Herr Nuhr, wie viel Wahrheit verträgt der Mensch?Anscheinend nicht viel. Der Mensch lügt statistisch gesehen so 100 Mal am Tag. Ich möchte mal wissen, wer das gemessen hat, aber trotzdem: Ohne Lüge kommen wir nicht aus. Zum Beispiel wissen wir heute aus der Wissenschaft, dass man sich gerne an Ereignisse in der Kindheit erinnert, die gar nicht stattgefunden haben können. Wir lügen uns also sogar unsere eigene Biografie zurecht.Alle verlangen, die Wahrheit zu hören ...... Dabei ist die meistens unerfreulich. Es gibt sogar Momente, wo man sie unbedingt vermeiden sollte: "Willst du die hier Anwesende lieben und ehren, bis dass der Tod euch scheidet?" Dann ist es nicht angeraten zurückzufragen: "Hm, wann soll der Tod denn eintreten?" Oder wenn man gefragt wird: "Schatz, was denkst du gerade?", muss man nicht unbedingt mit der Wahrheit heraus. Ich halte es für eine große Idiotie, dass man sich angeblich in einer Partnerschaft alles sagen sollte. Es gibt Bereiche, die möchte ich gern für mich haben.Die Lüge hält Ehen und Arbeitsverhältnisse aufrecht, sie rettet die Kommunikation und manchmal sogar das Leben.Richtig, Lügen muss nichts Schlimmes sein. Aber ich bin ganz schlecht darin, weil ich es nicht durchhalte. Ich wüsste morgen nicht mehr, was ich heute gesagt habe.Was bleibt jenseits der Wahrheit und der Lüge?Höflichkeit. Höflichkeit und Ehrlichkeit schließen sich ja oft aus. Man sollte der eigenen Tante nicht am Telefon mitteilen, dass man ihre Stimme nicht erträgt. Besser ist es, man geht zur Tür, klingelt und sagt dann: "Oh, da kommt einer, ich muss aufhören ..." So macht es der Gentleman.Um geradezu existenzielle Fragen wie Wahrheit, Glauben, den Sinn des Lebens kreisen Ihre Programme immer wieder. Der Erfolg gibt Ihnen recht.Ich rede halt über das, was mich beschäftigt. Warum sind wir da? Was soll das Ganze überhaupt? Ich denke gern über unsere beschränkte Erkenntnisfähigkeit nach. Wir wissen ja irgendwie nichts ganz genau, reden uns aber alles zurecht und ordnen uns so die Welt. Das führt dazu, dass wir nachts minutenlang an roten Ampeln herumstehen, weil das im Prinzip richtig ist. Weit und breit kein Zeichen von Leben, keine Sau, kilometerweit. Doch man bleibt stehen und stehen. Ordnung ist uns offenbar allemal wichtiger als Sinn. Vielleicht dient die Ampel ja zur Beruhigung. Dem Bürger soll mitgeteilt werden: Auch nachts herrscht Ordnung. Alles geht seinen Gang. Und der Mensch kommt zum Innehalten.Mal zitieren Sie aus der Bibel und dem Koran, mal zerpflücken Sie die Verlautbarungen der Deutschen Bahn. Kann man sagen, dass es Ihnen, bei aller Heiterkeit, auch um Aufklärung geht?Das stimmt. Ich möchte mein Vergnügen am Denken mit meinem Publikum teilen. Eine gewisse Botschaft sollte schon sein. Es hilft beim Reden, wenn man etwas zu sagen hat. Auch wenn so ein Abend leicht wirkt, muss er nicht inhaltslos sein. Ich glaube, gerade deshalb kommen die Leute wieder.Ist es der Albtraum eines Kabarettisten, eine vermeintliche Pointe zu landen, und keiner lacht?Den ganzen Abend ohne Lacher, das könnte ich gar nicht aushalten. Dieses Feedback braucht man unbedingt. Übrigens ändern sich von Abend zu Abend, von Stadt zu Stadt die Stellen, an denen gelacht wird. Kollektive Aufmerksamkeit, auch ein interessantes Thema.Sie gelten als Star der Kabarettistenszene, die Kritiker bejubeln Sie als Phänomen.Seit ein paar Jahren läuft es sehr gut. Viel funktioniert übers Hörensagen, Fernsehen spielt da gar keine so große Rolle. Manche Kollegen tauchen häufiger auf dem Bildschirm auf und stehen dann vor halbleeren Sälen. Es ist schon ein erstaunlicher Vorgang: Einer spricht, und 2 000 Leute hören zu.Setzt Sie das unter Druck, den einmal erreichten Status zu halten?Das geht doch allen so. Auch ein Profifußballer muss immer wieder Leistung zeigen, sonst ist er ganz schnell weg vom Fenster.Der kann sich dann aber auf seinen Millionen ausruhen.Ich kann auch sehr gut leben von meinem Beruf, meine finanziellen Sorgen halten sich in Grenzen. Aber man fängt ja nicht als Profifußballer an, sondern weil einem dieser Sport so viel Spaß macht. So geht's mir auch. Ich hab' so viele Ideen, dass ich morgen ein neues Programm machen könnte. Aber damit muss ich sorgsam umgehen. Ein Fußballer wird einen Freistoßtrick auch nicht dann verbraten, wenn es für seine Mannschaft 5:0 steht.Obwohl man Ihre Programme keineswegs unpolitisch nennen könnte, reiht man Sie doch nicht unbedingt ins politische Kabarett ein. Ist das, wie man häufig hört, sowieso ein Auslaufmodell?Nein, es gibt immer noch politisches Kabarett. Urban Priol zum Beispiel finde ich sehr gut. Kabarett muss nicht nur verbiestert sein und Comedy nicht nur doof. Ich habe für mich immer den Mittelweg gesucht. Mir macht es Spaß, mich auf beiden Feldern zu bewegen.Muss man für politisches Kabarett zynischer sein oder wütender, als Sie es sind?Es ist einfach nicht mein Thema, weil ich nicht glaube, dass über mein Glück in Berlin entschieden wird. Dieses rituelle Sich-Beklagen über "die da oben" mag ich nicht. Das hat für mich auch etwas Primitives, gerade im Kabarett, da gibt es ein hoch bezahltes Jammerlappentum. Gern wird pauschal behauptet, Politiker seien dumm. Was ja nichts anderes heißt, als dass wir anderen es besser wüssten. Das ist nicht mein Ding.Für einen Kabarettisten schauen Sie sehr nachsichtig auf die Politiker.Die sind doch nicht ehrlicher oder verlogener als wir alle. Politiker sind ein Spiegel ihrer Wählerschaft. Man greift sie gern an für Dinge, für die sie nichts können. Mancher scheint zu denken, dass ein Land mit 80 Millionen Einwohnern wie eine große Wohngemeinschaft zu organisieren wäre. Politiker müssen Kompromisse suchen und finden, sie müssen es 1 000 verschiedenen Gruppierungen rechtmachen. Es werden doch immer zu viel Steuern erhoben oder zu wenig.Eine Wahrheit wie die, dass es nie wieder Vollbeschäftigung geben wird, wäre wohl tatsächlich schwer zu verkaufen. Da haben Sie es mit Ihrem Beruf leichter?Ich muss nicht wiedergewählt werden, Gott sei Dank.Von Ihrem Publikum schon.Aber ich bin nicht gezwungen, unpopuläre Entscheidungen zu treffen oder eine Sache schönzureden. Riesenvorteil: Wenn bei mir einer unzufrieden ist, verliert er nicht sein Vermögen, sondern nur den Eintrittspreis.Franz Josef Strauß nannte Dieter Hildebrandt vor vielen Jahren einmal einen politischen Giftmischer. Solche "Ehre" wird einem Kabarettisten heute nicht mehr zuteil.Strauß war ein Bulldozer. Heute sind Politiker doch viel entspannter. Die betrachten das Kabarett nicht als ernstzunehmenden Gegner. Warum auch. Politiker haben eh ein denkbar schlechtes Image. Wenn der Kabarettist da angreift, ruft das ganze Volk: "Jawoll! Gib's ihm!" Das ist Populismus. Politiker sagen heute nicht mehr, was sie denken, sondern was von der Mehrheit verlangt wird. Der erfolgreichste Worthülsenerfinder bestimmt die Diskussion.Dabei bleiben die eigentlichen Probleme, so der allgemeine Eindruck, ungelöst. Bildung und Vorschulerziehung zum Beispiel ...Ich bin nicht für dauerndes Rumreformieren am Bildungswesen. Sicher, es gibt die Rütli-Schule, aber auch viele andere in diesem Land, wo ein sehr guter Unterricht stattfindet. Da, wo ich lebe und wo meine Tochter zur Schule geht, hocken die Kinder nachmittags nicht stundenlang vor dem Computer. Mir ist klar, dass die Situation in den Ballungsgebieten oft anders aussieht. Aber wenn Kinder nicht mehr in der Lage sind, zwei Minuten stillzusitzen, dann ist das nicht die Schuld der Lehrer. Für Eltern jedoch die einfachste Erklärung.Den Pisa-Schock haben Sie trotzdem gern genommen ?Sie meinen den Spruch "Die Abiturienten könnten heute gar nicht mehr Polen überfallen, weil sie nicht wüssten, in welche Richtung sie laufen sollten." Das musste doch mal gesagt werden.Tatsache ist, dass sich immer mehr Menschen von der Politik abwenden, Frust und Enttäuschung in Wahlmüdigkeit münden.Weil die Leute kein Angebot sehen, von dem sie erwarten, dass es ihr Leben revolutionieren würde. Andererseits geht es ihnen immer noch so gut, dass sie nur jammern, aber nicht wirklich eingreifen wollen. Schaut euch doch um: Ist das alles so schlecht?In diesen Dingen hört der Spaß für Sie auf?Ich bin ein Verfechter des Kapitalismus. Wie Eigentum verteidigt wird, kann man schon im Kindergarten beobachten. Ich zahle und bekomme dafür einen entsprechenden Gegenwert. Alles andere halte ich für ideologisch verbrämt. Und etwas anderes hat ja auch nicht geklappt. Auch in der DDR funktionierte der Kapitalismus, deswegen gab es alles von Wert nur unter der Hand. Der Markt ist ein Naturgesetz wie die Tatsache, dass das Wasser von oben nach unten läuft. Wenn mir der Keller voll Wasser läuft, dann diskutiere ich nicht über die Schwerkraft, sondern dichte den Keller ab. In Deutschland ist es, um im Bild zu bleiben, sehr gut gelungen, das Wasser zu kanalisieren.Mancher wird Ihnen nur unter Vorbehalt zustimmen.Ich verkenne die Probleme doch nicht. Arbeitslosigkeit, strukturschwache Gebiete, Abwanderung. Die lassen sich aber nicht lösen, indem man die Augen vor der Realität verschließt. Es gibt nun mal kein Grundrecht auf Problemlosigkeit.Aus Ihren Worten spricht der erfolgreiche Einzelkämpfer.Da spricht zunächst mal der Realist. Aber in der Tat glaube ich an Selbstverantwortung. Im Team nimmt der Arbeitswille des Einzelnen proportional zur Größe des Teams ab. Es gab mal einen interessanten Versuch beim Tauziehen. Da wurde zuerst gemessen, mit welcher Kraft einer zieht, wenn er das allein tut. Dann wurde gemessen, wie stark derselbe zieht, wenn mehrere sich mit ihm ins Zeug legen. Bei zwei Personen lässt die Leistungsfähigkeit schon nach. Je mehr Leute, desto geringer die Kraft, mit der der Einzelne zieht. Man kann sich in der Gruppe eben zurücklehnen und die Verantwortung abgeben. Am eigenen Schicksal sind die Politiker, der Staat sowieso oder vielleicht noch die Familie schuld. Jedenfalls immer die anderen. Nur wenn einem was gelingt, dann klopft man sich gern selbst auf die Schulter.Ist der Erfolg der Blödelshows im Fernsehen auf die weithin herrschende Lethargie zurückzuführen?Ich glaube, der Boom ist schon wieder vorbei. Aber, mag sein, sehr viele Menschen haben das Bedürfnis, an dieser Welt nicht mehr teilzunehmen, sich nur noch berieseln zu lassen. Das ist doch nichts Schlimmes, wenn man sich eine Auszeit nimmt, auch mal völlig sinnentleertes Zeug konsumiert. Mit den Klagen, dass die Leute über das Falsche lachen, kann ich nichts anfangen. Ich bin da eher nachsichtig, geradezu tolerant. Aber wenn sich Zuschauer darüber aufregen, was an Schwachsinn läuft, frage ich mich immer: Woher wissen die das überhaupt? Da gibt's doch ein sehr einfaches Mittel: ausschalten.Trotzdem, lässt sich vielleicht auch an Kabarett und Comedy der Zustand einer Gesellschaft ablesen? Der US-Soziologe George Ritzer sprach in den 90er-Jahren von einer McDonaldisierung der Gesellschaft, die alle Bereiche, auch Bildung und Kultur, erfasst. Es geht nur noch um Menge und Geschwindigkeit.McDonaldisierung ist ja auch so ein primitives Schlagwort. Als wenn früher alles besser gewesen wäre. Ich möchte nicht mehr in den beschaulichen 50er-Jahren leben. Wir genießen heute sexuelle Freizügigkeit und die Freiheit des Wortes, wir haben einen Schub an Kultur und Fortschritt erfahren. Wer mehr Zeit und Ruhe haben möchte, kann das haben. Das bleibt doch jedem selbst überlassen. Ich warte mit der Ruhe lieber, bis ich tot bin. Dann muss ich nichts mehr entscheiden und nichts mehr aushalten.Erst mal müssen wir uns weiterer großer Probleme erwehren. Der drohenden Klimakatastrophe zum Beispiel. Was sagt der Kabarettist dazu?Der Deutsche ist immer begeistert, wenn ein Weltuntergang ins Haus steht. Allerdings sollte er nicht so tun, als müsste er die Natur schützen. Wenn überhaupt, schützt sich der Mensch vor der Natur. Wenn der Meeresspiegel steigt, ist das doch dem Meer egal. Nur schlimm für Holland.Sie halten das Ganze für übertrieben?Nicht unbedingt. Nur: Panik bringt uns nicht weiter. Wir erfahren nicht, wie das Wetter in zehn Tagen ist, aber offenbar wissen alle ganz genau, wie es in fünfzig Jahren sein wird. Vielleicht spielt es ja gar nicht mit. Möglicherweise ändert sich der Trend. Dann wird es kälter, und alle schreien: Die Eiszeit kommt! Es gibt sehr differenzierte Beiträge von anerkannten Klimaforschern, die völlig andere Szenarien prophezeien. Das Waldsterben war ja auch eine unverrückbare Tatsache, bis es, von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, abgesagt wurde.Ist es nicht besser, dennoch jetzt etwas zu tun, als nur abzuwarten?Natürlich soll man die Umwelt schützen. Das ist doch gar keine Frage. Die Leute sollen nur mehr nachfragen, ihr Gehirn benutzen. Ich bin, wenn alle hysterisch werden und behaupten, genau Bescheid zu wissen, eher der große Zweifler.Halten Sie Ihre Landsleute für zu verbissen?Ich komme aus dem Rheinland, da geht man gerne doof, aber glücklich durchs Leben. Ich plädiere nicht für Dummheit, aber für ein wenig mehr Leichtigkeit, Unverkrampftheit würde schon helfen. Das Wort Spaßgesellschaft ist für mich kein negativer Begriff. Die Fähigkeit zum leichteren Leben bewundern wir doch bei denen im Süden. Das lernen wir jetzt auch gerade. Schauen Sie sich die Cafés in Berlin an, das Leben auf der Straße. Herrlich.Was tun Sie, um Spaß zu haben?Ich unterlasse alles, was keinen Spaß macht. Arbeiten zum Beispiel und krank sein.Dafür reisen Sie durch die Welt, wovon dann wieder Ihre Leser und Zuschauer profitieren.Ich bin mit großer Offenheit unterwegs. Sehenswürdigkeiten interessieren mich weniger, ich gehe lieber aufs Land, beobachte das Leben, spreche mit den Leuten. Dabei wird einem wieder bewusst, dass sich Menschen, wenn auch auf viele verschiedene Arten, im Grunde überall auf der Welt für das Gleiche abmühen: ihren Unterhalt zu verdienen und einen Sinn im Leben zu finden. Und, wenn möglich, auch noch ein bisschen Spaß zu haben.Sie waren auf beinahe allen Erdteilen unterwegs?Nicht nur beinahe. Auf Reisen lernt man außerordentlich viel. Ich war zum Beispiel in Shanghai. Viele haben ja Angst davor, dass uns die Chinesen überholen könnten. Diese Angst ist umsonst: Die sind schon so weit voraus, dass sie uns im Rückspiegel gar nicht mehr sehen. Ich war auch in der Atacama-Wüste in Chile und in Cusco in Peru. Dort ist mir dann die Luft ausgegangen. In 3 500 Metern Höhe brauchte ich erst mal 'ne Tüte Sauerstoff. Interessant, wie lange man ohne Sauerstoff im Gehirn auskommt. Das Gehirn verbraucht ja zwanzig Prozent unserer Energie. Deshalb verzichten einige auch ganz auf seinen Gebrauch.Was war das Fremdeste, was Ihnen begegnete?Burma. Das südostasiatische Land präsentiert sich als Mischung aus Militärdiktatur und Buddhismus. Dort hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass Religion den Menschen in ihrem Dasein wirklich hilft.Der Glauben scheint eines Ihrer wichtigsten Themen zu sein. Warum?Ich war ja selbst mal Messdiener, aber mit dem Katholizismus habe ich nichts mehr am Hut. Wie kann jemand behaupten, er kommuniziere mit Gott? Der Papst hat gerade erst die Vorhölle abgeschafft. Also wenn der nicht 2 000 Jahre Tradition im Rücken hätte, würde er doch sofort in eine geschlossene Anstalt eingewiesen. Andere begründen Mord und Totschlag mit der Religion. Was sind das für Leute, die sich in die Luft sprengen? Völlig krank! Aber ich kann auch nicht begreifen, wie jemand die Bibel wörtlich nehmen kann, als wenn sie ein Geschichtsbuch wäre. So ein Quatsch. Ich habe festgestellt, dass die Menschen, die dem Buddhismus anhängen, zwar einen entspannteren Eindruck machen - für mich wäre es trotzdem nichts. Askese gehört leider nicht zu meinen Stärken. Und die Sache mit der Wiedergeburt ist auch nicht toll. Im nächsten Leben als Landschildkröte wiederzukommen - nee!Mit Religion können ohnehin nicht alle in Ihrem Publikum etwas anfangen. Mit dem Dauerbrenner "Männer und Frauen" schon.Das macht mir selber großen Spaß. Ich frage mich zum Beispiel, ob Intelligenz zwischen den Geschlechtern immer weiterhilft. Oder hat man schon einmal von einer Schnecke gehört, die im Trennungsfall ihr Haus verkauft?Sie sagen, dass Frauen immer einkaufen, Männer jedoch nur, wenn sie etwas brauchen. Oder dass Frauen mehr reden als Männer. Sind das nicht Klischees?Das Männer-Frauen-Verhältnis ist natürlich mit vielen Klischees belastet. Komischerweise stimmen aber einige. Frauen erzählen sich nun mal auch untereinander mehr, zum Beispiel, wenn sie Probleme haben. Ihr aktiver Wortschatz ist größer. Sie können auch besser zuhören, wogegen Männer unfähig sind, das gesprochene weibliche Wort aufzunehmen. Ein Klischee würde auf der Bühne nicht funktionieren, wenn nicht etwas Wahres dran wäre. Es ist doch erstaunlich, wie manches auch in emanzipierten Zeiten überlebt. Außerdem gibt es immer noch Sachen zu erzählen, die die Menschen überraschen.Was zum Beispiel?Frauen nehmen für sich gern in Anspruch, weniger primitiv zu sein als Männer. Angeblich gehen sie mehr mit dem Verstand bei der Auswahl des Partners vor. Dabei ist auch ihr Handeln einem primatenhaften Reiz-Reaktions-Verhalten unterworfen. Ob ein Gespräch überhaupt zustande kommt, darüber entscheiden bei Männern wie Frauen oft Blick- und Geruchskontakte. Erst wenn das Ideal unerreichbar scheint, weichen wir auf weniger attraktive Exemplare aus und reden sie uns schön. Für jeden Topf der passende Deckel, so nennt sich das dann. Es gibt ein wissenschaftliches Experiment, darin hat man geguckt, wohin sich Frauen in einem Wartezimmer setzen, wenn alle Stühle frei sind. Dann wurde auf einen Stuhl, der vorher immer frei geblieben war, ein Hauch von Männerschweiß gesprüht - danach setzten sich 75 Prozent der Frauen auf diesen Stuhl. Es ist lustig, wie primitiv der Mensch auf vegetativer Ebene funktioniert.Gibt es deshalb so viele Singles, weil sich beide Geschlechter nichts mehr schönreden wollen?Keine Ahnung. In den 70er-Jahren gab's so 'ne alternative Zeit, ich habe das miterlebt. Frauen-Verstehen war angesagt, nur noch Kuscheln und sogar Stricken. Schön. Aber die Frauen gingen dann lieber mit dem Tennislehrer ins Bett. Das habe ich mir gemerkt.Sie sind verheiratet, sprechen auf der Bühne aber von Ihrer Freundin. Warum?Ich bringe ja nicht 1:1 mein Privatleben zur Sprache, da fließen auch viele Beobachtungen von anderen ein. Außerdem klingt "verheiratet" so piefig und gesetzt, was ich nicht bin. Ich sage auch privat selten "meine Frau". Dieses Besitzergreifende ist nicht mein Ding.Beobachten Sie an Ihrer Tochter auch schon gewisse weibliche Verhaltensweisen, die sich für eines Ihrer nächsten Programme eignen würden?Nein, im Moment ist sie mir sowieso noch viel ähnlicher als ihrer Mutter. Aber sie befindet sich auch noch nicht in der Pubertät. Da kann man eh kein abschließendes Urteil fällen.Sie sind regelmäßig in Berlin zu Gast.Ich habe hier sogar eine Wohnung. Berlin hat etwas Rotziges, Ungeschliffenes, das ich schön finde. Kulturell ist die Stadt ohnehin ungeschlagen. Nachts um drei ein Saxophonkonzert im Speicher, an einem Donnerstag - das gibt's nur hier.Jetzt werben Sie für den Berlin-Umzug der verbliebenen Bonner Ministerien?Davon weiß ich nichts.Der Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Uwe Lehmann-Brauns, hat einer Zeitungsmeldung zufolge mit einigen Prominenten, darunter mit Ihnen und auch Wolf Biermann, in dieser Frage gesprochen.Das überrascht mich jetzt wirklich. Es gab bloß mal eine Anfrage, ob ich an einer Diskussion teilnehmen will. Ob ich für oder gegen einen Umzug bin, war noch gar kein Thema. In parteipolitisches Gerangel will ich mich schon gar nicht reinziehen lassen.Der Frage, ob es intelligentes Leben gibt, sind Sie um die halbe Welt nachgegangen. Können Sie eine eindeutige Aussage treffen?Jein. Einerseits hilft uns unsere Intelligenz, den Alltag zu bewältigen. Wenn man eine Glühbirne einschraubt, dreht man die Birne und wartet nicht darauf, dass sich die Erde um die Birne dreht. Andererseits kann der Mensch die Atombombe bauen. Ist das intelligent? Die Menschheitsentwicklung dauert schon ein paar Millionen Jahre, vielleicht ist das Produkt ja noch nicht fertig. Aber sollen wir nur überleben, weil wir den Viechern den Triumph nicht gönnen?Der Mensch unterscheidet sich vom Tier, weil er denkt.Denkt er! Tiere können zumindest nicht so tun, als ob. Übrigens stimmen 90 Prozent der genetischen Merkmale von Mensch und Schwein überein. Beim Bonobo-Affen sind es sogar 99,2 Prozent. Das sollte uns zu denken geben und für ein bisschen Demut sorgen. Immerhin scheinen die 0,8 Prozent Differenz einen gewissen Unterschied auszumachen.Man kann also optimistisch sein?Vielleicht kommt Intelligenz häufiger vor, und wir sind nur zu blöd, sie zu erkennen. Im Grunde sagt ja jeder: "Ich bin doch nicht bekloppt!" Dementsprechend gäbe es da draußen überhaupt keine Bekloppten. Auf das menschliche Selbsturteil sollte man also nicht vertrauen ... Aber man sollte den Menschen auch nicht unterschätzen.Ihr Fazit?Dass so viele Menschen auf der Erde friedlich zusammenleben, das halte ich für eine wirklich intelligente Leistung. Im Ernst.------------------------------Dieter NuhrGeboren 1960 in Wesel/Nordrhein-Westfalen. Studierte Kunst und Geschichte auf Lehramt. Seit 1994 als Solist auf den Kabarettbühnen Deutschlands unterwegs.Erhielt den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett sowie den Deutschen Comedypreis. Damit ist er der einzige Kabarettist, der in zwei Sparten erfolgreich antritt.2006 erschien sein Buch "Gibt es intelligentes Leben?"Dieter Nuhr lebt mit seiner Familie in der Nähe von Düsseldorf.Mit seinem neuen Programm "NUHR die Wahrheit" gastiert er vom 21. August bis 23. September bei den "Wühlmäusen" sowie am 14. und 15. September im Tempodrom.------------------------------Foto: Dieter Nuhr