Schüler gehen heute anders mit dem Thema Holocaust um. „Vor einigen Jahrzehnten haben die Schüler viel mehr moralische Fragen gestellt“, sagt Peter Stolz, Vorsitzender des Berliner Geschichtslehrerverbandes. Heute kämen eher logistische Fragen auf, wenn im Unterricht über das Thema Auschwitz gesprochen wird. Solche Fragen: „Wie hat man das gemacht, dass so viele Züge gefahren sind, ohne dass das von allen gesehen wurde?“

Der 56-jährige Peter Stolz, Geschichtslehrer am Friedrichshainer Heinrich-Hertz-Gymnasium, glaubt, die Gründe zu kennen. Die Schüler hätten keinen direkten Bezug mehr zur NS-Zeit, würden keine Menschen mehr kennen, die damals beteiligt waren. „Wir waren als Schüler viel rebellischer, wollten wissen, wie all das passieren konnte“, erinnert sich Stolz, der im Westen Deutschlands aufgewachsen ist. Das hänge natürlich damit zusammen, dass Mitglieder der eigenen Familie, womöglich sogar der Vater, in das NS-Regime verstrickt gewesen seien. Vieles sei damals noch unerforscht gewesen.

Keine schlagenden Lehrer

„Das grausame Morden ist aus Sicht der heutigen Schüler nur ganz schwer vorstellbar“, sagt Stolz. Im Gegensatz zu früher würden sie keine strukturelle Gewalt mehr in der Schule oder im Vereinsleben erfahren, keine schlagenden Lehrer oder Erzieher. „Deshalb ist es für Schüler heute erst recht eine ungeheure Vorstellung, dass Menschen damals einfach so vergast wurden.“ Das NS-Regime wird erst gegen Ende der 9. Klasse unter dem Oberbegriff „Demokratie und Diktatur“ ausführlicher behandelt, auch im Vergleich mit dem Stalinismus. So sieht es der noch aktuelle Rahmenlehrplan für Berlin und Brandenburg vor.

„In Klasse 9 wähle ich einen emotionalen Einstieg“, sagt Robert Rauh, Geschichtslehrer am Barnim-Gymnasium in Falkenberg. Er zeigt etwa jenen Filmausschnitt, in dem US-Soldaten nach der Befreiung des KZ Buchenwalds die Bewohner Weimars auf den Ettersberg bringen und sie dort mit den Leichenbergen konfrontieren. Noch immer verfügten seine Schüler, was den Holocaust angeht, über erstaunlich viel Vorwissen, aus anderen Schulfächern, aus dem Elternhaus oder aus TV- und Internetdokumentationen, sagt Rauh. Das Interesse an dem Thema sei weiter überdurchschnittlich hoch.

Wie lief der Massenmord ab?

Oft wird das Thema Judenvernichtung schon in der 7. Klasse aufgegriffen, wenn es epochenübergreifend um Flucht, Migration und Verfolgung geht. Zuweilen behandeln bereits Grundschüler etwa in Projektwochen den Holocaust. An der Löcknitz-Grundschule im Bayrischen Viertel arbeiten Schüler seit vielen Jahren an einer Denksteinmauer, die an ermordete Schöneberger Juden erinnert.

Schüler der Jahrgangsstufe 12 sollen sich besonders intensiv mit dem Nationalsozialismus beschäftigen. Robert Rauh weist sie zunächst darauf hin, dass er sehr wohl wisse, wie viel sie schon über den Holocaust gehört haben. Dann fragt er, was seine Schüler noch wissen wollen. „Wie lief der Massenmord im KZ ab? Und was wussten die Menschen zu der Zeit über die Verbrechen?“, das seien die häufigsten Fragen. Weil die Zeitzeugen sterben, greift Rauh auf Zeitzeugenberichte der Shoah Foundation von US-Regisseur Steven Spielberg zurück.

In diesem Jahr wird der Holocaust zudem Schwerpunktthema beim ersten Zentralabitur von Berlin und Brandenburg im Fach Geschichte sein. Peter Stolz hält es für keine gute Idee, das zu einer großen Prüfungsaufgabe zu machen. „Die Schüler sind von der Ungeheuerlichkeit der Vorgänge sehr erdrückt.“ Viel sinnvoller findet er es, die authentischen Orte zu besuchen, nicht nur an seiner Schule werden alle zwei Jahre Besuchsfahrten nach Auschwitz organisiert. Deshalb unterstützt Stolz auch die aktuelle Forderung des Zentralrates der Juden, wonach jeder Schüler ab der 9. Klasse einmal eine KZ-Gedenkstätte besuchen sollte. „Schule findet derzeit noch viel zu oft im Klassenzimmer statt.“

Dann weist er auf ein weiteres drängendes Problem hin. Den dumpfen Antisemitismus nämlich, der oft bei arabisch-, mitunter auch bei türkischstämmigen Schülern anzutreffen sei, verbunden mit einer israelfeindlichen Haltung. Stolz, auch Lehrerausbilder, ermahnt seine Referendare, hier einzuschreiten. Es müssten gemeinsame Veranstaltungen mit den Eltern und der Schulleitung durchgeführt werden. Wer Integration wolle, dürfe über migrantischen Antisemitismus nicht schweigen.