Der israelische Regisseur Arie Zinger inszeniert im Maxim Gorki Theater eine Familientragödie: "Das geht die Deutschen nichts an"

Derzeit probt Arie Zinger (42) am Maxim Gorki Theater Eugene O'Neills Spätwerk "Eines langen Tages Reise in die Nacht", eine düstere Familientragödie, die am Freitag Premiere hat. Zinger hatte in den letzten Jahren mit Inszenierungen in München, Stuttgart und am Hamburger Schauspielhaus große Erfolge. Mit dem Regisseur unterhielt sich Peter Laudenbach. An dem Gespräch nahm auch der Hauptdarsteller Klaus Manchen teil.Berliner Zeitung: Herr Zinger, Sie arbeiten zum ersten Mal im Osten. Ist das eine neue Erfahrung?Arie Zinger: Ich finde es spannend, daß wir verschiedene Biographien haben. Die Arbeit mit diesen Schauspielern ist so interessant und schön, daß die Ost/West-Problematik für mich a priori keine Rolle spielt.Sie haben viel mit Peter Zadek zusammengearbeitet. Er hat vor kurzem in einem Interview zum besten gegeben, daß er DDR-Schauspieler "sehr äußerlich, sehr oberflächlich und mechanisch" findet. Zinger: Ich kann nur sagen, daß ich Zadek für einen sehr bedeutenden Regisseur halte. Aber für mich spielt es keine Rolle, ob jemand aus der DDR kommt oder aus der Schweiz.Sehen Sie das auch so, Herr Manchen?Manchen: Es gibt schon einen Unterschied zwischen der Arbeitsweise im Westen und der im Osten. Mein Werdegang zum Beispiel ist sehr von Brecht beeinflußt, und zwar unmittelbarer möglicherweise, als das im Westen je möglich war. Jetzt ist dieser neue Einfluß da, und ohne daß ich Altes vergesse, kann ich mich auf andere Möglichkeiten einlassen. Auch solch ein Stück zu spielen ist spannend, obwohl ich mir noch nicht ganz sicher bin, ob ich es als gut bezeichnen soll - weil, das Problem, um das es bei O'Neill geht scheint mir doch sehr individuell. Auch fürchte ich, daß dieser ganze Konflikt, der hier stattfindet, harmlos wirkt, gemessen an den viel härteren gesellschaftlichen Problemen, die es heute gibt.Zinger: Ich halte O'Neills Drama für eines der bedeutendsten Stücke des 20. Jahrhunderts, weil es sehr persönlich und autobiographisch ist. Es ist ein Melodram, das mich wirklich angeht. Das Stück ist ein Transportmittel um Gefühle und Zustände, die absolut heutig sind. Es gibt am Gorki Theater eine Spielplanlinie, sich mit jüdischen Stoffen und Autoren zu beschäftigen. Interessiert Sie das?Zinger: Sie meinen, weil ich Jude bin, soll ich auch jüdische Stücke machen? Wenn ich ein Anliegen habe an ein Stück, mache ich es. Bei O'Neills Stück interessiert mich das Motiv der Emigration.Rührt das Interesse an Problemen der Emigration aus Ihrer Biographie?Zinger: Ja, sicher. Ich bin israelischer Staatsbürger, und ich lebe seit achtzehn Jahren in der Bundesrepublik. Im Moment ist es für mich eher eine Erleichterung, daß O'Neills Stück keinen jüdischen Hintergrund hat. Es fällt mir derzeit schwer, mich zu diesem Thema im Theater zu äußern. Weshalb?Zinger: Weil ich finde, daß sich in den letzten drei, vier Jahren die Situation in Deutschland verändert hat. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren kann. Das meine ich nicht kokett. Ich weiß es wirklich nicht. Ich war immer der Ansicht, daß man in der Kunst für Toleranz eintritt, nicht indem man zeigt, daß alle gleich sind, sondern indem man ein Empfinden für das Fremde weckt. Heute habe ich nicht die geringste Lust, in Deutschland ein Empfinden für jüdische Themen zu wecken. Das geht die Deutschen nichts an. Ich dachte immer, der Antisemitismus ist das Problem des Antisemiten und seines Psychiaters und nicht mein Problem. Im Moment fürchte ich, es könnte mein Problem werden. Nicht durch die Skinheads, sondern durch die Art, wie deutsche Intellektuelle wieder einen merkwürdigen Lieblingsspielplatz gefunden haben, den deutschen Nationalismus. Ich bin demgegenüber ratlos. Woher kommt der Spaß an diesem Spiel? Ich vermute, ich muß verstummen, bis diese Welle vorübergegangen ist. Und wenn sie nicht vorübergeht, dann haben wir uns nichts mehr zu sagen, die Deutschen und ich. +++