Der HSV trennt sich von Michael Oenning und überträgt vorerst Rodolfo Cardoso das Traineramt: Zeit fürs Klavier

FRANKFURT A. M. Wie wenig die Treueschwüre in der aufgeregten Fußballbranche wert sind, hat am Montagnachmittag Michael Oenning erfahren müssen. Dass der Hamburger SV sich von seinem Cheftrainer trennt, kann angesichts der anhaltenden Talfahrt niemanden wirklich überraschen, wohl aber ist der Zeitpunkt ungewöhnlich. Ihren gegenteiligen Beteuerungen ließen die Verantwortlichen am Montag die Rolle rückwärts folgen. Dabei hatte Sportchef Frank Arnesen am Sonntag noch bekräftigt, der 45-jährige Oenning werde für das Spiel am Freitag beim VfB Stuttgart auf alle Fälle im Flieger sitzen. Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow wiederum hatte alle Verantwortung Arnesen zugeschoben. "Die sportliche Leitung hat zu sagen, wann sie meint, dass dort eine Änderung erfolgen soll."Nun teilte Arnesen lapidar die Kehrtwende mit: "Noch am Sonntagabend hatte ich ein gutes Gefühl. Aber nach zwei Tagen musst du nicht mit dem Herzen denken, sondern mit dem Verstand. Wir werden uns ab heute intensiv mit der Nachfolge von Michael Oenning beschäftigen." Vorerst wird die Verantwortung Rodolfo Cardoso zuteil. Der Coach der zweiten Mannschaft übernimmt das heikle Amt interimsmäßig.Der gebürtige Argentinier Cardoso, 42, der 111 seiner 220 Bundesligaspiele für den Hamburger SV bestritt, gilt als zu introvertiert, um dauerhaft den Cheftrainerposten bekleiden zu können. Oenning nannte es auf der Vereinshomepage "nachvollziehbar, dass der Verein in der jetzigen Situation einen anderen Weg geht".Während der als ein Kandidat gehandelte Huub Stevens bereits verlauten ließ, er könne sich eine zweite Amtszeit an der Elbe vorstellen ("Ich bin bereit für neue Aufgaben"), umriss Jarchow das Anforderungsprofil für den Nachfolger: "Er muss Deutsch sprechen und unsere Philosophie, mit jungen Spielern ein neues Team aufzubauen, mittragen." Das spricht eher gegen Stevens.Die zuletzt völlig verunsicherte Mannschaft des HSV wurde am Montag von Oennings Entlassung informiert und absolvierte anschließend eine Laufeinheit. Der Traditionsverein hat sich damit auch unter neuer sportlicher Leitung jenes beliebten Stilmittels bedient, das dem ehemaligen Klubboss Bernd Hoffmann immer vorgeworden wurde.Offenbar drängte vor allem Jarchow auf ein schnelles Eingreifen. "Es war kein Stil und System zu erkennen. Die Art und Weise des Spiels war nicht so, dass man das Gefühl hatte, es geht aufwärts", sagte Jarchow auf einer Pressekonferenz am Montagabend. Der 56-Jährige hatte seit geraumer Zeit seinen ratlos wirkenden Übungsleiter kritisch beäugt. Der FDP-Politiker gilt allerdings nicht gerade als Funktionär mit ausgewiesenem Fußballsachverstand.Oenning hatte nach seinem Auftakterfolg am 19. März gegen den 1. FC Köln (6:2) saisonübergreifend in 13 Bundesligaspielen keinen Sieg mehr erringen können. Für den aus dem Münsterland stammenden Pädagogen, einen vielseitig begabten Familienvater, der sich gern ans Klavier setzt, bedeutet die Entlassung die zweite persönliche Niederlage auf der Bundesliga-Bühne. Zwar hatte der frühere Verbandssportlehrer und Nachwuchscoach den 1. FC Nürnberg vor zwei Jahren in die Erstklassigkeit geführt, trug dann jedoch Mitschuld daran, dass der Kader wegen offensichtlicher Bevorzugung der jüngeren Generation in zwei Gruppen zerfiel. Die Entlassung Oennings im Dezember 2009 war die logische Folge.Beim Hamburger SV kam der Deutsch- und Sportlehrer - wie auch in Nürnberg - über die Rolle als Assistenztrainer ins Amt. Nun ist er gescheitert in der Stadt, die er zum Lebensmittelpunkt erkoren hat. Dort heiratete er, dort kamen seine zwei Kinder Falk und Fynn zur Welt. Zum Verhängnis wurde Oenning vor allem, dass er seine Kompetenz in der Spielanalyse den Spielern nicht angemessen zu vermitteln vermochte. Auch bei Durchsetzungsvermögen und Überzeugungskraft werden dem Mann, der neben dem Fußballlehrerschein auch Trainerlizenzen für Tennis, Surfen und Snowboard besitzt, Mängel nachgesagt. "Gibt es etwas Besseres, als in der Stadt zu arbeiten, in der du lebst?", hat Oenning kürzlich gefragt. Nun ist er ein Arbeitssuchender.------------------------------Foto: Vereinnahmung eines Sportdirektors: HSV-Präsident Carl-Edgar Jarchow praktiziert Überzeugungskraft bei Frank Arnesen.Foto: Gewisse Mängel: Michael Oenning.