Im Kulturbetrieb des "Leselandes DDR" war er eine unübersehbare Erscheinung, der Mann mit dem silbergrauem Haupthaar und Bart, der mit verschmitztem Blick nirgendwo sein konnte, ohne nicht eine Geschichte aufzufangen oder weiterzugeben: der Kulturarbeiter, Reporter und Literat Jan Koplowitz. Ob Lesungen oder Buchbasare, Lyrikforen, Poetenfeste oder Treffen in "Zirkeln schreibender Arbeiter", ob Podiumsdiskussionen, Kolloquien oder huldigende Künstlermanifestation vor der Partei- und Staatsführung - er gehörte dazu. Er fühlte sich als ein literarischer Chronist des Aufbauwerks in Ostdeutschland nach dem Krieg, wollte dabei vor allem mit Arbeiten der kleinen, "operativen" Form gebraucht werden. Seine Stoffe für Reportagen, Porträts, Kurzgeschichten suchte er auf den "sozialistischen Großbaustellen" wie etwa in der Maxhütte Unterwellenborn oder in dem entstehenden Halle-Neustadt, wo er Jahre mit den Arbeitern verbrachte. "Mit der Gegenwart verheiratet sein", das war die erklärte Devise seines Lebens und Schreibens. Aber sein literarisch Wichtigstes hat eher die historische Mitgift für diesen Ehekontrakt mit der "neuen Zeit" hervorgebracht: Der 1909 als Sohn eines jüdischen Kurhotel-Besitzers im schlesischen Kudowa geborene Koplowitz hatte in den 20er Jahren mit seinem großbürgerlichen Elternhaus gebrochen, war zur kommunistischen Bewegung gestoßen. Er schrieb für Arbeiterzeitungen und und Agitprop-Gruppen. Mit einer literarischen Skizze über den Abschied aus dem Hause seiner Herkunft hatte er sich dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller als Mitglied empfohlen. Egon Erwin Kisch und Ilja Ehrenburg wurden seine Lehrer; zeitlebens hat er sich stolz auf sie berufen. Über die Tschechoslowakei und Polen floh Koplowitz vor den Nazis nach Schweden und von dort nach England. Nach dem Krieg glaubte er das bessere Deutschland östlich der Elbe entstehen zu sehen und wollte sich als Kommunist und Jude ein-bringen. Im Kontrakt mit der Gegenwart blieb für ihn die Vergangenheit mächtig: Koplowitz´ gültigstes und bekanntestes Werk entstand im Rückblick auf seine familiären Wurzeln - als Fortführung jener Skizze aus dem Jahre 1928: In dem 1979 fertiggestellten und später verfilmten Roman "Bohemia - mein Schicksal" erzählt er die Geschichte seiner Familie, die zu großen Teilen dem Holocaust zum Opfer fiel. Am Mittwoch dieser Woche ist Jan Koplowitz im Alter von 91 Jahren gestorben. Er hat noch einen Roman zu Ende gebracht, um den er sich viele Jahre mühte. Wiederum autobiographisch, erzählt "Daniel in der Löwengrube" von einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung. Koplowitz einziger Sohn Daniel, in England aufgewachsen, war als Hippie in der Türkei mit einer Gitarre voller Haschisch aufgegriffen worden, von der Todestrafe bedroht gewesen und dann zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Koplowitz setzte all sein Hab und Gut ein, ihn freizukriegen, was ihm schließlich auch gelang. Dass er dabei auch die Grenzen des in der DDR Legalen überschritt, trieb ihn in die Fänge der Stasi. Er wurde zum IM, der Schriftstellerkollegen zu bespitzeln hatte. Als der Verrat Mitte der 90er Jahre bekannt wurde, verstieß der Sohn den Vater. Mit diesem seinem letzten Buch, so hatte Jan Koplowitz noch versprochen, wollte er eine "Abrechnung" mit seinem bewegten Leben geben.