BUCHHOLZ, im September. Es ist Markttag in dem niedersächsischen Ort. Zwischen den Obsthändlern und Döner-Buden hat sich Barbara Eichler einen Platz gesichert. Unter dem mitgebrachten Sonnenschirm steht ein wackliger Tapeziertisch. Dahinter knüpft ihr Mann ein bemaltes Laken an einen Fahnenmast. "Stoppt die Rechtschreibreform!" heißt es auf dem Transparent.Da stehen die, die schon heute kein Deutsch können", höhnt ein Passant. Ein Einzelfall. Viele halten an, stimmen dem Anliegen der Leute am Tapeziertisch zu. "Gäbe es aber nichts Wichtigeres zu kippen? Die Gesundheitsreform etwa?" fragt ein Rentner. Er kommt gerade aus der Apotheke, wo er ein Rezept einlöste. 23 Mark mußte er zuzahlen. "Für die Pharmakonzerne", sagt er. Barbara Eichler und ihre Mitstreiter schauen sich an. "Man muß halt gegen beides kämpfen", antwortet eine Aktivistin."Die Rechtschreibreform ist wahrscheinlich das geeignete Thema für eine Volksbewegung", schätzt der Psychologie-Professor Wolfgang Scholl von der Berliner Humboldt-Universität ein. Die anderen Vorhaben der Politik seien den meisten zu undurchschaubar. Nur die Rechtschreibreform betreffe alle Bürger zur gleichen Zeit. Die Alternativen seien einfach ­ ja oder nein. Und noch besser: Da es um die Muttersprache geht, könne im Prinzip jeder irgendwie mitreden. "Welch eine Chance", sagt Scholl, "es ,denen da oben mal zu zeigen!"75 bis 90 Prozent der Deutschen, Schweizer und Österreicher lehnen laut Meinungsumfragen den verabreichten Neuschrieb ab. Dabei vereint der Widerstand extreme Positionen: Er reicht von sprachlichen Fundamentalisten, denen jede Neuerung zuviel ist, über gemäßigte Reformbefürworter, aus deren Sicht das vorliegende Regelwerk total mißraten ist, bis zu Radikalreformern, die die Schriftsprache völlig ummodeln wollen. Aber auch die Befürworter bilden ein heterogenes Lager. Die meisten von ihnen unterstützen das Projekt nur halbherzig, als kleineres Übel, weil "alles schon gelaufen ist" oder "um die Kinder nicht noch mehr zu verwirren". Eine ungewisse Zahl ­ in beiden Lagern ­ kennt die Reform ohnehin nur vom Hörensagen.Die erste Hürde In der Fußgängerzone von Buchholz trifft das nicht zu. Barbara Eichler ist auf das beste präpariert. Seit ihre beiden Söhne in der Schule umlernen müssen, hat sie sich intensiv mit den beschlossenen Veränderungen auseinandergesetzt. Ihr Urteil über die Reform: "Ungenügend! So unlogisch wie zuvor, nur anders." In ein paar Stunden haben die Buchholzer Aktivisten an diesem Morgen wieder ein paar hundert Unterschriften zusammen.Letzten Freitag nahmen die Reformgegner in Niedersachsen die erste Hürde zu einem Volksentscheid. 25 000 gültige Unterschriften mußten sie beim Landeswahlleiter abliefern. Für sie kein Problem. "Wir haben bereits mehr als zehnmal so viele gesammelt: über 290 000", sagt Professor Carsten Ahrens. Gemeinsam mit seiner Frau, Gabriele Ruta, und vier weiteren Niedersachsen initiierte er Ende Februar die regionale Bewegung "Wir gegen die Rechtschreibreform". Sein altes Bauernhaus bei Oldenburg ist die "Schaltzentrale" der Initiative: Ein Computer, ein Kopierer, ein Faxgerät. Eine Studentin kommt regelmäßig vorbei, um bei der Korrespondenz zu helfen. Zehntausende Briefe liegen in Kartons unter dem Dach. "Als wir begannen, hatten wir keine Ahnung, was uns da bevorsteht. Sonst hätten wir es vielleicht gelassen", sagt Gabriele Ruta.Auch nach der Abgabe der 25 000 Unterschriften können sich die Aktivisten nicht entspannt zurücklehnen. In Niedersachsen bauten die Gesetzgeber eine zweite Hürde auf, ehe das Volk endgültig zu Wort kommen darf: nach einem weiteren halben Jahr müssen 571 000 Unterschriften abgegeben werden. "Wir werden es aber packen", gibt sich Gabriele Ruta überzeugt.Sie und ihr Mann wissen, was von ihnen abhängt: Sollte in Niedersachsen tatsächlich ein Volksentscheid zustande kommen, wäre dessen Ergebnis klar. Damit aber wäre die Neuschreibung für die gesamte Bundesrepublik hinfällig. Es wäre das erste deutsche Volksbegehren dieser Dimension. Bei den meisten bisherigen Bürgerentscheiden ging es lediglich um regionale Streitfragen. Für Thomas Mayer, Mitbegründer der Initiative "mehr Demokratie", eine unaufhaltsame Entwicklung. "Die Bindung an die Parteien zerbröselt", sagt er, "das Mißtrauen in das repräsentative System wächst. Die Alternative sind Volksbewegungen zu konkreten Themen."Pingelige Reaktionen Auch die Befürworter der Rechtschreibreform in Niedersachsen sind sich der Brisanz des Geschehens bewußt. Schließlich ist der SPD-Kultusminister des Landes, Rolf Wernstedt, einer der eifrigsten Verfechter der Neuschreibung. Entsprechend pingelig reagieren die Behörden. "Als wir die ersten 70 000 Unterschriften zusammen hatten, erklärte der Landeswahlleiter sie erst einmal für ungültig", erinnert sich Carsten Ahrens, "aus formalen Gründen. Da haben wir allen 70 000 einen Brief gesandt und sie gebeten, noch einmal zu unterschreiben", sagt Carsten Ahrens. Eine Spende machte die Aktion möglich.Inzwischen haben die Rechtschreibgegner dazugelernt. "Wir werden uns nicht austricksen lassen", sagt Ahrens. "Auch nicht, wenn die Reformkommission jetzt in Mannheim winzige Korrekturen ankündigt. Die Reform selbst muß gestoppt werden."