Der Karl May der RAF

Ein idealer Zeuge ist dieser Peter-Jürgen Boock ganz gewiss nicht. Der 1951 geborene Ex-Terrorist der "Rote Armee Fraktion" (RAF) hat in Prozessen die Unwahrheit gesagt, seine Anwälte und die Öffentlichkeit oft genug hinters Licht geführt und auch Menschen belogen, die es gut mit ihm meinten. Seine Frau bescheinigte ihm ein "taktisches Verhältnis zur Wahrheit", sein einstiger Mitkämpfer Stefan Wisniewski spottete, Boock tapse "wie ein Tanzbär durch die Talkshows". Und für den früheren Chef des Bundeskriminalamts Horst Herold war er der "Karl May der RAF"."Karl May" Boock wird heute in dem Gerichtssaal in Stuttgart-Stammheim auftreten, der vor 36Jahren extra für die RAF-Terroristen gebaut worden war. Diesmal kommt Boock aber als Zeuge. Im Strafverfahren gegen Verena Becker soll er sagen, was er weiß über den Mordanschlag auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback und dessen Begleiter Georg Wurster und Wolfgang Göbel am Gründonnerstag 1977.Boock hatte mit einer Aussage zu dem Buback-Attentat im Jahr 2007 neue Ermittlungen der Bundesanwaltschaft in Gang gebracht, die schließlich zu der Anklage gegen Becker führten. Dabei war er bei dem Anschlag gar nicht zugegen und kann daher auch nach eigenem Eingeständnis über die Rollenaufteilung nichts Verlässliches sagen. Dennoch will Boock erfahren haben, dass Stefan Wisniewski damals geschossen habe und Verena Becker "weit oben" an der Durchführung des Attentats beteiligt gewesen sei.Boock war 1976 zur RAF gekommen. Er gehörte zur sogenannten zweiten Generation der Terrortruppe, die mit ihrer "Offensive 1977" die Bundesrepublik im "Deutschen Herbst" in ihren Grundfesten erschütterte. Boock selbst war dabei, als am 30. Juli 1977 ein RAF-Kommando den Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto nach einer missglückten Entführung erschoss. Und er gehörte zum "Kommando Siegfried Hauser", das am 5. September 1977 in Köln den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer entführte und später ermordete. 1981 wurde Boock in Hamburg gefasst und wegen seiner Beteiligung an den Aktionen zu lebenslanger Haft verurteilt. 1998, nach siebzehn Jahren Gefängnis, kam er frei.Boock gab sich schon bald nach seiner Verurteilung als geläuterter Aussteiger und packte bei den Ermittlern aus. Ob aber alles stimmt, was er über das Innenleben der RAF aussagte, bezweifelten selbst die Fahnder. Von den RAF-Aktivisten wird der Verräter bis heute geschmäht. Und verspottet, weil sich Boock bei seinen vielen Wortmeldungen vor Ermittlern, in Nachrichtenmagazinen und TV-Talkshows mitunter im Gewirr seiner eigenen Wahrheiten verheddert.Er selbst sagte einmal vor Gericht: "Ich habe an mir selbst erlebt, wie schwer es ist, sich von dieser Dreiteilung der Wahrheit, wie sie in der Gruppe herrschte - innere, interne und äußere Wahrheit -, zu lösen." Heute, vor dem Gericht in Stuttgart-Stammheim, muss er einmal mehr unter Beweis stellen, ob ihm diese Loslösung gelungen ist.------------------------------Foto: Peter-Jürgen Boock, Zeuge im Prozess gegen Verena Becker