Es glich einer Hiobsbotschaft. Der Jahreszeiten-Verlag will allen schreibenden Redakteuren kündigen und Texte künftig bei freien Journalisten einkaufen. Im Spiegel war von "Massenentlassung" die Rede. "Offenbarungseid", schallte es Verleger Thomas Ganske entgegen. Er erhielt den Rat, wenn er sich keine Redaktionen mehr leisten könne, sollte er es besser lassen.Der Jahreszeiten-Verlag ist ein Traditionshaus mit mehr als 100-jähriger Geschichte. Seit fünf Jahren sitzt er in einem modernen Gebäude in Hamburg-Winterhude. Nach Ostern soll hier eine Betriebsversammlung stattfinden. Von denen, die gekündigt werden, sind die meisten Frauen. Viele hoffen, vom Verlag künftig Aufträge als Freie zu bekommen. Wohl deshalb ist hier nirgendwo ein Plakat zu sehen oder andere Hinweise auf Protest.Peter Rensmann ist einer der Geschäftsführer des Verlags und damit einer der Verantwortlichen für diesen bisher undenkbarsten aller Einschnitte in die Arbeit von Redaktionen. Er spricht davon, dass viel Einseitiges berichtet worden sei. Es habe keine Alternative gegeben, um den Verlag "zukunftsfit" aufzustellen, sonst wären weitere Arbeitsplätze gefährdet. Er zieht ein Papier aus der Schublade und zeigt ein Organigramm der neuen Redaktionsstruktur für alle im Jahreszeitenverlag erscheinenden Zeitschriften. Oben steht der Chefredakteur inklusive Stellvertreter, darunter, mit je einem Stellvertreter, der Art Direktor und die Ressortleiter; davon abgetrennt rechts ist die sogenannte Service-Redaktion aufgelistet. Sie arbeitet zentral für alle Zeitschriften und besteht aus dem Chef vom Dienst, der Herstellung, den Bildredakteuren. Festangestellte Grafiker und schreibende Redakteure sieht das Organigramm nicht vor.Die neue Struktur ermögliche mehr Flexibilität, sagt Rensmann. Zwar würden die Honorarbudgets deutlich erhöht, doch er sagt nicht, um welche Summe. Fest steht: Unterm Strich werden die Kosten sinken. Rensmann sagt, damit habe der Verlag eine Perspektive für die nächsten fünf bis zehn Jahre.Rensmann nennt die konjunkturelle und strukturelle Krise als Gründe für die Lage und das Internet, in das Leser und Anzeigenkunden abwanderten. Worüber er nicht spricht, sind hausgemachte Probleme. Zehn Titel erscheinen im Jahreszeiten-Verlag: Für Sie, Petra, Vital, Merian, Feinschmecker, Architektur & Wohnen, Zuhause Wohnen, Selber Machen, Prinz und Country. Damit erwirtschaftete der Verlag mit 380 Mitarbeitern 2007 - aktuellere Zahlen gibt es nicht - gerade mal 87 Millionen Euro, davon 53,5 Millionen Euro mit Werbung und 30 Millionen mit dem Vertrieb.Knapp profitabelSeither ist der Umsatz um 20 Prozent geschrumpft. Angeblich ist der Jahreszeitenverlag profitabel, wenngleich "auf niedrigem Niveau", sagt Rensmann. Der Verlag gehört zur Ganske Gruppe, die um ein Vielfaches größer ist, rangiert jedoch weit hinter Gräfe und Unzer, dem profitabelsten Tochterunternehmen, gefolgt von Hoffmann und Campe und dem Lesezirkelunternehmen Leserkreis Daheim. Was dem Haus neben der schieren Größe fehlt, sind neue Titel, die den Schwund der etablierten hätten ausgleichen können. Die Ursache könnte mangelnde Innovationsfähigkeit sein. Vor allem aber fehlte das Geld. Verleger Thomas Ganske verlor 30 Millionen D-Mark, bis er Tempo 1996 einstellte, und gar 75 Millionen Euro, bis er 2002 der Zeitung Die Woche 2002 den Todesstoß versetzte. Seither ist wenig passiert. Die letzte Neuentwicklung, das Nischenprodukt Wein Gourmet, wurde 2009 eingestellt.Rensmann sagt, die Zeitschriften bildeten "ein sich gegenseitig stabilisierendes Portfolio". Ihre Themen und Inhalte werden innerhalb der Gruppe für andere Medien genutzt: für Reiseführer, Koch- oder Ratgeberbücher. Das ist mehr Service als Journalismus. Von Stern-Gründer Henri Nannen stammt der Ausspruch, ein Blatt entstehe auf den Fluren einer Redaktion. Er meinte lebendige Redaktionen mit Journalisten, die sich gegenseitig inspirieren. Wenn man das beim Jahreszeiten-Verlag anders sieht, sagt das viel über die dort erscheinenden Blätter.Gegenstand der anstehenden Verhandlungen mit dem Betriebsrat sind 70 Stellen. Davon seien weniger als die Hälfte Redakteursstellen, sagt Rensmann. Aber selbst diese drei Dutzend entsprechen bereits einem Drittel aller im Verlag beschäftigten Journalisten. Was der Verlust des vermeintlich sicheren Arbeitsplatzes für den Einzelnen bedeutet, wird am Ausgang des Verlagsgebäudes klar. Beim Abschied am Ausgang läuft eine Psychologin am Pförtner vorbei und nimmt den Lift nach oben. Sie gehört zum Coaching-Team, das den vor der Kündigung stehenden Mitarbeitern bei der Lebensplanung helfen soll.------------------------------Foto: Redaktionen ohne Redakteure: der Hamburger Jahreszeiten-Verlag.