Sein mächtiger Vollbart war lange eine Art Markenzeichen - Umberto Eco wirkte immer ein bisschen wie eine intellektuelle Version seines Landsmannes Bud Spencer. Inzwischen ist nur ein Schnurrbart geblieben. Und Ecos ausholende Armbewegungen, die er beim Sprechen macht. Auch hier, im Foyer des Bayerischen Hofs in München. Der 79-Jährige gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen Italiens. Jetzt hat er wieder einen Roman geschrieben. "Der Friedhof von Prag" ist ein historisches Puzzle aus realen und fiktiven Ereignissen des 19. Jahrhunderts. Es geht um einen fiktiven Dokumentenfälscher und die reale Kontroverse über die antisemitische Hetzschrift "Die Protokolle der Weisen von Zion". Die Debatte, ob so eine Melange zwischen Fakten und Fiktion zulässig ist, war programmiert.Signor Eco, Sie arbeiten sich seit Jahrzehnten am Thema Religion ab, vor allem der katholischen Kirche stehen Sie sehr skeptisch gegenüber. Würden Sie sich trotzdem noch als Katholik bezeichnen?Der Glaube ist eine Gabe, und diese Gabe wurde mir genommen.Woher dann diese lebenslange Leidenschaft?Schauen Sie, ich war Katholik, bis ich 22 war. Ich schrieb damals meine Dissertation über die Ästhetik von Thomas von Aquin ...... einem der bedeutendsten Theologen und Philosophen des Mittelalters ...... und auch in den Jahren danach habe ich mich immer wieder mit dem Mittelalter befasst. Das ist mein Territorium. Ein katholischer Journalist hat mich mal etwas Ähnliches gefragt, wie Sie jetzt gerade. "Signor Eco, wenn Sie morgen sterben und Gott treffen würden, was würden Sie dann machen?", wollte er wissen. "Machen Sie sich mal keine Sorgen", beruhigte ich ihn, "Gott und ich, wir haben die gleichen Bücher gelesen, darüber könnten wir sehr lange reden."Auch über Papst Johannes Paul II. haben Sie häufig geschrieben. Welches Zeugnis würden Sie seinem deutschen Nachfolger ausstellen?Man muss Joseph Ratzinger zugute halten, dass es für ihn sehr schwer ist, ein populärer und guter Papst nach dem vorherigen zu werden. Johannes Paul II. war einfach ein großer Star. Davon mal abgesehen, glaube ich aber nicht, dass Ratzinger ein großer Philosoph und Theologe ist - auch wenn das im Allgemeinen oft so dargestellt wird.Warum nicht?Seine Polemiken, sein Kampf gegen den so genannten Relativismus sind, wie ich finde, einfach nur sehr grob. Nicht mal ein Grundschullehrer würde es so formulieren wie er. Seine philosophische Ausbildung ist sehr schwach. Man könnte also sagen, ich betrachte Papst Benedikt als guten Kollegen.Sie lachen, aber Sie haben Benedikt scharf für seine These kritisiert, der Atheismus sei für einige der schlimmsten Verbrechen der Menschheit verantwortlich.Das zielte genau auf seinen Kampf gegen den Relativismus ab. Geben Sie mir sechs Monate, dann organisiere ich Ihnen ein Seminar zum Thema Relativismus. Und Sie können sicher sein: Am Ende werde ich Ihnen mindestens 20 verschiedene philosophische Positionen dazu vorlegen. Sie alle in einen Topf zu werfen, wie Papst Benedikt das macht, als gäbe es eine einheitliche Position dazu, das finde ich schlichtweg naiv.So viel Distanz haben Sie nicht zu allen Oberen der katholischen Kirche. Mit dem Mailänder Kardinal Martini beispielsweise pflegen Sie eine freundschaftliche Korrespondenz.Wir hatten einen interessanten Briefaustausch, ja.Martini war lange Kandidat für den Heiligen Stuhl. Sie hätten theoretisch Freund eines Papstes sein können. Ein Alptraum für den Skeptiker Eco?Ich glaube, Martini hatte nie Chancen, Papst zu werden, weil er Jesuit war. Es gab nie einen Papst von den Jesuiten. Weil die Kirche immer fürchtete, die Jesuiten seien zu sehr mit subversiven Denkern verbunden. Das war das Handicap für Martini. Er ist im Übrigen ein sehr offener Mensch, eine wunderbare Person.Offenbar konnte aber auch er nicht verhindern, dass ihr neuer Roman im L'Osservatore Romano, der Tageszeitung des Vatikans, verrissen wurde. Und während die italienischen Feuilletons die Geschichte um einen Dokumentenfälscher, der an einer antisemitischen Hetzschrift mitwirkt, lobten, fragte die deutsche Website "katholisches.info", ob ihr neuer Roman antisemitisch ist. Hat Sie der Gegenwind überrascht?Nein. Da ist in bestimmten Teilen der Presse wieder einmal viel aufgebauscht worden, weil die Journalisten einen Scoop brauchten. Aber der Verlauf dieses kleinen Eklats ist komplex. Sie haben ihn angesprochen, ich würde gerne ausführlich darauf antworten. Darf ich?Bitte.Folgendes ist passiert. Ich habe dem Oberrabbiner von Rom, Riccardo Di Segni, ein Interview zu meinem Buch gegeben, das Gespräch wurde in L'Espresso veröffentlicht. Er liebte mein Buch - aber er hatte einen Einwand. Er sagte mir: "Nun gut, Signor Eco. Ich verstehe Ihre Absicht: Sie haben Ihren Roman geschrieben, um zu zeigen, dass die ,Protokolle der Weisen von Zion' reine Fiktion sind."Jene berüchtigte Hetzschrift, die eine Weltverschwörung der Juden belegen soll und die Hitler zu seiner sogenannten Endlösung inspiriert hat.Ja. Der Oberrabbiner weiter: "Aber um diesen Beweis erbringen zu können, waren Sie gezwungen, im Verlauf Ihres Romans noch einmal alle Argumente des Antisemitismus auszubreiten." Und dann fragte er sich und mich: "Kann ein unbedarfter Leser von diesen Argumenten verführt werden?" Ich antwortete ihm, jeder Jugendliche könne doch heute im Internet Hunderte von Informationen über diese Protokolle finden. Außer in Deutschland und Österreich kann man diese Pamphlete übrigens in jeder Buchhandlung kaufen. Ich sagte ihm weiter: "Ich habe in dem Roman mein Bestes getan, um eindeutig zu zeigen, dass diese Protokolle von einem Verbrecher geschrieben wurden und dass sie Fälschungen sind."Wenn man Fiktion ständig wiederholt, wird sie für manche zur Realität - das zeigt die Strahlkraft, die dieses Pamphlet bis heute hat. Die Hamas beispielsweise beruft sich in ihrer Charta auf die "Protokolle".Es gibt zahlreiche weitere Beispiele. Wie auch immer: Der Oberrabbiner hatte seinen Einwand mir gegenüber sehr höflich vorgebracht. Dann schrieb er dazu noch einen Artikel für die Zeitschrift Pagine Hebraiche (Jüdische Seiten, d. Red.). Er widmete meinem Roman acht Seiten. Sechs davon waren extrem wohlmeinend. In derselben Ausgabe gab es sogar eine weitere Rezension der jüdischen Historikerin Anna Foa, die sehr kritisch war. Am Ende seines Artikels fragte der Rabbi: "Sollten wir Umberto Eco dafür danken, dass er auf so wunderbare Weise die Geschichte einer Fälschung aufgeschrieben hat, oder sollten wir Angst haben, dass man es missverstehen könnte? Ehrlich gesagt: Ich weiß es auch nicht."Der Vatikan scheint diese Frage für sich klar beantwortet zu haben.Moment! L'Osservatore Romano war tatsächlich ein bisschen wie vom Blitz getroffen - aber nicht von den Argumenten, die der Rabbi vorbrachte. Nein, der Vatikan hat offenbar eher daran Anstoß genommen, dass die Jesuiten in der gesamten Geschichte des Antisemitismus des 19. Jahrhunderts ganz vorn mit dabei waren. Genau wie übrigens Leo XIII., der von 1878 bis 1903 Papst war.Diese Verärgerung kann Sie doch nicht ernsthaft wundern! Schließlich greifen Sie damit das Oberhaupt der katholischen Kirche an."Der Friedhof von Prag" ist ein historischer Roman - ich zitiere zu diesem Themenkomplex nur bekannte Dokumente. Im Vatikan waren sie aber trotzdem verstimmt. Statt nun jedoch gegen meine Schilderung der Jesuiten im Zusammenhang mit dem Antisemitismus zu protestieren, stellten sie sich hin und sagten: "Seht her, Ecos neuer Roman wird von jüdischen Kritikern verrissen."Was natürlich erheblich größere Sprengkraft hat ...... und deshalb haben sie in L'Osservatore Romano aus den acht Seiten der Pagine Hebraiche nur die negativen Passagen abgedruckt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatten dann auch alle anderen Zeitungen ihren Scoop - aber wie so was funktioniert, muss ich Ihnen ja nicht erklären.Wie waren danach die Reaktionen in den jüdischen Gemeinden Italiens?Für viele jüdische Kritiker in Italien war das alles keine große Sache. Sie waren auf meiner Seite. Einer von ihnen schrieb: "Nur ein Geistesgestörter kann diese Vorwürfe gegen Eco ernst nehmen." Da hatte sich in der ersten Woche nach der Veröffentlichung in Italien aber schon eine enorme Aufregungswelle aufgetürmt. Und ein bisschen davon ist, wie ich an Ihren Fragen merke, auch bei Ihnen in Deutschland angekommen. Was soll ich noch sagen: All das hat die Verkäufe meines Buches natürlich beschleunigt.Ganz ehrlich: War da nicht ein bisschen Kalkül dabei?Ganz ehrlich: In diesem Fall wäre es mir ausnahmsweise lieber gewesen, es hätte sich nicht so gut verkauft, wenn mir dafür diese Art von Medien-Empörung erspart geblieben wäre. Egal, kurz danach hatte mich eine jüdische Gemeinde in der Nähe von Rom eingeladen, um über das Buch zu sprechen. Am Ende gibt es kein ernsthaftes Problem.Trotzdem: Wieso stellen Sie dieses kontroverse Thema ins Zentrum Ihres Romans? Sie haben doch schon 1994 in einem Essay geschrieben, dass es sich bei den Protokollen um Fälschungen handelt. Später verfassten Sie das Vorwort zu einem Comic von Will Eisner über dieses Pamphlet. Reicht Ihnen das nicht?Wissen Sie, es gibt ja viele Fälschungen in der Geschichte der Menschheit. In diesem Fall hat es mich schon immer gleichermaßen fasziniert wie empört, dass die Protokolle ausgerechnet zu dem Zeitpunkt ernst genommen und als wahr angesehen wurden, als eine gewissenhafte Recherche der Londoner Times nachwies, dass es sich um Fälschungen handelte.Das war im Jahr 1921. Kurze Zeit später hat sich Hitler auf die Protokolle berufen.In meinem Roman erwähne ich am Ende, wie Hitler in "Mein Kampf" schreibt: Nur weil die - ich glaube, es war die - Frankfurter Rundschau, in seinen Augen eine jüdische Zeitung, immer wieder behaupte, die Protokolle seien eine Fälschung, sei das für ihn der Beweis, dass sie echt sein müssen.Mit Verlaub, die Frankfurter Rundschau gab es damals noch nicht ...Ja, richtig, ich meinte die Frankfurter Zeitung. Wie auch immer: Ich war von den "Protokollen der Weisen von Zion" immer fasziniert wie von einem Monster, von einem Ekel. Also entschied ich mich, nach all den Jahren, die mich das beschäftigt hat, einen Roman darüber zu schreiben.------------------------------Foto: UMBERTO ECO Am 5. Januar 1932 in Alessandria geboren, wurde der Autor mit den Romanen "Der Name der Rose" (1980) und "Das Foucaultsche Pendel" (1988) weltberühmt. Der Philosoph und Medienwissenschaftler war von 1971 bis 2007 Professor für Semiotik an der Universität Bologna. Ecos neuer Roman "Der Friedhof von Prag" (Hanser) erscheint am 8. Oktober. Im Herbst kommt der 79-Jährige auf eine Lesereise nach Deutschland. Am 15. 10. liest er im Frankfurter Schauspiel; am 17.10. in der Kölner Oper, am 18. 10. in der neuen Aula in der Universität Tübingen sowie am 20. 10. im Hamburger Thalia Theater.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.