BERLIN. "Ich bin ein Melodiker. Und ich habe immer Wert auf gutes Handwerk gelegt. Das hat sich auf Dauer ausgezahlt." Auch wenn Christian Bruhn bedauert, dass ihm nie ein richtiger Welthit wie etwa Bert Kaempfers "Strangers in the Night" gelungen ist, darf er sich doch guten Gewissens als einer der erfolgreichsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Von seinen über 2 000 Liedkompositionen hat es dank seiner eingängigen Melodien und makellosen Arrangements eine stattliche Zahl zu Evergreens und Klassikern des deutschen Schlagers geschafft. Ob Roberto Blancos "Ein bisschen Spaß muss sein", Drafi Deutschers "Marmor, Stein und Eisen bricht" oder Siw Malmkvists "Liebeskummer lohnt sich nicht" - wann immer diese Lieder gespielt werden, gehen die Komponistentantiemen auf das Konto von Christian Bruhn.Lieder auf der CouchDie Karriere des 1934 geborenen Bruhn bekam 1959 den entscheidenden Impuls, als er, wie er in seinen jetzt veröffentlichten Memoiren "Marmor, Stein und Liebeskummer" schreibt, beim Luxemburger Schlagerfestival den Berliner Verleger und Produzenten Peter Meisel kennen lernte. Gleich die erste Zusammenarbeit wurde ein Erfolg: "Midi-Midinette", gesungen von Conny Froboess. Zwei Jahre später gewann sie mit Bruhns Komposition "Zwei kleine Italiener" die Deutschen Schlagerfestspiele in Baden-Baden. Den Text dazu hatte der vor einem Jahr verstorbene Georg Buschor verfasst. Zusammen bildeten sie ein Dream-Team der Schlagerproduktion: Buschor lieferte eine griffige Refrainzeile und legte sich sinnierend auf die Couch, und Bruhn entwickelte eine passende Melodie, die Buschor zu den nächsten Versen inspirierte. Bis in die späten 70er Jahre belieferte das Duo die deutschen Plattenfirmen mit Hits. Die Liste der Interpreten ist das Who's Who der Schlagerwelt und reicht von Caterina Valente und Peter Maffay bis Freddy Quinn und France Gall.Manchmal reichte den beiden eine knappe Stunde, um einen neuen Hit zu schaffen. Als Verleger Meisel für seine Sängerin Marion Maerz dringend ein neues Lied benötigte, schickte er Bruhn und Buschor mit der Aufforderung "Dann arbeitet mal schön!" in ein Nebenzimmer seines Berliner Verlagsbüros und ging mit Geschäftsfreuden zum Essen. Als er von der Mittagspause zurückkehrte, hatten Bruhn und Buschor ihre Pflicht erfüllt: Das Lied "Er ist wieder da" verkaufte sich binnen weniger Wochen über 500 000 Mal.Zwei Jahre zuvor hatte ihm Peter Meisel Gesangsproben einer jungen Sängerin namens Doris Wegener mit der Bitte um passendes Liedmaterial geschickt. "Die Stimme war frisch und fröhlich, wenn auch nicht immer notengetreu", erinnert sich Bruhn. Die sauber intonierten Stellen werden mühsam herausgesucht und zusammengeschnitten. Die Sängerin bekommt den Künstlernamen Manuela verpasst und das Lied "Schuld war nur der Bossanova" wird ein Hit - auch wenn ihn der Bayerische Rundfunk "aus sittlichen Gründen" boykottiert: die kleine Jane kommt im Lied nämlich erst früh am Morgen aus der "Dancing-Bar" nach Hause.Derlei Skandale von einst sind in den im Plauderton verfassten Lebenserinnerungen Bruhns amüsante Anekdoten. Windige Verleger und Produzenten, die den Komponisten um Tantiemen prellen, Kollegen, die schamlos bei ihm abkupfern - Bruhn sieht solche finanziellen Einbußen und Ärgernisse im Abstand mit Nachsicht. Ebenso wie die Tatsache, dass Unterhaltungskomponisten zwar allseits bekannte Hits verfassen, namentlich aber weitgehend unbekannt bleiben - von Ausnahmen wie Dieter Bohlen und Ralf Siegel mal abgesehen. "Mir ist das egal", sagt Bruhn im Gespräch. Wenn mich das kränken würde, wäre ich längst depressiv." Bestätigung seines Lebenswerkes erhält Bruhn von Fans, insbesondere seine Soundtracks zu Kinderserien wie "Timm Thaler", "Wickie" "Captain Future" erfreuen sich großen Interesses. Und so mache Werbemelodie, die er bereits vor 30 Jahren schöpfte, ist immer noch im Einsatz, wie jene für Mon Chéri, Milka-Schokolade und Perwoll. "Ich bin in der glücklichen Lage, nicht mehr mein tägliches Brot verdienen zu müssen - und das trotz kostspieliger Scheidungen", sagt Bruhn und lacht. Sein Anwesen im Münchner Villenviertel Solln teilt er inzwischen mit seiner fünften Ehefrau, einer Ärztin. Gattin Nr. 3 war Katja Ebstein (der er u. a. den Grand-Prix-Hit "Wunder gibt es immer wieder" schrieb). Ehefrau Nr. 4 war Erika Götz, besser bekannt als eine Hälfte des Duos Gitte & Erika (das Bruhn sein Titellied zur Zeichentrickserie "Heidi" singen ließ.)Das heutige Musikgeschäft ist Bruhn "zu kompliziert" geworden. "Zu viele reden da hinein, bis überhaupt mal ein Lied aufgenommen wird." Er genießt stattdessen seine Freiheit, jene Dinge zu tun, die ihm Spaß machen. Das waren in den vergangenen Jahren in erster Linie Musicals für Kinder, aber auch eines für Erwachsene ist in Vorbereitung. Die Lieder hat Bruhn bereits fertig, einzig der Librettist ist im Verzug. Seine Name: Rolf Hochhuth.------------------------------Ohrwürmer am laufenden BandChristian Bruhn, 1934 in Wentorf bei Hamburg geboren, arbeitet seit 1957 als Komponist, Arrangeur und Musikproduzent. Er komponierte über 100 Lieder für Kinder, Kindermusicals, Werbemusiken, Filmsoundtracks und TV-Serien ("Patrik Pacard", "Die Wicherts von nebenan") und rund 2 000 Schlager, u. a. "Wärst du doch in Düsseldorf geblieben" (Dorthe Kollo), "Hinter den Kulissen von Paris" (Mireille Mathieu) und "Küsse nie nach Mitternacht" (Siw Malmkvist). Bruhn lebt gegenwärtig in München.Foto: Sein Buch "Marmor, Stein und Liebeskummer. Meine Welt ist die Musik" erschien im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag und kostet 19,90 Euro.------------------------------Foto: Einst in einem Boot: Schlagerkomponist Christian Bruhn und Schlagersängerin Conny Froboess.