Die beharrliche Sinnsuche ist eine bedauerliche Disposition des Geistes." Mit dieser sarkastischen, allem gesunden Menschenverstand zuwider laufenden Feststellung beginnt eine so lange wie grandiose Fotostrecke des Kölner Künstlerpaares Anna & Bernhard Blume. Die wie Triptychen arrangierten Schwarz-Weiß-Bilder beschäftigen sich mit einem "Transzendendalen Konstruktivismus", und da wirbeln lustig Stäbe und Quader im Raum, die geometrischen Formen verkeilen sich zu vertrackten Gebilden. Und später dann, im "Trauten Heim", am Esstisch und in der heimischen Küche, fliegen Erdäppel durch die Gegend wie Konfetti. Der "Küchenkoller" der waltenden Hausfrau wird zum Raumfahrtprogramm. Zu Essen gibt es heute nix.Die wie eine Rakete durch den Raum jagende Blumenvase, das verrückt kreisende Salatsieb und die besoffenen Pellkartoffeln bekommen plötzlich ein absurd-mystisches, fast bedrohliches Eigenleben. Solche Ekstasen werden lesbar als ein Symbol für all die Ekstasen, die der "ordentliche Bürger" sich im realen Leben verkneift.Vor der so grotesken wie philosophischen Kunst von Blume & Blume konnte man sich vor drei Jahren im Berliner Museum Hamburger Bahnhof vor Lachen ausschütten. Und öfters blieb einem vor diesem absurden "Fotografischen Theater" des Duos, alle beide Jahrgang 1937, das Lachen im Halse stecken. Nach Berlin hatten die Foto- und Collage-Künstler, die in ihren Arbeiten immer selbst agierten, also permanent Selbst-Porträts inszenierten, auch ihre kuriosen Wandobjekte aus KPM-Porzellan - darunter einen viereckigen Teller mit dem Kant-Wort von der "Reinen Vernunft" - mitgebracht.Am Freitag kam die Nachricht, dass Bernhard Blume tags zuvor in Köln nach schwerer Krankheit verstorben ist, seine Gefährtin Anna nicht nur den Ehemann, sondern auch ihr unverzichtbares, unersetzliches Kunst-Pendant verloren hat. Also wird es nie wieder Fortsetzungen dieser wunderbar komischen, doppelbödigen, dieser leidenschaftlich und grimmig-fröhlich aus dem Horror-Vacui-Potenzial schöpfenden Bildserien geben.Die großformatigen, meist zwei-oder dreiteiligen Schwarz-Weiß-Szenerien oder Collagen der Blumes stehen in diesem Neo-Dadaismus ganz in der Tradition von Kurt Schwitters (der in seinen MERZ-Gedichten einer gewissen Anna Blume huldigt; da hätten wir also eine literarische Doppelgängerin). Die Blumes machten jedes neue Projekt zum Selbstversuch, und diese Experimente wurden gern versehen mit weisen, zugleich schlecht tröstenden Sprüchen. So etwa: "Die Produktion des Universellen impliziert das Scheitern der Produzenten".Gesucht und gefunden hatten sich die beiden beim gemeinsamen Studium an der Kunstakademie Düsseldorf zwischen 1960 und 1965. Seither waren sie unzertrennlich - und fortan immer ihre eigenen, höchst eigenwilligen Darsteller auf den Bildern. In ihrer Welt herrschte das Chaos als eine Ordnung, die andere Leute nur nicht so recht verstehen können. Vielleicht, weil es ihnen an Fantasie, möglicherweise auch an Humor fehlt.Die auf den Fotos festgehaltenen Aktionen sind beileibe nicht nur lustig anzuschauen, sie sind immer auch beklemmend. Ganz nebenbei stichelten Blume & Blume in der scheinbar negativen Affirmation der szenischen Motive gegen den Kanon der Nachkriegs-Kunstgeschichte. War bei dem mit dem Paar befreundeten Joseph Beuys die soziale Plastik politische Manifestation, Appell an den Einzelnen, kreativ aktiv zu werden, so ist der "Erweiterte Kunstbegriff", wie die Blumes ihn ironisch und turbulent zelebrierten, eher die Persiflage des Avantgarde-Begriffs: Und zwar mit vollem Körpereinsatz.Die kühn-komischen Posen waren immer echt: Er und sie sind nämlich wirklich geklettert, gehangelt, geflogen, herumgewirbelt, unter Stapeln von Skulpturenteilen gelandet, bis nur noch die Beine herausguckten aus dem zusammengekrachtem Avantgarde-Mobiliar.Bernhard Blume sagte vor drei Jahren in der Ausstellung in Berlin, er freue sich immer, wenn Leute meinten, ihre Beine würden wie die von Max & Moritz aus dem Misthaufen der Witwe Bolte ragen. Um solche leiblich gar nicht ungefährlichen Aufnahmen machen zu können, arbeitete das Paar trotz seines reifen Alters mit Halteseilen, Sicherungskarabinern und abdämpfenden Matratzen. Wie alte Kinder kämpfen, jonglieren, turnen, balancieren und fliegen mal sie, mal er durchs Bild und hantieren mit konstruktivistischen Skulpturenteilen herum. In den Serien wie "De-Konstruktiv" (2006), "Pseudo-Lewitt" (2007) ist das ziemlich gefährlich anzuschauen. Sie nannten das mit bissigem Humor "Hommage à Mondrian", "Katholischer Konstruktivismus" und zur Serie "Im deutschen Wald" (1986-91) passt der Kommentar: "Märtyrer leiden, um Recht zu haben". Da hängt Bernhard Blume im braven karierten Kleinbürgeranzug am letzten Ast, den er gerade angesägt hat.Immer ging es um die Metaphorik der Gegenstände. In den alltäglichen Dingen steckt die Konvention. Gegenstände sind Symptome der Zeit. Und die anarchischen Foto-Aktionen der beiden belegen neben den immensen körperlichen Kraftakten die unversiegliche Lust, alles in Bewegung zu setzen oder sogar "alles mal umzuschmeißen". Aber, so warnte Bernhard Blume vor dem Trugschluss: Es sei nie destruktiv gemeint, da war immer nur der Wunsch, Ordnungen zu relativieren. Es bleiben die Blume & Blume-Kommentare zum alltäglichen Wahnsinn in unserer Welt. Die Bilder, die uns dieser Dadaist der Neuzeit, zusammen mit seiner Partnerin, hinterlässt, feiern das fröhliche Aufmucken der Dinge, ihre Widerspenstigkeit und surreale Macht.------------------------------"Märtyrer leiden, um recht zu haben." Bernhard BlumeFoto: Der hat was an der Backe und auf der Nase - Polaroid-Serie des Selbstdarstellers Bernhard Blume, aus einem Zyklus von Anna & Bernhard Blume 1975 - 2000.