Der Kandidat macht seine Hausaufgaben

George W. Bush hätte sich niemals auf diese Fragen einlassen dürfen. Es war naiv von ihm, nicht auszuweichen, als ihn der Journalist Andy Hiller in einer Fernsehsendung bat: "Nennen Sie mir die Namen der Führer von Tschetschenien, Pakistan, Indien und Taiwan." Bush wusste nur, dass Taiwans Präsident (Lee Teng-Hui) "Lee" heißt. Bei den anderen Namen musste er passen. Als der Gouverneur von Texas dann noch zum Militärcoup in Pakistan meinte, "der Typ (General Pervez Musharraf) wird in dem Land für Stabilität sorgen und ich halte das für eine gute Nachricht", dürfte selbst der größte Bush-Sympathisant in die Tischkante gebissen haben. Dieser Auftritt war nicht mehr als Beispiel für Realpolitik zu verkaufen. "Es war entsetzlich für einen, der der Führer der freien Welt werden will", höhnte Bushs demokratischer Kontrahent, Vizepräsident Al Gore. Präsident Bill Clinton zeigte sich milder und äußerte die Hoffnung, "dass Bush noch lernen wird". Am Freitagabend, zwei Wochen nach dem Fernseh-Auftritt und gut drei Monate, nachdem Bush Slowenien und die Slowakei verwechselt hatte, wollte er es dem Washingtoner Häme-Verein zeigen und die Zweifel an seinen internationalen und strategischen Kenntnissen widerlegen. Abgesehen von einigen Versprechern präsentierte Bush sich ganz staatsmännisch: Er bekannte sich zur globalen Rolle der USA und zu einem "amerikanischen Internationalismus". Die USA müssten "eine Führungsrolle in einer friedlichen Welt übernehmen". In den Mittelpunkt seines Konzeptes stellte er die Beziehung zu Europa, China und Russland. Im Gegensatz zu Clinton betrachtet(Fortsetzung Seite 2)Bush, Fortsetzung von Seite 1 ---Bush China als Mitbewerber und nicht als Partner der USA. China müsse als große Macht und als Handelspartner respektiert, aber auch kontrolliert werden. Die Reformen in Russland wolle er zwar unterstützen, erkaufen werde er sie aber nicht, sagte Bush und sonst nichts weiter Bemerkenswertes und damit auch nichts, was seine republikanischen Parteifreunde hätte verärgern können.Der Auftritt war ein Erfolg. Bush ist es nämlich vor allem gelungen, einer gefährlichen Falle zu entgehen: dem so genannten Quayle-Effekt. Der Ausdruck geht auf den unglücklichen ehemaligen Vize-Präsidenten Dan Quayle zurück, der einst Schüler in Rechtschreibung belehrte und vor laufenden Kameras das korrekt geschriebene Wort "potato" (Kartoffel) in "potatoe" verwandelt haben wollte. Der Ausrutscher wurde auf T-Shirts verewigt, Reporter verfolgten Quayle gnadenlos, in der Hoffnung auf ein neues Missgeschick. Und es gab deren viele. Quayles Name steht seither für Peinlichkeiten und eine gescheiterte Politkarriere.Bushs Wahlkampfteam musste daher jede Erinnerung an den Ex-Vize vermeiden und stattdessen die Legenden erfolgreicherer Republikaner beschwören. So war es kein Zufall, dass sich Bush für seinen Vortrag die Ronald-Reagan-Bibliothek in Simi, Kalifornien, ausgesucht hatte. Und ebenso wenig wunderlich war es, dass Zuhörer das Gefühl hatten, es rede hier ein anderer Bush Vater George nämlich. Ein Blick auf George W. s außenpolitische und strategische Berater-Gruppe erklärt warum: Team-Chefin Condolezza Rice war schon unter Bush Senior Mitglied des nationalen Sicherheitsrates. Ihr zur Seite stehen republikanische Politiker wie Ex-Außenminister George Shultz, andere frühere Regierungsmitarbeiter sowie mehrere konservative Professoren. Formiert in 18 Einheiten haben sie nicht nur die jüngste Rede ausgefeilt, sie haben den Gouverneur von Texas auch innenpolitisch auf die Schulbank zurückgesetzt und ihm das wichtigste beigebracht: Vom Gesundheitssystem über Bildungsfragen bis zur Außenpolitik. George W. soll keine Unterrichtsstunde geschwänzt haben.Offen bleibt, welcher seiner beiden außenpolitischen Auftritte ihm nun eigentlich wirklich etwas gebracht hat, vor allem da, wo es darauf ankommt: beim Wähler. In weiten Teilen des Landes weckte Bushs Ausrutscher bei seiner ersten Vorstellung vermutlich mehr Sympathien als seine jüngste, geschliffene Rede. Viele Amerikaner empfanden das Quiz des Andy Hiller als unfair, so ergaben Umfragen. In Utah, in Illinois, in Alabama, in Süd-Dakota, in Kalifornien und in Texas werden nicht nur Farmer gefragt haben: "Was zum Kuckuck ist Tschetschenien? Und wer zum Teufel braucht es?"