt.Aus den teils überbordenden, teils lückenhaften Dossiers der Pariser Polizeiarchive hat Darnton einen historischen Kriminalfall in verblüffender Genauigkeit rekonstruiert, und er hat ihn zugleich literarisch verdichtet. Mit schnellen Schnitten und Perspektivwechseln treibt er die Handlung voran, ohne je sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Es geht um die Entstehung jener Instanz, die uns selbstverständlich geworden ist - der öffentlichen Meinung.Klassisch geworden sind hierzu die Studien von Habermas und Foucault. Darnton hält demonstrativ Distanz zu den Theoretisierern und zweifelt, dass sie zur Erhellung seiner Quellen beitragen könnten. In diesem Anflug von hochmütiger Rhetorik liegt die vielleicht einzige stilistische Schwäche seines Buches. Denn wäre nicht gerade die Anbindung seiner Quellenanalyse an die Diskurstheoretiker ein reizvolles Unterfangen gewesen?Im Paris des Jahres 1749 gab es weder Zeitungen, die den heutigen vergleichbar wären, noch Radio, Fernsehen oder gar das Internet. Dennoch spricht Darnton mit Bedacht von einer Informationsgesellschaft. Texte, Gedichte, Lieder und Gerüchte zirkulierten. Unter den Theken und unter den Talaren wurde en masse Illegales getauscht. Auch der Inhaftierte Bonis gab an, die lästerlichen Verse von einem Priester erhalten zu haben. Die Polizei ermittelte so lange, bis sie an einen renommierten Professor geriet, der niemand mehr denunzierte noch für sich selbst ein Geständnis ablegen wollte - für die Beamten ein klarer Hinweis, dass er der gesuchte Drahtzieher sein musste.Doch was sie suchten, entlarvt Darnton als Chimäre. Der sture Professor konnte nicht die Quelle sein, weil es keine Quelle gab. Die Texte änderten auf ihrer Wanderschaft durch den Untergrund ständig ihre Gestalt. Jeder, der sie abschrieb oder memorierte (und das konnte man damals vorzüglich), fügte Neues hinzu oder ließ Strophen weg, die ihm wenig gelungen schienen. Wenn es überhaupt ein intellektuelles Epizentrum der üblen Nachrede gab, dann befand es sich wahrscheinlich nicht dort, wo man es vermutete, in der Gosse, sondern jenseits der Stadtmauern: in Versailles.Die politische Stoßrichtung der Angriffe war nämlich eindeutig. Sie denunzierten Ludwig XV. als Schwächling, der im Vertrag von Aachen diplomatisch übertölpelt worden sei. Seine Steuererhebungen seien ungerecht. Außerdem treibe er Ehebruch und dreifachen Inzest. Diese und ähnliche Anwürfe konnten gut und gerne auch die Hofparteien ausgestreut haben, die mit der neuen Mätresse des Königs, der Pompadour, unzufrieden waren. In jedem Fall hatten die persönlichen Schmähungen eine politische Dimension. Umso mehr Energie verlangte der König von seinem Polizeichef bei den Ermittlungen, die dieser selbstverständlich an seine ahnungslosen Spitzel weitergab, bis 14 Verdächtige verhaftet waren und sich gewiss über die Härte wunderten, die ihnen widerfuhr.Nicht zu Unrecht. Denn die Verbreitung von Spottversen besaß im Ancien Régime zu viel Tradition, um wirklich einen umstürzlerischen Anstrich zu haben. Leider sagt Darnton nicht, inwiefern sich seine Informationsgesellschaft von früheren Vorläufern unterscheidet. Das Zusammentreffen mit der außen- und innenpolitischen Schwäche im Winter 1748/49 jedenfalls gab dem kollektiven Murmeln jene Brisanz, die den langen Arm des Königs tätig werden ließ. Und zwar nach beiden Seiten. Denn neben der Mobilisierung seines Repressivapparates erfolgte im Februar 1749 zugleich eine Rücknahme einiger kleiner Besteuerungen durch die Krone. Die öffentliche Meinung hatte ihre Muskeln spielen lassen. Darnton folgt den Verbreitungswegen der Texte in dieser "Affäre der Vierzehn" und interpretiert deren versteckte Pikanterien. Sein Understatement dabei ist gewinnend. Nicht alles lässt sich aufschlüsseln, warnt Darnton, manches muss offen und vage bleiben. Selbst aus den materialreichsten Studien könne man niemals ein Meinungsbild gewinnen, das den Ansprüchen heutiger Demoskopen genügte. Was bleibt, sind Schlaglichter auf einen Prozess wechselseitiger Bezugnahme zwischen gewitzter Straße und verunsicherten Machthabern. Als eine dritte Partie und etwas außen vor stehen die Intellektuellen, ohne aber durch ihr Räsonnement viel ausrichten zu können. Denn die Zustimmung, die die Krone wünschte, war primär jene des Volkes. Das Einsperren Einzelner in der Bastille war nur der Notnagel, bei aller Härte der Urteile, die die später Verbannten dann fern der Heimat erdulden mussten. Dem Ungeheuer der Schmähkritik konnte der Kopf jedoch nicht abgeschlagen werden - sie war an die Masse der Menschen gebunden und lebte mit ihr fort. Gerade infolge der Irrationalität dieses amorphen Adressatenkollektivs ließen sich Reaktionen schwer vorhersagen. So viele Einzelstimmen man auch addierte: die Summe war mehr als die einzelnen Teile. Die öffentliche Meinung war eine Abstraktion, jenem biblischen Ungeheuer gleich, das alles verschlingen konnte und das Thomas Hobbes hundert Jahre zuvor als Emblem des modernen Staates gewählt hatte: dem Leviathan.1749 war diese öffentliche Meinung noch nicht das Zünglein an der Waage. Darnton entlässt seinen Leser mit dem spannungsgeladenen Szenario eines Untergrundnetzwerks, an dem sich die Polizei ihre Zähne ausbeißt und das sich längst als bloßes Fragment eines riesigen Puzzles alltäglicher Spottreime herausgestellt hat. Noch ist alles unter Kontrolle. Der Protest erschöpft sich bei aller verbalen Aggressivität in spielerischen Formen. Nur der alternde frühere Außenminister Marquis d Argenson zweifelt heimlich, ob auf Dauer diese Politik der erdrückenden Schuldenlast und der halb garen Reformen bei parlamentarischem Widerstand mit der immer eloquenter sprechenden Stimme der Straße zurechtkommen würden. So notiert d Argenson es im Frühjahr 1749 in seinen Tagebüchern, und er beschreibt damit unwissentlich jenes explosive Gemisch, das sich 1789 entladen wird.Robert Darnton: Poesie und Polizei.Öffentliche Meinung und Kommunikations- netzwerke im Paris des 18. Jahrhunderts. Aus dem Amerikanischen von Burkhardt Wolf. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002. 170 S. , 9 Euro.