Berlin - Ein schelmisches Lachen untermalte die Antwort auf die Frage, wie es Leo Kirch denn tatsächlich gesundheitlich gehe. Das war vor wenigen Wochen, bei einem Treffen mit einem hochrangigen Manager, der lange für Kirch gearbeitet hat. Ende März war nämlich mal wieder einer dieser Verhandlungstage gewesen, in einem der vielen Prozesse gegen die Deutsche Bank, die der 84-jährige Medienunternehmer Kirch seit der Insolvenz seines Konzerns im Mai 2002 angestrengt hat.

Weil er beweisen wollte, dass eine Äußerung des damaligen Deutsche-Bank-Chefs Rolf Breuer, in einem Fernsehinterview die Kreditwürdigkeit und Zahlungsfähigkeit der KirchMedia-Gruppe bezweifelnd, den Untergang seines Imperiums herbeigeführt hatte. Und nicht, vor allem anderen, das stoische Festhalten an dem unrentablen Pay-TV-Sender Premiere.

An jenem Tag Ende März war Leo Kirch persönlich im Oberlandesgericht München erschienen. Es sollte der letzte seiner raren öffentlichen Auftritte werden. Gestern ist er im Kreise seiner Familie verstorben, in einem Münchener Krankenhaus.

Seit der Amputation seines linken Fußes saß der schwer Zuckerkranke im Rollstuhl. Seine langjährige und vertraute Mitarbeiterin Gertrude Barrera-Vidal hatte ihn in den Saal geschoben. Kirch trug eine Trachtenjacke, die Haartolle war nach hinten gekämmt, die fast blinden Augen waren die meiste Zeit hinter einer getönten Brille verborgen, er lächelte. So kannte man Kirch. Einen Anzug trug er selten, eine Strickjacke war ihm lieber. Doch als er anfangen wollte zu sprechen, ruderte er mit seinen Armen um Worte. Die raue Stimme war kaum zu hören, lediglich Wortfetzen waren zu verstehen, und auf eine Frage gab er eine Antwort, die keinen Sinn ergab. Nach einer Pause brach der Richter die Sache ab. Kirchs Hausarzt erklärte ihn für nicht vernehmungsfähig.

Jeden Tag ins Büro

Ein paar Wochen später war Kirch Gesprächsthema, wie so oft, wenn Leute, die schon lange in der Medienbranche arbeiten, zusammen sitzen und die Geschichten zusammenpuzzeln, die dazu führten, dass die Branche heute so ist, wie sie ist. Die Frage nach Kirchs Gesundheitszustand beantwortete sein langjähriger Mitarbeiter mit dem schelmischen Lachen so: „Täusche dich mal nicht in ihm, bei diesem Auftritt vor Gericht war auch Schauspielerei dabei.“

Ja, er sei krank, sein Körper wie eine lebende Hülle. Aber im Kopf, da sei Kirch nach wie vor völlig klar, und er schmiede Pläne. Es wirkte irgendwie beruhigend, was er da erzählte. Der Medienmanager, der das sagte, besuchte Kirch schließlich regelmäßig und musste wissen, wie es dem alten Mann geht, der doch zur deutschen Medienbranche gehört wie Springer und Bertelsmann, wie Bild und Spiegel.

Und dann sagte er noch, manchmal rede Kirch davon, ob er seine mal wieder zum Verkauf stehende Sendergruppe ProSieben Sat.1 nicht doch eines Tages selbst wieder zurückkaufen könnte. Mancher in der CSU würde das schließlich liebend gern unterstützen.

Das war, wie gesagt, erst vor wenigen Wochen, und damals hieß es, Kirch lasse sich noch immer jeden Morgen nach dem Schwimmen und der Krankengymnastik in sein Büro in der Münchner Kardinal-Faulhaber-Straße mit der Hausnummer 15 fahren, lasse sich aus der Post und der Zeitung vorlesen, was es Neues gibt in der Branche und wie es um seine Prozesse im Kampf um eine Entschädigung von der Deutschen Bank steht. Auf zwei Milliarden Euro hatte Leo Kirch die Schadenersatzsumme beziffert. Von solchen Summen muss wohl die Rede sein, wenn es um den einzigen deutschen Medientycoon geht, der diesen Titel verdient hat.

Medienlandschaft geprägt

„Ohne den unternehmerischen Weitblick und den Mut von Leo Kirch wäre der erfolgreiche Start und der Aufbau des privaten Fernsehens 1984 in Deutschland nicht möglich gewesen“, sagte Jürgen Doetz gestern über Kirch. Der Präsident des Verbands der Privatsender war seit 1982 in Kirchs Diensten und damals der erste Geschäftsführer von Sat.1.

Er drückte den roten Knopf, der jenes Programm startete, das bis heute läuft. Doetz nennt Kirch völlig zu Recht den „Gründungsvater des privaten Fernsehens in Deutschland“. Sat.1, der älteste deutsche Privatsender, der Spielfilmkanal Pro 7, Kabel 1, der Sender der zweiten Generation privater Kanäle, und der Nachrichtensender N24 – sie alle gehörten ihm einmal, diesem „Visionär, der die Medienlandschaft nachhaltig geprägt hat“, wie es die ARD-Vorsitzende Monika Piel formulierte. Und wie er diese Medienlandschaft geprägt hat. Auch 40 Prozent vom Axel Springer Verlag haben ihm einmal gehört.

Der 1926 in der Nähe von Würzburg geborene Sohn eines fränkischen Winzers baute schon als junger Kaufmann seinen Erfolg mit geliehenem Geld auf. Ein Faktum, das ihn später, als er seine Kreditwürdigkeit verlor, zum Verhängnis wurde. 1954 gründete er die Sirius Film-Gesellschaft, die aus dem Kauf seines ersten Erfolges – „La Strada“, Federico Fellinis Klassiker – hervorging. Um die Rechte daran zu erwerben, war er mit seiner Frau Ruth und dem geliehenen Geld im Auto nach Italien gefahren.

Immer wieder einen Trumpf in der Hand

Auf seinem Höhepunkt verfügte der Filmrechtehändler über 15.000 Spielfilme und 40.000 Stunden Fernsehserien, hatte die ARD und vor allem das ZDF fest im Griff, lange, bevor es in Deutschland überhaupt Privatfernsehen gab.

Als es in den Achtzigerjahren dann so weit war, begann sein Aufstieg erst richtig – wohl auch, weil er in CDU und CDU sejr gut vernetzt war. Als er 2001 vor den Untersuchungsausschuss des Bundestages zitiert wurde, um über eine illegale Parteispende an Helmut Kohl in Höhe von einer Million Euro Auskunft zu geben, sagte er: „Die habe ich meinem Freund zur Verfügung gestellt.“

Der im persönlichen Umgang so unprätenziöse Herrscher über einen der größten Medienkonzerne Europas rund um Film, Fernsehen, Fußball und die Formel 1 gebot auf seinem Höhepunkt über einen Konzern mit rund 10 000 Beschäftigten und einem Umsatz von mehr als vier Milliarden Euro.

Leo Kirch führte im Kampf gegen den anderen Branchenriesen, Bertelsmann, das Bezahlfernsehen Premiere ein, das heute dem anderen, gerade strauchelnden Medientycoon Rupert Murdoch gehört. Kirch hatte mit dem Erwerb von Fußball-Übertragungsrechten – für Bundesliga, Champions League und Weltmeisterschaften – immer wieder einen Trumpf in der Hand.

Und er hielt außerdem den Verlag von Axel Springer über Jahrzehnte hinweg in beständiger Unruhe. Zumindest dort war der öffentlichkeitsscheue Kirch leibhaftig zu erleben, wie er auf der Hauptversammlung als Mitgesellschafter Jahr für Jahr neben Friede Springer saß und seine Späße machte.

Der verhängnisvolle Satz

„Ach, liebe Frau Springer, geben Sie mir doch noch ein paar Prozentchen, ich zahle Ihnen dafür ein Vermögen“, hat er sie einmal angelächelt. „Ach, lieber Herr Kirch, was soll ich denn mit dem ganzen Geld, das Sie ja überhaupt nicht haben?“, antwortete sie. Erst als Mathias Döpfner Vorstandschef des Springer-Konzerns war, wurde die Verlegerwitwe Kirch los.

Aber nicht Döpfner, nicht Springer trieben ihn ins Verderben. „Der Rolf hat mich erschossen“, sagte Kirch einmal dem Magazin Der Spiegel, und auf diesen Rolf , damals Vorstandschef der Deutschen Bank, ist er bei seinem letzten öffentlichen Auftritt noch einmal getroffen. Und wie reagierte Rolf Breuer vor Gericht? Er stand mit verschränkten Armen und zusammengepressten Lippen da. Die Gegner ignorierten sich so offensichtlich wie nur möglich.

Es war das erste Treffen der beiden seit jenem mittlerweile berühmten Satz, mit dem Rolf Breuer, die bis dahin größte deutsche Firmenpleite und das Ende einer der größten deutschen Unternehmerpersönlichkeiten eingeläutet hat. „Was man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen“, hatte Breuer dem Sender Bloomberg im Februar 2002 in New York gesagt. Bis dahin war es Kirch, der mit seinem hochkomplex verschachtelten Konzern so oft kurz vor dem finanziellen Aus stand, immer wieder gelungen, von irgendwoher Geld aufzutreiben. Nach diesem einen langen Satz jedoch brach sein Imperium zusammen.

Er kämpfte um sein Leben

Kirch kämpfte sein ganzes Leben, zuletzt wirkte sein Kampf verbissen, aber in Wahrheit hatte er große Freude daran. Er wollte dieses Ende, das ihm der Breuer-Satz beschert hatte, irgendwie wieder rückgängig machen. Und tatsächlich gab es zuletzt positive Signale vom Gericht. Laut Prozessplan sollte das Verfahren im Oktober fortgesetzt werden.

Vor Gericht aussagen sollten unter anderen noch die früheren Chefs der Dresdner Bank, der Commerzbank und der Vorstand der BayernLB, Bernd Fahrholz, Klaus-Peter Müller und Dietrich Wolf. Sie sollten Auskunft darüber geben, ob es Absprachen zwischen den Banken gab, um die Deutsche Bank bei der Zerschlagung des Kirchs-Konzerns zu unterstützen. Kirch war bis zuletzt davon überzeugt, dass die Deutsche Bank im Sinne der Axel Springer AG gehandelt habe. Denn auf diese Weise hatte der Verlag den ungeliebten Großaktionär loswerden und Friede Springer die unangefochtene Mehrheit sichern können.

Den Ausgang der Prozesse erlebt er nicht mehr – so sie denn überhaupt weitergeführt werden. Es wäre sicherlich sein Wille. Doch darüber wird nun wohl sein langjähriger Adlatus Dieter Hahn entscheiden, seine Frau Ruth und auch Thomas Kirch – sein einziger Sohn, der als sein Nachfolger im Konzern gescheitert war, dem sich der 84-Jährige zuletzt aber, so heißt es, wieder angenähert hatte. Es wird spannend zu erfahren sein, welche Regelungen Kirch in seinem Testament getroffen hat.

Erst kürzlich informierte die Journalistin Nina Bovensiepen diejenigen, mit denen sie Interviews geführt hatte, das Buch über Leo Kirch sei fast fertig, lasse aber noch etwas auf sich warten. Gemeinsam mit Kirch hatte sie seine Biografie verfasst, doch der 84-Jährige fand, jetzt sei noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen. Das Buch, so hatte Leo Kirch entschieden, solle erst erscheinen, wenn die Prozesse gegen die Deutsche Bank endlich hinter ihm liegen würden.

Berliner Zeitung, 15.07.2011