Vor einem Jahr, am Abend des 10. Juli 2002, fegte ein Orkan mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 152 Stundenkilometern über Berlin. Tische, Stühle und Sonnenschirme von Straßencafés wirbelten durch die Luft, ebenso Verkehrsschilder und Baugerüste. Vier Menschen starben. Etwa 11 000 Bäume wurden entwurzelt oder so beschädigt, dass sie gefällt werden mussten. An einigen Orten sind die Folgen des "Jahrhundertsturms" immer noch sichtbar. ----Insel Schwanenwerder (Wannsee): Das Eingangstor zum Kinder- und Jugendzeltplatz ist verschlossen, das Büro auch. Überall auf dem Gelände liegen umgestürzte Bäume, Bruchholz und verdorrte Äste. "Nicht zerschneiden, daraus entsteht ein Spielgerät!", steht auf einem Zettel, der an einem umgestürzten Baum angenagelt ist. Vor einem Jahr verbrachten Kinder auf dem Jugendzeltplatz an der Havel ihre Sommerferien. Durch den Sturm knickten dort innerhalb weniger Minuten rund hundert Bäume um. Zwei Jugendliche starben, als ein Baum auf ihr Zelt fiel. "Ein Sturm in diesem Ausmaß war nicht kalkulierbar", sagt der Leiter des Naturschutz- und Grünflächenamtes von Steglitz-Zehlendorf, Friedrich Dannenberg. Wenige Tage zuvor waren die Bäume auf dem Gelände begutachtet worden. "Alle Bäume waren kerngesund" sagt Dannenberg. Kein Pilzbefall, keine Stamm- und Wurzelschäden. Ein Jugendlager wird es auf Schwanenwerder nicht mehr geben. Ein Gutachten, das vom Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf in Auftrag gegeben wurde, stellte fest, dass noch hundert Bäume auf dem Gelände einsturz- und abbruchgefährdet sind. "Als Zeltlager können wir das Gelände nicht mehr nutzen", sagt der zuständige Stadtrat Erik Schrader (FDP). Schulklassen fahren jetzt ins Schullandheim nach Reinickendorf. Das Wassergrundstück Schwanenwerder soll der Liegenschaftsfonds verkaufen. Ein Teilerlös soll der Jugendfreizeit im Bezirk zugute kommen. ----Meinekestraße (Charlottenburg): Die kleine Seitenstraße des Kurfürstendammes hat sich seit dem Sturm ziemlich verändert, sagt Leopold Gawartin. Der Inhaber eines Juweliergeschäftes findet, dass die alten Platanen und Linden der Straße ihr Flair gaben. Das fehle jetzt, obwohl Bäume da sind. Aber es sind junge, dünne. Innerhalb von Sekunden kippten vor einem Jahr 15 der alten Bäume auf die Straße und auf parkende Autos. "Es war ein Chaos", sagt Gawartin. Mit Passanten und Gästen des benachbarten Restaurants versteckte sich der Juwelier hinter der Gittertür zu seinem Laden im Hausdurchgang. Dort war es sicher. Ein großer Baum riss die Markise seines Geschäftes herunter. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Noch immer ist der Sturm Gesprächsthema in der Straße. "So etwas erlebt man nicht alle Tage", sagt Gawartin. An den Abend des 10. Juli 2002 erinnert heute eine große Schrifttafel, die wie ein Verkehrsschild auf der Straße steht. Darauf sind die Namen jener Geschäftsleute und Anwohner vermerkt, die Geld für 15 neue Bäume spendeten. Junge Platanen und Linden wurden im Oktober 2002 genau an die Stellen gepflanzt, an denen einst die alten große Bäume standen. ----Golgatha-Friedhof (Reinickendorf): Aus dem Grab der Familie Fleischer ragen die Wurzeln einer alten Eiche, auf dem schmalen Gehweg davor haben die Wurzeln die Steinplatten hochgedrückt. Die Schäden, die der Sturm vor einem Jahr auf dem Friedhof Golgatha-Gnaden-St.-Johannes an der Holländerstraße angerichtet hat, sind an einigen Stellen noch immer deutlich zu sehen. Der Sturm schlug eine 300 Meter lange und 80 Meter breite Schneise. 90 Bäume fielen um, manche waren hundert Jahre alt. Es war der größte Schaden, den der Sturm auf einem Berliner Friedhof angerichtet hat. Tagelang mussten Trauergäste über umgestürzte Bäume zu den Gräbern ihrer Angehörigen klettern. An einigen Stellen rissen die Wurzeln umgestürzter Bäume Urnen und Reste Verstorbener an die Oberfläche. "Mittlerweile haben wir die größten Schäden beseitigt", sagt der Friedhofsverwalter Jochen Schmidt, der seit einem Jahr statt der üblichen Bürokleidung praktische Arbeitsklamotten trägt. Denn es fehlen Arbeitskräfte und ein Gärtner. An Stellen, die für Gräber und Bepflanzungen bisher zu dunkel waren, weil dort viele hohe Bäume standen, können jetzt Verstorbene beerdigt werden. Auf ihre Gräber wird viel Licht fallen.Entwurzelte oder zerstörte Bäume // Sturm am inzwischen Sturm am Bezirk 10. 7. 2002 neu gepflanzt 23. 6. 2003.Charlottenburg-Wilmersdorf 1 075 225 200.Friedrichshain-Kreuzberg 200 40 130.Lichtenberg 329 31 29.Marzahn-Hellersdorf 150 0 10.Mitte 4 100 250 265.Neukölln 197 0 22.Pankow 697 1 041 134.Reinickendorf 2 700 250 21.Spandau 180 50 216.Steglitz-Zehlendorf 1 000 500 400.Tempelhof-Schöneberg 137 230 81.Treptow-Köpenick 50 500 42.Gesamt 10 815 3 117 1 550.DPA/WOLFGANG KUMM 11. Juli 2002: Die Meinekestraße ist verwüstet.BLZ/MAX LAUTENSCHLÄGER 16. August 2002: Alle Baumschäden sind beseitigt.BLZ/GERD ENGELSMANN 8. Juli 2003: Die neuen Bäume wachsen.