Bessemerstraße, das ist dort, wo das gerade noch Metropolen-taugliche Schöneberg ins biedere Tempelhof übergeht: ein Industriebegiet, Mercedes sitzt dort, die Großhandelskette Metro, um die Ecke ist der Tüv. Ein Ort zum Arbeiten. Doch nachts, wenn die letzte Verteilerkappe ausgetauscht, die letzte Palette Mehl verkauft, das letzte Auto mit Plakette versehen ist, mutiert die unwirtliche Gegend in einen Ort zum Feiern: Der Kit-Kat-Club, eine bizarre Institution der Berliner Nächte, lädt zur Party. Er ist in die alte Schultheiss-Mälzerei in der Bessemerstraße gezogen, vorher saß er im Metropol am Nollendorfplatz.An der Garderobe verwandeln sich die Gäste. Die Alltagsklamotten landen am Bügel, an den Körper lässt man nur noch wenig, und wenn dann Leder oder Lack. Viele Männer - sie stellen bestimmt drei Viertel des Publikums - verzichten auf ein T-Shirt, manche lieber auf die Unterhose. Die Frauen kleiden sich körperbetont, mal ist der Busen entblößt. Eine junge Frau hält Weidenrouten in der Hand - jeder spielt eine Rolle. "Geschlechtsbewusst" nennt der Kit-Kat-Club seinen Dresscode. Hier ist alles erlaubt, aber nichts muss. Es wummert elektronische Musik, vor allem die Techno-Spielart Trance. Man tanzt, schmust, mancher hat Sex auf den zahlreichen Sitzgelegenheiten in dem ansonsten kahlen, hohen Raum. Einzige Deko: An den Wänden hängen Orgien-Gemälde in Neon. Ein Ort zum Feiern, für den, der s mag. Weil in erster Linie Stammgäste (Heteros wie Homos) kommen, ist der Kit-Kat-Club einer der wenigen Veranstaltungsorte, bei denen es egal ist, wo sie liegen. Und vielleicht ist die unhippe Industriegegend der Bessemerstraße ja tatsächlich geeigneter als der Nollendorfplatz, oder erst recht als die Glogauer Straße in Kreuzberg, wo 1994 alles begann. In der Bessemerstraße gibt es keine Anwohner, die sich belästigt fühlen, keine ausländischen Nachbarn, die sich an so viel Freizügigkeit stören könnten. Seit sieben Jahren führen Kirsten Krüger und Simon Thor den Kit-Kat-Club, der längst über Berlins Grenzen hinaus bekannt ist. Regelmäßig wurde das Volk vorm Fernseher mit Bildern aus dem Club versorgt. Auf der Love Parade war der Wagen stets der offenherzigste - voriges Jahr wurde auf dem Truck ein Porno gedreht.Und doch: "Als Sex-Club fühlen wir uns missverstanden", sagt Kirsten Krüger. Sie sieht ihren Club eher als "eine Plattform für gegenseitige Toleranz", als "gesellschaftspolitisches Experiment." Das, was man sich sonst nur zu Hause getraut, "der persönliche Raum", gehöre in die Öffentlichkeit. Das Private ist politisch - eine alte Losung der 68er.Bei ihrem Umzug in die Schultheiss-Halle gerieten die Kit-Kat-Macher deswegen mit dem Bezirksamt aneinander. Die Bevölkerung sei vor solchen Auswüchsen zu schützen, hieß es. Dazu wurde ein Gesetz aus dem Jahr 1920 angeführt. Inzwischen ist der Streit beigelegt, der Kit-Kat-Club kann weitermachen wie bisher. Kirsten Krüger sagt: "So ein ,Schutz ist Bevormundung. Jeder muss entscheiden können, was er wann und wo machen darf." Und wer in den Club komme, wisse, worauf er sich einlasse, auf "ein Spiel" nämlich. Wenn alles erlaubt ist, glaubt sie, werden die Menschen besser und damit die Welt. Darum gehe es ihr auch bei ihrem nächsten Projekt: Sie will eine Partei gründen, die Hedonistische Partei Deutschlands, eine Partei der Freizügigen. Es gelte, die Gesetze den heutigen Moralvorstellungen anzupassen. Das sei ein politischer Prozess, sagt Kirsten Krüger. Konsequenz: "Wenn ich Einfluss nehmen will, brauche ich eine Partei." Ein Programm gibt es noch nicht. Doch sie hat eine Vision: "Ich stelle mir vor, dass wir bei der nächsten Bundestagswahl antreten."Kit-Kat-Club: Bessemerstr. 2-14, Fr. u. Sa. ab 23 Uhr, Do. Gay-Tag ab 23 Uhr.BERLINER ZEITUNG/CHRISTIAN SCHULZ (2) Markenzeichen des Kit-Kat-Clubs: Tanz bis zur Ekstase.