Was Dietrich Petzold mit dem Piano macht, kann man nicht mehr spielen nennen: Er schlägt, zupft, zerrt. Tief gebeugt über den geöffneten Flügel bearbeitet er die Saiten. Mal mit der Hand, mal mit dem Schlegel. Manche Instrumente "nutzt" er, statt sie zu spielen, sagt Dietrich Petzold. Der 44jährige Musiker und Komponist aus Prenzlauer Berg erfindet auch Klänge.Petzold arbeitet derzeit an der Bühnenmusik für den "Woyzeck", der am Sonntag am Jugendtheater carrousel Premiere hat. Dann wird Petzold neben und auf der Bühne stehen, um die Schauspieler mit Musik und Geräuschen zu unterstützen. Mit dem Regisseur spricht er die emotionale Wirkung ab, die bei Akteur und Zuschauer erzeugt werden soll. Aber durch die Live-Musik hat er Freiheiten: Keine Aufführung gleicht der anderen, weil Petzold immer wieder improvisiert. "Mal nehme ich das Tempo raus, mal versuche ich mit der Musik zu schieben, wenn eine Szene klemmt", sagt er.Schleifen statt stimmenDer gebürtige Thüringer ist einfallsreich. Wenn ihm die Baßblockflöte zu bieder klingt, schraubt er einfach das Kopfstück ab und bläst in das hölzerne Instrument. Das dumpfe, tiefe Summen hört sich an wie ein Didgeridoo, das australische Blasrohr. Petzolds Spezialität ist sein Klistierophon, benannt nach den Einlaufspritzen, die in Krankenhäusern verwendet werden. Ein Freund hatte in der Klinik herausgefunden, daß die Kolben klingen. Petzold schraubte 13 Stück auf ein schmales Holzbrett und schliff die Messinglegierungen ab bis er eine Tonreihe mit zwölf gleichmäßigen Halbtönen darauf spielen konnte. Wenn er mit dem Bratschenbogen über die Kolben streicht, hört es sich an, als ob er mit feuchtem Finger über die Ränder von Weingläsern fährt. Ein schneidendes Geräusch. Grell und aggressiv. "Damit kommentiere ich die Innensituation einer Figur, die unter starkem psychischen Druck steht", sagt Petzold.Zur Musik kam er durch eine klassische Geigenausbildung, zum Beruf eher unfreiwillig. Mit 16 Jahren flog er von der Schule, weil er gegen eine Schießübung protestierte. Seitdem arbeitete er Ende der siebziger Jahre als freier Musiker bei der Klaus-Lenz-Big-Band, Uschi-Brühning-Band und machte "so ziemlich alles von der Unterhaltungsmusik bis zum Freejazz." Seit den achtziger Jahren schrieb er viele Kompositionen Bühnenstücke und arbeitete mit dem Pantomimeensemble des Deutschen Theaters. Nach der Wende kamen etliche Hörspiele und Features für unter anderem SFB, ORB und Deutschlandradio hinzu.Seit 1980 lebt Dietrich Petzold in Prenzlauer Berg, fühlt sich wohl in der "kreativen Atmosphäre" des Kiezes, zu der er selbst beiträgt: In der Dunckerstraße hat er sein Tonstudio direkt unter seiner Wohnung. Hinter den mit Wolldecken und Matratzen abgedichteten Fenstern steht sein Flügel, komponiert er Bühnenmusik. Er selbst definiert sich als Musiker, will kein abstrakter "Künstler" sein.Die Bratsche als BanjoSein Dutzend Perkussionsinstrumente "nutzt" er aber nicht nur im klassischen Sinn: Mit dem Bogen streicht er über das Cymbal, ein kurzer Handkantenschlag auf die Dharambuka, eine arabisch-türkische Felltrommel. Neue Klänge erfindet Petzold nicht nur mit seinen Klistierspritzen. Seine Bratsche spielt er oft wie eine Gitarre, hält sie schräg vor dem Körper und haut kräftig in die Saiten: "Im Notfall kann man eben auch mal einen Banjo-Sound mit der Bratsche machen."