Herr Hellmann, Discounter wie Lidl oder Schlecker stehen wegen ihrer Arbeitsbedingungen immer wieder in der Kritik. Viele Verbraucher sind darüber erbost, kaufen aber dennoch dort ein. Ist das nicht eine seltsame Doppelmoral?Jeder, der bei Discountern einkauft - und damit meine ich nicht nur Lidl oder Schlecker, sondern alle Anbieter -, trägt dazu bei, diesen Handelszweig zu stärken. Dessen müssen sich die Verbraucher bewusst sein. Wer sich daher über die Arbeitsbedingungen bei den Discountern empört und trotzdem dort einkauft, obwohl er oder sie nicht darauf angewiesen ist, wird mit dem Vorwurf der Doppelmoral rechnen müssen. Doch das ist nur eine kleine Minderheit der Kunden. Die meisten kaufen dort ein, weil sie knapp bei Kasse sind.Bei den Discountern kaufen aber auch viele Gutverdiener ein. Können die ein reines Gewissen haben?Wenn sie dazu stehen und sich nicht über die dortigen Arbeitsbedingungen beschweren, ist das moralisch unproblematisch. Man kann ja auch den Standpunkt vertreten, dass ein Boykott eines Unternehmens kontraproduktiv wäre, weil dies nur zu einem Arbeitsplatzabbau führen würde - und damit wäre den Beschäftigten ja auch nicht gedient.Würden denn dafür nicht anderswo neue Stellen entstehen? Irgendwo müssen die Leute doch einkaufen.Das ist nicht zu erwarten: Im Lebensmittelhandel gibt es gewaltige Überkapazitäten, Lieferengpässe kommen so gut wie nie vor. Die Konkurrenten bekämen zwar mehr Kunden, das würde aber kaum zu Neueinstellungen führen.Vielleicht blicken viele Verbraucher auch einfach nicht mehr durch, welchen Anbietern sie noch trauen können, weil es in jüngster Zeit so viele Skandale gab - und meinen dann, dass es sowieso egal ist, wo sie hingehen.Es stimmt zwar, dass es für Verbraucher gerade im Lebensmittelbereich immer schwieriger wird, sich zurechtzufinden und den Durchblick zu bewahren. Sie können nie genau wissen, ob sie nicht doch auf einen Etikettenschwindel hereinfallen, wenn sie zum Beispiel ein Öko-, Bio- oder Fair-Trade-Produkt kaufen. Doch bei Lidl und Schlecker sind die Sachverhalte relativ klar: Deren Arbeitsbedingungen sind immer wieder Thema in den Medien, da kann sich kaum einer damit herausreden, er wisse von nichts. Wer das tut, macht sich der Heuchelei verdächtig.Sind Lidl und Schlecker die einzigen schwarzen Schafe?Keineswegs. Ihr Image ist vor allem deshalb so schlecht, weil ihre jeweilige Geschäftsführung einen sehr autoritären Umgang mit dem Personal pflegt, mit wenig Gespür für die Sensibilitäten der Öffentlichkeit, weshalb sie in den letzten Jahren von einem Fettnäpfchen ins andere getreten sind. Doch sind die anderen nicht so viel besser. Aldi genießt zwar einen hervorragenden Ruf, es wäre aber blauäugig zu glauben, dass die Arbeitsbedingungen dort wesentlich besser sind als bei Lidl. Das gleiche gilt im Bereich der Drogeriemärkte.Wird sich die Neigung der Verbraucher, alles mögliche möglichst billig haben zu wollen, irgendwann nicht zwangsläufig auf die Qualität der Produkte auswirken?Ja, langfristig ist das eine echte Gefahr, auch wenn die Discounter heute immer betonen, dass die Qualität ihrer Waren einwandfrei sei. In Deutschland sind die Gewinnmargen im Handel die geringsten in Europa. Die Branche sieht sich deshalb gezwungen, einen immer stärkeren Preisdruck auf die Hersteller auszuüben. Das kann auf Dauer zu Lasten der Qualität der Produkte gehen. Die zahlreichen Skandale im Fleischbereich liefern dafür einen Vorgeschmack.Bedeutet das nicht, dass wir als Gesellschaft freiwillig einen Verlust an Lebensqualität erleiden, wenn wir uns hauptsächlich nur noch beim Discounter versorgen?Ja, da ist etwas dran. Wenn man dauerhaft nur unter rund 1 000 Produkten wählen kann, die es beim Discounter gibt, statt auf die mehrere 10 000 Artikel zuzugreifen, wie sie die Vollsortimenter im Angebot haben, dann verzichtet man zwangsläufig auf Reichhaltigkeit, Geschmack, Abwechslung. Und das kommt in der Tat einem Verlust an Lebensqualität gleich. Man muss aber fairerweise sagen, dass viele Menschen auf Vielfalt bei Lebensmitteln keinen großen Wert legen. Ihnen reicht ein überschaubares Angebot, weil sie es schnell, einfach, vertraut haben wollen. Auch diese Einstellung muss man respektieren.Sind wir Deutschen da anders als unsere Nachbarn?Ja, diese starke Fixierung auf den Preis ist typisch deutsch. Das ist in fast allen westeuropäischen Ländern anders.Zum Beispiel?In England tun sich Discounter sehr schwer. Das liegt unter anderem daran, dass es vielen Briten, gerade im unteren Drittel der sozialen Klassenstruktur, peinlich ist, dort einzukaufen. Sie wollen dort nicht gesehen werden, weil es nur unterstreichen würde, zu welcher Schicht sie gehören. Dieses Schicht-Denken ist in England viel ausgeprägter als in Deutschland und hat historische Gründe: Hierzulande haben sich die sozialen Ungleichheiten nach dem Zweiten Weltkrieg stark reduziert. So sprach der Soziologe Helmut Schelsky schon in den 1950er-Jahren von einem Entschichtungsvorgang, mit der Folge einer Nivellierung sozialer Ungleichheit. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass der Discount-Pionier Aldi, der schon 1946 an den Start ging, von Anfang an einen solchen Riesenerfolg hatte. Dadurch entstand in weiten Kreisen der Bevölkerung diese Billig-Mentalität.Wie sieht es in Frankreich aus?Auch in Frankreich spielen die Discounter längst nicht die gleiche Rolle wie in Deutschland. Für die Franzosen hat das Essen einen viel höheren Stellenwert als für die Deutschen. Sie achten mehr auf Qualität und weniger auf den Preis.Wie ist die Lage in Italien und Spanien?Dort konnten sich die traditionellen Strukturen im Lebensmittelhandel viel länger halten als bei uns. Dies hängt damit zusammen, dass die wirtschaftliche Entwicklung dort viel langsamer vonstatten ging als hierzulande. Die Menschen blieben vor Ort, pflegten ihre Traditionen und gingen noch jahrzehntelang zum Tante-Emma-Laden um die Ecke. Heutzutage schaut das freilich schon ganz anders aus.Stehen wir Deutschen also ganz alleine da?Nein, die USA haben eine ganz ähnliche Entwicklung durchgemacht. Dort hat Wal-Mart eine verwandte Billig-Kultur entstehen lassen. Das ist durchaus mit Deutschland vergleichbar, auch wenn Wal- Mart in den USA lange Zeit nur in den ländlichen und kleinstädtischen Regionen verbreitet war. Hierzulande war Aldi dagegen von Anfang an auch in den größeren Städten präsent und erfolgreich.Das Gespräch führte Sebastian Wolff.------------------------------Foto: Dr. Kai-Uwe Hellmann ist am Institut für Soziologie der TU Berlin beschäftigt und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Konsum- und Markenforschung. 1995 legte er seine Promotion in Soziologie ab. Stationen seiner wissenschaftlichen Laufbahn waren unter anderem die Unis Magdeburg, Essen und Leipzig.Foto: Discounter: Die Deutschen schauen beim Einkauf besonders aufs Geld.