Der amerikanische Historiker Norman Finkelstein hat in einem Gespräch mit der "Berliner Zeitung" (30. Januar 2000) Kritik an der Jewish Claims Conference (JCC) geübt, Entschädigungsleistungen des deutschen Staates seien verabredungswidrig nicht an die Opfer persönlich gegangen. Dem hat die JCC mit der Erklärung widersprochen, sie habe zu keinem Zeitpunkt abweichend von den Richtlinien der deutschen Regierung handeln können und sei somit nicht verantwortlich, dass Opfer nicht entschädigt wurden. Der Historiker Wolfgang Benz vom Institut für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin nimmt Stellung zu den Behauptungen. Das Gespräch führten Michael Mönninger und Stephan Speicher. Welche Verwendungszwecke hatten nach Ihrer Kenntnis die bisher geleisteten Entschädigungen? Es ging von Anfang an sowohl um Rückerstattung enteigneten jüdischen Besitzes wie auch Entschädigung für KZ-Opfer. Die 1952 im Luxemburger Abkommen vereinbarten Zahlungen an Israel sahen als Hauptzweck die Aufbauhilfe für den Staat vor, der durch die Einwanderung der überlebenden europäischen Juden finanziell stark belastet war. Zum anderen gab es Individualentschädigungen für erlittene Haft und Gesundheitsschäden. Aber es war meines Wissens nicht von einer Entlohnung für Zwangsarbeit die Rede, nur für die Leiden der Menschen während der Haft oder Zwangsarbeit. Durch das Bundesentschädigungsgesetz sind auch von deutscher Seite Rentenzahlungen im Falle dauerhafter Gesundheitsschäden geleistet worden. War in den Luxemburger Protokollen von dem Verwendungszweck des Geldes die Rede?Es war von Globalentschädigungen als Entwicklungshilfe für Israel die Rede. Dazu kam eine Summe von 450 Millionen Mark für die Jewish Claims Conference, die zur Durchsetzung der Ansprüche von nicht in Israel lebenden Juden auf den Plan trat.Was bekam ein Zwangsarbeiter?Wenn er auf dem Gebiet lebte, in dem damals das Grundgesetz galt, dann hatte er Anspruch auf Entschädigung für die erlittene Haft oder auch Zwangsarbeit, aber nicht einen Lohn für Arbeit. Auch wer im westlichen Ausland lebte, bekam etwas. Die Opfer in den östlichen Staaten bekamen nichts. Wie ist das zu erklären? Diese Ungleichbehandlung war Teil der politischen Großwetterlage des Kalten Krieges. Das Londoner Schuldenabkommen, das gleichzeitig verhandelt wurde, regelte die Verpflichtungen der Bundesrepublik gegenüber dem Westen, die östlichen Staaten und ihre Bürger sollten sich an die DDR und die ehemaligen Ostgebiete halten. Die JCC geht von etwa 500 000 bei Kriegsende noch lebenden KZ-Häftlingen aus. Wie hoch schätzen Sie die Zahl der jüdischen Überlebenden nach 1945?Wenn man alle bestehenden Konzentrationslager zusammennimmt, etwa 500 000. Finkelstein spricht von etwa 100 000 überlebenden Juden. Wir haben als gesicherte Zahlen, dass sich auf dem Gebiet der Westzonen Deutschlands nach 1945 zeitweise insgesamt 200 000 jüdische "Displaced Persons" unter amerikanischer Betrauung aufhielten. Diese 200 000 Menschen waren jüdische Überlebende aus KZ und Arbeitslagern, die von Deutschland aus nach Israel und USA emigriert sind. Die Anzahl der nichtjüdischen Opfer lag allerdings weitaus höher. Wer erhielt den Status einer "displaced person"? "Displaced Persons" gab es als Status nur im Westen, aber nicht in der sowjetischen Zone. Das Ergebnis war ein ungeheurer Zustrom aus dem Osten in die Westgebiete. Nach den Pogromen in Kielce 1946 hat es einen weiteren gewaltigen Zustrom über Stettin nach Berlin gegeben, wo große "displaced persons"-Lager eingerichtet wurden. Während der Luftbrücke wurden sie von den Alliierten nach Westdeutschland ausgeflogen. Dass es in Wirklichkeit mehr Menschen waren, rührt auch daher, dass nicht alle den "displaced person"-Status in Anspruch genommen haben. Viele deutsche Juden etwa aus Theresienstadt sind direkt in ihre Heimatstädte zurückgegangen. Auch die französischen und italienischen Juden wurden meist gleich repatriiert; viele von ihnen sind nicht oder erst spät als Anspruchsberechtigte gegen Deutschland aufgetreten. Sie lehnten das ab und fallen deshalb aus den Statistiken heraus. Wie viele Anspruchsberechtigte leben heute noch die von der JCC herangezogenen Experten sprechen von etwa 135 000?Es dürften deutlich mehr als die von Finkelstein genannten 25 000 sein, aber auch nicht 135 000, wie die JCC angibt. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Wie groß waren die Unterschiede in der Entschädigung von Opfern diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs? Die beispielsweise in der Ukraine lebenden Zwangsarbeiter wurden repatriiert und haben keinen Pfennig bekommen. Deren Benachteiligung ist offensichtlich. Diese schreiende Ungerechtigkeit kann nicht mehr aus der Welt gebracht werden. Hat es vor Finkelstein schon Kritik an der JCC gegeben? Die JCC hat eigentlich einen guten Leumund. Aber wer liebt schon Interessenverbände. Oft wirft man den Verbandsvertretern ihr repräsentatives Auftreten vor. Aber ein Verband, der in so großem Stile Ansprüche gegen Regierungen durchsetzen musste, kann nicht mit Fahrrad und Rucksack auftreten. Die Kritik an den hohen Honoraren der Funktionäre fällt in die gleiche Kategorie wie der Ärger über hohe Politikergehälter. Aber die Vertreter der Opfer müssen denen der Täter gleichrangig gegenüber auftreten.Finkelstein sagt, die JCC habe bereits in den fünfziger Jahren eine Neudefinition der Verwendungszwecke der Entschädigungsgelder vorgenommen. Dazu erklärt die JCC, sie habe "zu keinem Zeitpunkt den in der Vereinbarung bestimmten Verwendungszweck der Gelder neu definiert". Ich kenne nur die Lesart der Globalentschädigung und glaube nicht, dass Gelder umgewidmet wurden. Sie waren ja definiert für den Aufbau Israels, weil es sich um Reparationsleistung für die jüdische Sache handelte. Wenn dabei auch Geld für Yad Vashem verwendet wurde, dann war auch das vernünftig. Wenn jetzt Finkelstein anderes sagt, dass nämlich in den fünfziger Jahren die JCC Gelder erhielt für die Individualentschädigung jüdischer Opfer, so warten wir auf seine Belege, die er in seinem Buch im Sommer vorlegen will. Ist die Geschichte der Entschädigungen und ihre Verwendung ausreichend erforscht und transparent? Ich glaube nicht, dass das völlig transparent ist. Könnte Finkelsteins Kritik die derzeitigen Verhandlungen der deutschen Industrie über einen Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter gefährden?Nein. Das hat mit Finkelsteins Kritik nichts zu tun. Zudem geht es bei den derzeitigen Verhandlungen um die schätzungsweise neunzig Prozent nichtjüdischen Zwangsarbeiter. Deshalb sollte die JCC hierbei nur eine untergeordnete Rolle spielen.Die mangelnde Entschädigung für NS-Opfer in Osteuropa ist eine schreiende Ungerechtigkeit.