Man braucht eine Weile, um zu bemerken, dass dieses Werk aus dem Sachbuchprogramm eines Verlages, der bisher nicht durch eine christlich-katholische Orientierung aufgefallen ist, in Wahrheit missionarisch gemeint ist. Es spricht für die Bildung, die Intelligenz und nicht zuletzt für die engagierte Betroffenheit des Autors, dass man nach dieser Erkenntnis auch als Agnostiker das Buch nicht aus der Hand legt.Christian Heidrich, 1960 in Polen geboren - der Klappentext spricht von Oberschlesien - ist ausgebildeter Theologe, war Priester, ehe er sich der Publizistik zuwandte. Nicht als Historiker, nicht als Psychologe, nicht einmal als Theologe interessiert er sich für das Phänomen der Konversion, sondern als Glaubender. Er will anderen an Beispielen geglückter oder gescheiterter Gottsuche zeigen, welche individuellen Wege es jenseits der Konventionen und der Amtskirche zum Glauben immer gegeben hat und heute erst recht geben muss, wo der Geschmack für die Transzendenz, das Eigentümliche des religiös talentierten Menschen über all den ethisch-moralischen Debatten einer pluralistisch verfassten Gesellschaft nicht mehr zum Zuge kommt. Die Kirchen, als Institution, sind nicht nur durch Antisemitismus, Misogynie und vieles andere schwer belastet, sie wirken heute bei allen Interventionen nicht anders denn als eine pressure group, eine Lobby unter vielen, wenngleich eine besonders alte.Man hätte dem Autor den Mut gewünscht, seine Position als intellektueller Zeitgenosse und religiös infizierter Mensch schon am Anfang, nicht erst halb verschlüsselt am Ende offen zu legen. Heidrich beruft sich auf die katholischen Theologen Rahner und Lehmann - beide "Karl". Rahner hat vor vierzig Jahren prognostiziert, dass der Fromme der Zukunft ein Mystiker sein wird, "oder er wird nicht mehr sein"; denn anders als die Frömmigkeit von anno dazumal kann die Frömmigkeit in einer aufgeklärten, säkularisierten Gesellschaft keine Folge von Hunger, Angst und sekundärer Dressur für die Institution Kirche mehr sein. Im Idealfall ist der Mystiker auch noch Konvertit. Wo ist der Glaube besser bezeugt, sagt Kardinal Lehmann, als beim Konvertiten, der sich wichtig genug nimmt, um mit Gott ein ganz persönliches Verhältnis anzustreben? Er zweifelt, kämpft und unterwirft sich und ist Gott damit näher als alle braven Schafe, die es gewöhnt sind, in der Kirche Trost zu finden, weil der Tod ihnen zu schaffen macht.Heidrich stellt uns in recht willkürlicher Sortierung eine Reihe großer und kleiner Konvertiten vor. Fast ebenso viel Raum wie die geglückten Konversionen nehmen die gescheiterten oder knapp vermiedenen ein. Es nimmt für den Autor ein und spricht für seinen genuin religiösen Furor, dass er auch die Flops ernst nimmt.Ehe er auf der Grundlage seriöser Forschung Paulus und Augustinus als Konvertiten vorführt, macht er uns Mut mit André Frossard. Mir war der langjährige Kolumnist des konservativen "Figaro" bislang kein Begriff. Wie aus dem zwanzigjährigen Sprössling einer atheistischen Sozialistenfamilie ein Katholik wurde, wird dem Leser zwar genau beschrieben, lässt ihn aber ziemlich kalt. Auch andere Konversionen, die in der modernen katholischen Öffentlichkeit offenbar notorisch sind, berühren den Agnostiker wenig. Thomas Merton, Alfred Döblin oder Muriel Spark gönnt man ihre Erfüllung im katholischen Glauben nach schwierigen Berufs- und Beziehungserfahrungen von Herzen. Andere in vergleichbarer Lage wurden Steinianer, Buddhisten oder Anhänger anderer Sekten und idiosynkratisch aufgemandelter Glaubensrichtungen. Auch wenn man der Meinung ist, dass die monotheistischen Religionen mit einer ausgefeilten und anspruchsvollen Tradition religiös Talentierten mehr zu bieten haben als aller Ethnokitsch, bedauert man, dass Heidrich sich mit diesen, seit Jahren massenhaften Konversionen überhaupt nicht befasst. Nur kurz taucht ein Theologe auf, der zum Judentum konvertiert und von den vielen Katholiken, die aus irgendwelchen Gründen zum Protestantismus konvertieren, ist nur als Zahl in einer Anmerkung die Rede. Man muss es als Leser dieses Buches einfach akzeptieren, dass eine weltoffene Gelehrsamkeit sich mit dem schmalen Pfad des katholischen Glaubens vertragen kann. Die meisten Konvertiten in dem Buch gehören der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an. Seine Weltanschauungskämpfe und Charakterbildungsversuche sind uns heute recht fern gerückt. Unmöglich, sich vorzustellen, dass Günter Grass oder Christa Wolf Siegfried Lenz oder Walter Kempowski bekehren wollten, wozu auch immer. Paul Claudel hat das mit André Gide aber sehr wohl versucht. Die Sympathie des Lesers liegt hier bei Gide, nicht beim missionarischen Claudel, der viel zu traditionell war, um mit Gides Offenheit etwas anfangen zu können. Weder mit Gides Homosexualität noch mit seiner zeitweisen Option für den Sowjetstaat um 1930 konnte Claudel anders denn als schockierter Kritiker umgehen. Von allen Konvertiten, die manchmal nur vorübergehend katholisch wurden oder sogar einen Finger breit vor der Konversion verharrten, imponiert dem Leser von Heidrichs Buch eigentlich bloß Simone Weil. Anders als Edith Stein, die über Husserl, die Phänomenologie und zwei unglücklichen Liebesgeschichten mit Roman Ingarden und Hans Zipps den Weg ins Kloster fand, und damit das Vorurteil der Agnostiker bestätigt, die Religion als Opium im Leid einschätzen und tolerieren, ist Simone Weil eine Person, die sich ohne innere Not, nur auf Grund von Einsicht und religiösem Genie und einem unstillbaren Durst noch Erlösung dem christlichen Glauben näherte. So fromm wie diese junge Frau, die im Alter von 34 Jahren als Emigrantin in England starb, ist seither wohl keiner gewesen; denn ihr Geschmack für die Transzendenz war begleitet von einem scharfsinnigen Intellekt und einem modernen Bewusstsein für den antielitären, individualistischen Schwung der Zukunft.CHRISTIAN HEIDRICH Die Konvertiten Über religiöse und politische Bekehrungen. Hanser Verlag, München/Wien 2002. 382 S. , 24,90 Euro.