Sie trotzen glühenden Ascheregen, stapfen in dicken Schutzanzügen über gerade erkaltete Lava, um Proben zu nehmen, und sie platzieren ihre Messgeräte oft gefährlich nah am Kraterrand: Vulkanologen gelten als unerschrockene Zeitgenossen. Doch der gerade ausgebrochene Nyiragongo ist vielen von ihnen zu gefährlich.Das liegt nicht etwa an einer besonderen Explosivität oder Unberechenbarkeit des Berges im Herzen Afrikas. Vielmehr ist es für Forscher zu riskant, in die Bürgerkriegsregion zu reisen. Sowohl in der Demokratischen Republik Kongo, wo sich der Vulkan befindet, als auch in den angrenzenden Ländern Ruanda und Uganda sind Krieg, ethnische Auseinandersetzungen und Banditenüberfälle an der Tagesordnung. Experten mussten fliehenEvariste Sebazungu kommt aus Ruanda. Der Geophysiker arbeitet seit 1985 an der Universität Mainz und hat selbst einige Vulkanausbrüche in der Region erlebt. Doch derzeit forsche in den betroffenen Staaten fast niemand mehr an Vulkanen, sagt Sebazungu. "Vor einigen Jahren gab es noch einen Kollegen an der staatlichen Universität in Ruanda, der über Vulkane promoviert hat." Doch auf Grund des Bürgerkriegs sei der Wissenschaftler wie viele andere geflohen - und arbeite heute in Kanada. Deswegen beobachte niemand dauerhaft den Nyiragongo, bedauert Sebazungu: "Es fehlt ein Frühwarnsystem - deshalb wurden die Menschen von dem jüngsten Vulkanausbruch so überrascht."Ähnliches sagt auch der Potsdamer Erdbeben- und Vulkanexperte Jochen Zschau: "Unter normalen Umständen hätte die Bevölkerung dort vorgewarnt werden können", sagt der Wissenschaftler vom Geoforschungszentrum. Seine Arbeitsgruppe überwacht mehrere Vulkane, darunter auch den berüchtigten Merapi auf Java."Es lohnt sich auch nicht, seismische Geräte aufzustellen", sagt Christoph Weber, "die würden sofort gestohlen werden." Weber war 1996 selbst am Kraterrand des Nyiragongo und sagt: "Ich konnte nur mit bewaffneter Begleitung hochsteigen." Der Wuppertaler ist kein Forscher, sondern Reiseveranstalter für Spezialtouren: Sein Unternehmen heißt "Vulkan Expeditionen International" (VEI). Eigentlich hätte er gerne Touren zum Nyiragongo ins VEI-Programm genommen, sagt Weber, aber das sei noch zu riskant.Doch auch unter normalen politischen Umständen ist der Berg nicht ungefährlich. Denn anders als der ganz nahe gelegene Vulkan Nyamuragira neigt der Nyiragongo zu heftigen Flankeneruptionen. So etwa 1977, als sich ein riesiger Lava-See innerhalb von einer Stunde entleerte. Zwanzig Millionen Kubikmeter glutflüssiges Gestein ergossen sich über die Flanken des Berges. Ebenfalls wie jetzt bis in die Stadt Goma. Damals starben mehr als siebzig Menschen. Was den Vulkan so gefährlich macht, erläutert der Greifswalder Forscher Stephen Foley: "Er spuckt große Mengen sehr schnell fließender Lava aus." Im Vergleich zu bekannten Vulkanen wie dem Ätna oder Mount St. Helens enthält das Vulkangestein des Nyiragongo zwar sehr viel Natrium und Kalium, aber sehr wenig Silizium. "Das ist der Grund, weshalb die Lava äußerst dünnflüssig ist", sagt Foley. Dünnflüssige Lava wiederum bewegt sich schneller als die dicken Gesteinsbrocken und die zähe Masse, die andere Vulkane auswerfen. So erreicht die Lava des Nyiragongo eine Geschwindigkeit von 20 bis 60 Kilometer pro Stunde; der Spitzenwert wurde 1977 gemessen. Die Lava des Ätna hingegen bewegte sich bei seinen letzten Ausbrüchen nur mit rund zehn Meter pro Stunde fort. Der Nyiragongo ist ein so genannter Schichtvulkan. Diese Art von Feuerberg ist gekennzeichnet durch steile Flanken, der Vesuv gehört beispielsweise dazu. Schichtvulkane neigen zu plötzlichen und heftigen Eruptionen, sie sind daher in der Regel gefährlicher als die "Schildvulkane" mit ihren flacheren Hängen. Der Mauna Loa auf Hawaii etwa ist ein Schildvulkan ebenso wie der Nyamuragira, direkt neben dem Nyiragongo. Aus Schildvulkanen fließen meist große Mengen dünnflüssiger Lava, die sich wie Eierkuchenteig ausbreitet und daher flachere Kuppen formt. Zwar ist auch die Lava des Nyiragongo dünnflüssig - eigentlich müsste sich also ein flacher Schildvulkan bilden -, aber bei den Ausbrüchen des Nyiragongo wurde immer wieder auch Asche ausgeworfen. "So entsteht eine Art Sandwich", erklärt Stephen Foley, "das führt dann zu steileren Flanken". Besonders fatal: Je größer die Hangneigung eines Vulkans, um so schneller strömt auch das flüssige Gestein talwärts. Wieso die nur vierzehn Kilometer voneinander entfernten Vulkane im Osten der Republik Kongo so unterschiedlich sind, wissen die Experten noch nicht. Fest steht, dass sie sich aus zwei unterschiedlichen Reservoirs im Untergrund speisen. "Wenn ich zwei Proben erhalte, kann ich genau sagen, welche vom Nyiragongo und welche vom Nyamuragira stammt", sagt Jörg Keller. Der Mineraloge und Geochemiker ist Vulkanspezialist an der Universität Freiburg. Er hat im "Rift Valley" geforscht, zu dem auch die beiden kongolesischen Vulkane gehören. Das Rift Valley ist ein so genannter Grabenbruch: Die Erdkruste bricht an dieser Stelle auf und treibt auseinander. Hohe Berge sowie tiefe, bogenförmige Seen zeugen von den gewaltigen Kräften aus dem Erdinneren, die den afrikanischen Kontinent dereinst zerreißen werden (siehe Kasten). Deshalb wird die Region häufig von Erdbeben heimgesucht und zahlreiche aktive Vulkane prägen die Landschaft in Ostafrika. Das Tal wird zur FalleUnter ihnen sind der Nyiragongo und der Nyamuragira die aktivsten. Der Nyiragongo sei alle zehn Jahre etwa besonders aktiv, berichtet der Greifswalder Vulkanologe Stephen Foley. In der Zwischenzeit bietet er den Bewohnern des Vulkangebiets durchaus Vorteile - die schattige Lage in seinem Tal ebenso wie einen durch die Lava extrem fruchtbaren Boden.Doch bricht der Vulkan aus, werden die sonst so geschätzten geographischen Gegebenheiten zur Falle für die Einheimischen in der kongolesischen Stadt Goma. "Die Lava kann nur nach Norden oder Süden herunterfließen", erläutert Stephen Foley - dieses Mal traf es Goma im Süden. Und so fanden sich die Bewohner der Stadt plötzlich eingekesselt im Tal zwischen der nahenden Lava und dem Ufer des Kivu-Sees. Als einzige Fluchtmöglichkeit blieb ihnen der steile und beschwerliche Weg über die Gebirgskette hinweg.Afrika zerbricht in zwei Teile // Eine gewaltige geologische Bruchzone durchzieht das östliche Afrika. Sie ist am südlichen Ende vom Malawi-See begrenzt. Im Norden reicht sie bis zum Golf von Aden. Dieses "Rift Valley" hat eine Länge von mehr als 3 500 Kilometern. Auseinander driftende Platten der Erdkruste reißen den afrikanischen Kontinent entlang des so genannten Grabenbruchs entzwei - jedes Jahr bewegen sich die Platten ein bis zwei Zentimeter voneinander fort. Vulkane und zahlreiche Erdbebenherde kennzeichnen die Region. Zu den aktivsten Vulkanen dort gehört der Nyiragongo.In einigen Millionen Jahren wird es deshalb ein westliches und ein östliches Afrika geben, die ein Meeresarm voneinander trennt. Auf der östlichen Hälfte werden sich dann Djibouti, Äthiopien, Somalia, Uganda, Kenia, Tansania, Ruanda, Burundi, Malawi und Teile von Mosambik befinden.Das ostafrikanische Rift Valley ist seinerseits Teil eines größeren geologischen Systems, zu dem auch das Rote Meer und der Golf von Aden gehören. Das Rote Meer wird breiter.Auch in Deutschland existiert ein solcher "Grabenbruch" - der Oberrheintal-Graben zwischen Basel und Mainz. Allerdings ist das Rift Valley in Afrika etwa fünf- bis sechsmal breiter, deutlich länger und auch weitaus aktiver als dasjenige in Deutschland.Durch Vulkanausbrüche entstand im Rheingraben vor mehreren Millionen Jahren unter anderem der Kaiserstuhl. Die Maare in der Eifel sind ebenfalls Zeugnisse von Eruptionen. Doch auch wenn sich immer noch leichte seismologische Aktivität messen lässt, halten viele Geologen den Vulkanismus im Oberrheintal-Graben für "eingeschlafen". Das gilt ebenfalls für den Oslo-Graben in Norwegen. Noch aktiv ist hingegen der Rio-Grande-Graben, der Mexiko durchzieht. Der ostafrikanische Graben jedoch ist bei weitem die größte Bruchzone der Welt. (jz. , fpn. )REUTERS/GEORGE MULALA Nach dem Vulkanausbruch: Die Lava des Nyiragongo bedeckt die Straßen von Goma. Ein Großteil der Stadt, die am Fuße des Vulkans liegt, wurde von den glühendheißen Gesteinsmassen begraben. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht.BERLINER ZEITUNG/LUKAS PUSCH (QUELLE: U. S. GEOLOGICAL SURVEY) Erdbebenherde und Vulkane zeigen die Bruchlinien an, entlang derer der Osten Afrikas auseinander bricht.REUTERS/JACKY NAEGELEN Brennende Häuser in Goma: Sie fingen Feuer inmitten der glühenden Lava, die vom Nyiragongo-Vulkan in den Kivu-See herabfließt.