Herr Marquardt, man versucht ja gern an der fachlichen Herkunft abzulesen, wie jemand sein Amt gestalten wird. Ihre Vorgänger kamen aus der Medizin und der Germanistik. Sie sind Verfahrenstechniker. Helfen Sie uns auf die Sprünge: Was verrät das über den neuen Mann an der Spitze des Wissenschaftsrates?Die Verfahrenstechnik ist per se ein interdisziplinäres Fach. Ich interessiere mich sehr für andere Fachrichtungen und habe immer über den eigenen Tellerrand geguckt. Gerade diese disziplinenübergreifenden Erfahrungen werden bei meiner Arbeit im Wissenschaftsrat helfen. Ein gelegentlicher Wechsel in der fachlichen Perspektive des Vorsitzenden tut einem solchen Gremium immer gut. Und es ist auch klar, dass ich eine eigene Denke mitbringe, die sich ein bisschen von der meiner Vorgänger unterscheidet - was aber natürlich nicht heißt, dass ich als Ingenieur nur mein eigenes Fach pushen würde. Das würde meinen Aufgaben in keiner Weise gerecht.Sie selbst stehen mitten in der Forschung, arbeiten an der RWTH Aachen etwa am Aufbau eines Zentrums für Prozesse und Produkte der nächsten Generation. Was reizt Sie an dem neuen Amt, mit dem die Zeit für Ihre eigene wissenschaftliche Arbeit knapper wird?Die Frage habe ich mir natürlich auch gestellt. Ich forsche sehr gerne und schiebe gerne größere Projekte an. Insofern fiel mir die Entscheidung für das neue Amt auch nicht leicht. Mir ist schon klar, dass mich das sehr in Anspruch nehmen wird und ich viele Dinge lassen muss. Gereizt hat mich, mit der Wissenschaftspolitik eine neue Dimension von Wissenschaft kennenzulernen.Sie haben von der eigenen Denke gesprochen. Wo sehen Sie beim Wissenschaftsrat Verbesserungspotenzial?Der Wissenschaftsrat kann mit seinen Stellungnahmen zu ausgewählten Themen durchaus mehr zum Diskurs anregen. 2010 ist das etwa mit den Empfehlungen zu den Theologien und Islamischen Studien sehr gut gelungen. In dieser aktiveren Rolle würde ich mir den Rat noch häufiger wünschen.Was sind die Themen für 2011?Wir werden uns beispielsweise mit den Rechtswissenschaften und deren Weiterentwicklung unter den Bedingungen einer zunehmenden Europäisierung und Globalisierung des Rechts beschäftigen. Auch die Exzellenzinitiative steht auf der Agenda. Inzwischen wurde ja die zweite Phase eingeläutet, die Universitäten haben ihre Antragsskizzen abgegeben. Jetzt beginnt der Auswahlprozess.Die RWTH ist selbst Spitzenuniversität und Sie haben mit der Arbeit für ein erfolgreiches Forschungscluster auch direkt eine Binnensicht bei diesem Thema. Haben Sie sich als Wissenschaftler Veränderungen an der Initiative gewünscht, die Sie jetzt umsetzen könnten?Es handelt sich um ein sehr komplexes Auswahlverfahren, das ich bisher nur aus der Perspektive der Antragsteller kannte. Da ist man nicht immer mit allen Entscheidungen glücklich. Als Vorsitzender des Wissenschaftsrats beschäftigt mich aber auch die Frage: Wie geht es danach weiter?Welche Aufgaben sehen Sie konkret?Auf der wissenschaftlichen Ebene geht es um Ergebnissicherung, etwa darum, was in Zukunft mit den Exzellenzclustern passiert. Aber es geht auch um strukturelle Aspekte und darum, wie langfristig mit den geförderten Zukunftskonzepten umgegangen wird. Die haben sich ja mit solchen Fragen beschäftigt: Wie kriegen wir die besten Studenten? Wie binden wir Top-Forscher? Und schließlich geht es auch um Governance-Strukturen.Inwiefern?Die deutschen Universitäten sind immer noch sehr stark Bottom-up geprägt, mit Partizipation und Gruppenvertretung. Das ist auch gut so. Aber dadurch laufen Entscheidungsprozesse oft zu langsam ab und häufig werden Konsensentscheidungen getroffen, die nicht immer die besten sind.Was müsste denn passieren, um Abläufe zu beschleunigen?An den meisten Hochschulen hat man in der Vergangenheit alle Entscheidungsmacht, über Ressourcen, Strukturen und Personal, den Professoren gegeben. Das hat den Vorteil, dass ein aufstrebender Forscher große Freiheiten genießt, um seine Sache voranzubringen. Die zunehmende Größe der Projekte richtet aber wachsende Anforderungen an ihre fast schon betriebsförmige Steuerung. Ich denke daher, wir brauchen eine gute Mischung von Bottom-up- und Top-down-Strukturen. Tolle Leute sollen auf der operativen Ebene das Substrat für Ideen bilden. Es braucht aber auch eine ordnende Hand, die Schwerpunkte setzt und steuert.Sprechen wir mal über die jüngeren Wissenschaftler, die irgendwann gefrustet an eine ausländische Uni wechseln, weil sie ihnen mehr berufliche Sicherheit verspricht. Auch ein Feld, auf dem der Wissenschaftsrat gefragt ist.Wir haben zunächst einmal ein Umsetzungsproblem. Die Juniorprofessur mit einem Tenure Track-System auf den Weg zu bringen, ist nicht einfach. Thema für den Wissenschaftsrat sind darüber hinaus aber auch die Personalstrukturen; angefangen bei den Betreuungsverhältnissen, die in Deutschland sehr viel schlechter sind als anderswo. Eine Frage ist: Haben wir attraktive, inhaltlich berechenbare Karrierewege für junge Leute? Gibt es vielleicht noch andere interessante Perspektiven als die der Professur? In anderen Ländern gibt es die, zuweilen auch erfolgreich. Da sollten wir noch mal hingucken. Aktuell wäre das eine gute Gelegenheit, weil wir durch die Exzellenzinitiative eine Fülle von Nachwuchswissenschaftlern auf den Weg bringen.Aber dass der Nachwuchs abwandert, hat doch auch damit zu tun, dass er sich hierzulande immer öfter von einer befristeten Stelle zur nächsten hangelt. Was wiederum daran hängt, dass Forschungsgelder für Projekte fließen, deren Finanzierung auf ein paar Jahre begrenzt ist. Müssen da nicht auch die Wissenschaftsorganisationen umdenken?Da haben Sie ein wichtiges Problem angesprochen. Insgesamt ist zwar mehr Geld ins Wissenschaftssystem gekommen. Was aber den Bund betrifft, so kann er die Hochschulen seit der Föderalismusreform nur noch über Projekte fördern. Das hat dazu geführt, dass sich seitdem das Verhältnis von Grund- und Projektfinanzierung zulasten der Grundfinanzierung verändert hat. Hier müssen wir wieder zu einem ausgewogenen Verhältnis zurückfinden. Auch wird erwartet, dass die Hochschulen mehr Rechenschaft darüber ablegen, wofür sie die Projektmittel ausgeben. Wenn man da zwischen der Rechenschaftspflicht einerseits und dem Vertrauensschutz andererseits die Balance hält, könnte ich mir auch längere Laufzeiten und eine gewisse Entschleunigung vorstellen.Wird sich der Rat aktuell gegen das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungsförderung aussprechen?Kritisch kommentiert hat er das Verbot schon immer. Allerdings muss man auch sagen, dass Bund und Länder bei Vorhaben im Hochschulbereich durchaus zusammenarbeiten dürfen und dies auch tun. Es gibt aber einen konkreten Anlass, der Grund zur aktuellen Diskussion mit der Politik gibt: In zwei Jahren fällt die juristische Zweckbindung zumindest für einen Teil der Kompensationsmittel weg, die im Zuge der Föderalismusreform für den Hochschulbau vom Bund an die Länder gehen. Spätestens im nächsten Jahr ist zu klären, wie es weitergeht. Was nach 2018 mit den Kompensationsmitteln geschieht, ist noch völlig unklar. Langfristig könnte ich mir auch vorstellen, dass der Bund sich bei ein paar Universitäten direkt engagiert. Das ist schwierig, ich weiß, aber nicht unmöglich.Ganz anders die Frauenquote: Die Frage, ob sie im Wissenschaftsbereich eingeführt werden soll, hat sich der Rat schon mal vor ein paar Jahren gestellt - und sich mit der Hoffnung, Unis und Forschungsstätten kommen selbst auf die Frau, noch dagegen ausgesprochen. Jetzt ist das Thema wieder aktuell. Wäre eine Quote mit Ihnen zu machen?Ich bin ganz klar für eine starke Beteiligung aller, die zu einer guten Wissenschaft beitragen können. Vor zehn Jahren hätte ich zur Quote noch gesagt: Das macht keinen Sinn. Heute sehe ich, dass man darüber durchaus etwas erreichen kann. Es gibt noch immer zahlreiche strukturelle Barrieren in der Wissenschaft, so dass wir auf dem Weg zur Professur nach wie vor zu viele Frauen verlieren. Und zwar insbesondere nach der Promotion, wenn sich die Frauen gleichzeitig fragen, ob sie trotz unsicherer Beschäftigungsperspektiven Familie haben wollen. Wenn es dann um die Professur oder zusätzlich um die Mitarbeit im Wissenschaftsmanagement geht, wächst der Pool an Kandidatinnen zwar an, ist aber immer noch nicht ausreichend. Gerade diese Probleme kann man aber nicht allein mit einer Quote lösen.Interview: Yvonne Globert------------------------------Experte für ProzesseWolfgang Marquardt ist neuer Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Der Verfahrenstechniker folgt dort nach nur einjähriger Mitgliedschaft auf den Germanisten Peter Strohschneider, der fünf Jahre lang dem Beratungsgremium von Bund und Ländern vorstand.Der Ingenieur lehrt an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, wo er sich mit der Entwicklung und Anwendung modellgestützter Methoden für die Prozesstechnik beschäftigt.------------------------------Foto: Nur ein Resultat der Exzellenzinitiative: Wissenschaftler entwickelten Roboter Eddie in München.