Der heute achtzigjährige Konrad Latte stammt aus dem Breslauer Bildungsbürgertum. Die Familie trieb sonntags Hausmusik, sang die romantischen Kunstlieder von Schubert, Schumann, Brahms und Wolf, las sich Goethe und Thomas Mann vor. Konrads Vater Manfred, Textilkaufmann und Jurist, hatte im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger für das Deutsche Reich gekämpft. Als im Gymnasium ein neuer Lehrer kommandierte: "Arier, melden!", da hob, weil ihm die Bezeichnung nichts sagte, auch der elfjährige Konrad die Hand. Er wurde ausgelacht, bekam eine Ohrfeige und musste auf die jüdische Schule wechseln. Dort hatte er fromme Mitschüler und hörte erstmals von koscherem Essen. All das blieb ihm fremd. Konrad Latte hätte sich vielleicht nie dafür interessiert, dass er Jude ist, hätten ihn nicht die Nazis dazu gezwungen.Es folgten die üblichen, zunehmend lebensbedrohlichen Schikanen, Pöbeleien und Übergriffe. Latte wusste zunächst nicht, was mit den Deportierten geschah, wohl aber, dass keiner zurückkam. 1943 tauchte er zusammen mit seinen Eltern, die er dazu mühsam hatte überreden müssen, in Berlin unter. Margarete und Manfred Latte starben trotzdem in Auschwitz, Konrad aber entging dem Transport, weil nichtjüdische Menschen ihm halfen. Einige, wie der Komponist Gottfried von Einem und der Schweizer Pianist Edwin Fischer, sind wenigstens in bestimmten Kreisen berühmt, und nach dem Tegeler Gefängnispfarrer Harald Poelchau heißen in Berlin-Marzahn ein S-Bahnhof und eine Straße; an Frau Scholz, die Waschfrau der Lattes, erinnert Konrad Latte selbst; von anderen, Leuten auf der Straße, hat auch er den Namen nie erfahren.Statt sich so unauffällig wie möglich zu verhalten, tat der Untergetauchte, der unbedingt Musiker werden wollte, etwas scheinbar Irrwitziges: Er ließ sich ausbilden. Suchte die genannten und andere bedeutende Musiker auf, bat um Unterricht und sagte ihnen, wer er war. Spielte die Orgel in evangelischen Gottesdiensten und tourte zuletzt, man kann es kaum glauben, als Kapellmeister einer Wehrmachtsunterhaltungstruppe. Mehrmals wurde er denunziert, doch weil er sich den Richtigen anvertraut hatte, kam er durch. 1953 gründete er, zunächst unter anderer Bezeichnung, das Berliner Barock-Orchester, das er bis 1997 erfolgreich leitete.Wie wahrscheinlich war es, dass Latte überlebte? Der 1940 geborene Schriftsteller Peter Schneider, dem der Musiker seine Geschichte erzählt hat, nennt Zahlen. Ungefähr 85 000 jüdische Berliner konnten rechtzeitig emigrieren, etwa ebenso viele endeten in den Vernichtungslagern. In den Untergrund gingen wesentlich weniger Juden: Im ganzen Reich waren es wohl 5 000 bis 10 000, zirka die Hälfte davon in Berlin. Etwa 2 000 "Illegale" haben die Nazi-Zeit in der Hauptstadt überstanden. Die Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz und Beate Kosmala sprechen als Faustregel von sieben Unterstützern, die es gebraucht habe, um einen Juden zu retten. Latte kennt fünfzig Helfer mit Namen.Überschlägt man, wie viel Gerechte es im Deutschen Reich gegeben haben mag, fällt das Ergebnis furchtbar niedrig aus - und überraschend hoch. Denn diese Helden riskierten, überwiegend wissentlich, ihr Leben. Die Denunzianten, die Überzeugungstäter, die persönlichen Bereicherer waren überall. Machtgewohnte Herrenmenschen aus großen Familien gehörten ebenso dazu wie rachsüchtige Volksgenossen, dumme Verlierer, die die Begabten hassten.Wer wehrt sich gegen eine solche Übermacht? Schneider stellt Fragen, vor denen man sich nicht drücken sollte: "Was befähigt einige Menschen dazu, ihrem stärksten Trieb, dem Überlebensinstinkt, zuwiderzuhandeln? Fehlt ihnen etwas? Handelt es sich um Heilige? Sind sie besonders indoktriniert, besonders naiv oder nicht ganz dicht?" Schneiders Antwort lässt sich um eine These ergänzen. In der "Geschichte eines Deutschen" schreibt Sebastian Haffner über die Zeit, in der die Weimarer Demokratie weggeworfen wurde: "Es zeigte sich, dass eine ganze Generation in Deutschland mit dem Geschenk eines freien Privatlebens nichts anzufangen wusste. " Die Leute zogen ihre Gefühle aus dem Staat, fühlten sich lebendig nur im organisierten Größenwahn. Fasst man den Begriff "Privatleben" nun so weit, dass er alles einschließt, was Menschen aus sich heraus tun, weil sie es mögen und brauchen, ohne Politik, so hatte Konrad Latte auch in den Nazi-Jahren ein starkes Privatleben: die Musik, die Familie, eine Frau und dann noch eine. Es ist - so frivol das Wort hier klingt - eine Pointe, dass er einige seiner wichtigsten Helfer kennen lernte, indem er auf selbstmörderisch wirkende Art seine Musikalität auslebte - und dabei auf Menschen traf, die es, so weit möglich, ähnlich hielten. Seine Denunzianten dagegen handelten rein politisch, sie wollten, was die Partei wollte, sonst hatten sie nichts. Sie waren leer.Vielleicht wäre daraus zu lernen, dass das heute viel beklagte Desinteresse an der Politik gesund und normal ist. Zivilität bemisst sich daran, ob die Menschen dazu kommen, einfach ihr Ding zu machen. Wenn das nicht geht, wenn man sich die Politik nicht vom Leib halten kann, wird es blutig. Der Nationalsozialismus war eine extrem erfolgreiche Politisierung. Damals gab es, wovon Leitartikler träumen: eine Regierung und ein Volk, die wirklich etwas ändern wollten. Durch diese Gesellschaft ging ein Ruck.Peter Schneider: "Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen. ". Wie ein jüdischer Musiker die Nazi-Jahre überlebte. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2001. 159 S. , 34,90 Mark.