Saufen und Raufen, Plündern und Vergewaltigen, aber auch Lieben, Dichten und Shoppen - so könnte man lakonisch zusammenfassen, was die heldenhaften und ruhmreichen Sowjetsoldaten zum Ende und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschäftigte. Leutnant Wladimir Gelfand jedenfalls beschreibt die Kampfgefährten in seinem Tagebuch wenig schmeichelhaft als einen ungebildeten und groben, korrupten und diebischen, durch Missgunst sowie übermäßigen Genuss von Alkohol gefährlichen Haufen.Ende April 1945 zieht Gelfand mit der Roten Armee in Berlin ein. Der damals 22-Jährige führte das Tagebuch unter dem Eindruck der Kämpfe während des Vormarschs auf Berlin und der Erlebnisse im ersten Jahr der Besatzung, aber es ist keinesfalls nur der Sieger, der aus diesen Aufzeichnungen spricht: Als ukrainischer Jude war Gelfand dem unverhohlenen Antisemitismus in der Armee ausgesetzt; offen schreibt er über den Rassismus der Sowjetarmisten, obwohl schriftliche Zeugnisse dazu gewiss nicht erwünscht waren - tatsächlich wurden seine Notizen wiederholt beschlagnahmt. Seiner Herkunft rechnet Gelfand an, dass er bei Auszeichnungen lange übergangen wird, obwohl er in vorderster Linie gekämpft hat. Mehr als einmal notiert er Drohungen, ihn "bei nächster Gelegenheit kalt zu machen". Stalins Armee - das ist in diesen "Aufzeichnungen eines Rotarmisten" ein chaotisches Heer, dessen Angehörige die Gewalt unbarmherzig auch gegeneinander kehren.Dies ist das erste private Tagebuch eines Offiziers der Roten Armee, das auf deutsch vorliegt. Aus einer mehrere Koffer umfassenden Hinterlassenschaft ausgewählt sowie kenntnisreich und geradezu liebevoll kommentiert hat es die Historikerin Elke Scherstjanoi. Der in Ostdeutschland einst rituellen Überhöhung der Sowjetarmee widerspricht sein Inhalt heftig, nachdem bereits die Wiederauflage des Anonyma-Tagebuchs "Eine Frau in Berlin" die Massenvergewaltigungen von Frauen und Mädchen durch russische Besatzer thematisiert hat. Auch Gelfand berichtet von solchen Vergewaltigungen - und macht sich kaum Freunde unter den Kameraden, wenn er gegen Gewalt und Unmoral vorgeht. Die Grausamkeit der Sieger ist ihm nicht nur zuwider, er findet sie auch unwürdig: In seinem Tagebuch präsentiert sich Wladimir Natanowitsch Gelfand als Schöngeist; 1945/46 will er noch Schriftsteller werden und sucht den ihn umgebenden "geistlosen Menschen" und der Verrohung der Sitten mit Anstandsregeln und einem recht papierenen Ehrbegriff zu begegnen. In schriftlichen Rapports zeigt er Fehlverhalten und Schikanen an - der Leser lernt einen sensiblen, aber auch ehrgeizigen und unglaublich naiven Menschen kennen, der für schlichtere Kameraden gewiss eine Provokation darstellte. So ist dieses Tagebuch nicht nur eine Chronik des deutschen Zusammenbruchs und der Besatzerwillkür - es erzählt auch die Geschichte eines romantischen Außenseiters, der sich selbst - das zeigen noch die Fotos im Anhang - hochgradig stilisiert.Interessant ist diesbezüglich auch der Tonfall der Aufzeichnungen: Der junge Leutnant war Mitglied der Kommunistischen Partei und wollte sogar Politoffizier werden; sein schwärmerisches Pathos wurde sicher dadurch befeuert, dass er Heimat und Familienangehörige fünf lange Kriegsjahre nicht gesehen hatte. Dass Gelfand regen Anteil an der internationalen politischen Entwicklung nahm (er trauert um Roosevelt), belegen seine Kommentare aber ebenso wie die Tatsache, dass er sich zwar für deutsche Kunst und Kultur begeisterte, mit dem Alltag der Deutschen nach der Kapitulation sich aber nur insoweit befasste, als der seine erotischen Interessen berührte.Die waren vital; der attraktive Gelfand hatte viele deutsche Freundinnen. Dass die Begegnungen zwischen Deutschen und Sowjetsoldaten nicht allein von Hass und Gewalt geprägt waren, auch das machen seine Notizen deutlich: Sicher gab es da viele Versorgungsverhältnisse, aber Gelfand ist der aufrichtigen Zuneigung, mit der er überschüttet wird, auch öfter mal überdrüssig. Und hadert dann damit, auch noch undankbar zu sein für sein gutes Aussehen! Sein Frauenbild war ideologisch und pragmatisch zugleich: Ein deutsches Mädchen, und sei es noch so schön, schreibt er, könne er nie so lieben wie ein "Mädchen aus der UdSSR". Doch die Rassentheorien eines hübschen "Fräuleins" will Gelfand eher kurios finden, obwohl die Deutschen den größten Teil seiner Familie vergast hatten.So spricht aus diesen Aufzeichnungen, und das ist tröstlich, auch schlicht ein sehr junger Mann, der sich ausgiebig mit sich selbst beschäftigt, weil er sich ergründen und mit Haut und Haar leben will. Im Krieg, fern der Familie, hat er dazu viel Gelegenheit.------------------------------Wladimir Gelfand: Deutschland-Tagebuch 1945-1946. Aufzeichnungen eines Rotarmisten. Hrsg. von Elke Scherstjanoi. Aus dem Russischen von Anja Lutter und. Hartmut Schröder. Aufbau, Berlin 2005. 356 S., 22,90 Euro.