Herr Professor Fegert, was bringt einen Jugendlichen dazu, Amok zu laufen?Häufig ist Rache das Motiv. Der Täter ist isoliert, fühlt sich ungerecht behandelt und schlägt zurück. Beim Amoklauf in Erfurt im Jahr 2002 war der Todesschütze zuvor der Schule verwiesen worden. Auch bei dem bisher spektakulärsten Massaker - vor zehn Jahren an der Columbine Highschool im US-Bundesstaat Colorado - waren die Täter an der Schule gescheitert. Ihr Versagen verarbeiteten sie in Gewaltfantasien, die sich in einem Blutbad entluden.Aber längst nicht jeder Jugendliche, der sich mit der Schule schwer tut, wird gleich zum Amokläufer. Was muss hinzukommen?Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale erhöhen das Risiko. Gefährdet sind Menschen, die sehr auf sich selbst bezogen sind, sich schnell von anderen verfolgt fühlen, die unempathisch, kalt und gewaltbereit sind.Ist eine solche Persönlichkeitsstruktur unter heranwachsenden Männern besonders häufig zu finden? Es fällt ja auf, dass junge Amokläufer nie weiblich sind.Alle Gewalttaten werden deutlich häufiger von Männern als von Frauen verübt. Dieser Unterschied ist lebenslang zu beobachten. In der Jugend kommen besondere Belastungen hinzu: Der Körper verändert sich, die behütete Kindheit ist vorbei und man muss sich einen Platz in der Gesellschaft erobern. In der Adoleszenz bilden sich die moralischen Einstellungen, das Wertesystem wird neu justiert. Die meisten Jugendlichen kommen unbeschadet durch diese Zeit, andere entwickeln psychische Probleme: Mädchen tendieren zu Essstörungen, Jungen neigen zur Gewalt.Gibt es Frühwarnzeichen, an denen man potenzielle Amokläufer erkennen kann?Ja, die gibt es. Aber es handelt sich nicht um eindeutige Indizien, sie könnten auch einfach nur auf seelische Probleme hindeuten. Deshalb muss man sie vorsichtig interpretieren und daran denken, dass Amokläufe extrem selten sind. Ein Alarmsignal ist, wenn Jugendliche sich stark von ihrer Umwelt abkapseln und tagtäglich stundenlang vorm Computer hocken. Amokläufer kündigen ihre Tat häufig in Tagebüchern im Internet an, in Chatrooms, von denen Erwachsene oft nichts wissen.Die Eltern haben also nur begrenzte Möglichkeiten einzugreifen?Häufig ist es so, dass die Eltern zwar merken, dass ihr Kind sich abkapselt. Aber oft reagieren sie darauf gar nicht oder zu spät. Am meisten bekommen die Schulkameraden und verbliebenen Freunde mit. Sie sind in denselben Internetforen unterwegs, sie bekommen auch viele Andeutungen zu hören. Aus Angst, ihren Kumpel zu verpetzen, wenden sie sich oft nicht an Erwachsene. Das wäre aber genau richtig. Wir sollten die Gleichaltrigen viel stärker ermuntern, sich mit ihren Sorgen an Eltern, Lehrer und andere Vertraute zu wenden. Nur so kann im Zweifelsfall ein Blutbad verhindert werden.Welchen Einfluss haben Computerspiele auf die Gewaltneigung von Jugendlichen?Bei auffälligen, gewaltbereiten Jugendlichen ist der Einfluss groß. Wir wissen aus den Ermittlungen in Erfurt und Columbine, dass Gewaltvideos das Aggressionspotenzial von Kindern und Jugendlichen erhöhen. Und Untersuchungen von Hirnforschern zeigen: Ballerspiele trainieren die kaltblütige Aggression, das schnelle Abknallen in Serie. Deshalb macht die US-Army ihre Nahkampfausbildung heute zu großen Teilen mit solchen Spielen.Ist es dann nicht höchste Zeit, sie für Jugendliche zu verbieten?Ich glaube nicht an Verbote, weil es in einer globalisierten Welt kaum möglich ist, den Zugang zu verwehren. Gefährlich werden die Spiele ohnehin nur dann, wenn Risiken hinzukommen - schulische Probleme etwa. Wir wissen zum Beispiel, dass Jugendliche sich in dieser Situation oft mit den Helden von Ballerspielen identifizieren und anfangen, die Realität nur noch aus deren Perspektive zu betrachten. Und wenn es dann zu Hause einen großen Bildschirm gibt ...... was hat das mit Aggression zu tun?Je größer der Monitor ist, desto leichter fällt das Eintauchen in künstliche Welten. Dieser Zusammenhang ist klar nachgewiesen.Der Amokläufer von Winnenden ist tot. Übrig bleiben die Opfer. Wie kann ihnen geholfen werden?Für sie sind Rituale extrem wichtig. Dazu gehört eine gründliche Aufarbeitung ebenso wie kirchliche Rituale und Gedenkfeiern. In Erfurt wird zum Jahrestag der Gewalttat die Gloriosa geläutet, eine spezielle Glocke. Wichtig ist, dass nach dem Amoklauf schnell ein Gefühl der Sicherheit hergestellt wird, dass der Alltag wieder einkehrt. Gut ein Drittel der Überlebenden trägt keine seelischen Schäden davon, sie kommen ohne professionelle Hilfe aus. Viele klagen allerdings über Störungen unterschiedlicher Schwere und Dauer. Wer massiv unter Schlaflosigkeit, Albträumen oder körperlichen Symptomen leidet, sollte einen Arzt oder Psychotherapeuten aufsuchen. Es gibt heute spezielle Traumatherapien, die in den meisten Fällen zum Erfolg führen.Was sagen Sie Eltern, die nun Angst haben, Ihre Kinder zur Schule zu schicken?Eltern sollten daran denken, dass solche Ereignisse extrem selten sind und die Angst ihrer Kinder ernst nehmen. Aber sie sollten auch dafür sorgen, dass die Abläufe im Alltag eingehalten werden, und dazu gehört der Schulbesuch. Denn im gewohnten Rahmen finden Kinder auch wieder Ruhe und Spaß.Das Gespräch führte Lilo Berg.------------------------------Foto: Jörg Fegert (52) ist Ärztlicher Direktor der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm.------------------------------Foto: Polizisten bergen ein Opfer des Amokläufers von Winnenden. Die tödlichen Schüsse fallen auf der Flucht von Tim K. in einem kleinen Park ganz in der Nähe der Albertville-Realschule.------------------------------Foto: Mit einem Großaufgebot sichert die Polizei am Vormittag das Umfeld der Albertville-Realschule in dem schwäbischen Städtchen Winnenden. Schüler und Lehrer müssen noch in dem Gebäude ausharren, weil nicht klar ist, wo sich Tim K. aufhält ...