Erst haut ein Mädchen mit Zöpfen einen Hammer gegen seine Stirn, dann schlägt ihm ein Mann einen Baseballschläger ins Kreuz. Ein dritter rammt ihm eine zerbrochene Bierflasche in die Brust, der nächste puhlt dem übel zugerichteten Opfer sein Auge heraus.Die surreale Gewaltszene findet sich in Quim Monzós Erzählung "Der Unfall". Der Ich-Erzähler wird darin von einer aufgebrachten Menge aufs Gröbste zermatscht, weil er versehentlich eine Frau angefahren hat. Der katalanische Autor Monzó las den rabenschwarzen Text unlängst beim Literaturfestival in Berlin. Und spätestens, als der verprügelte Protagonist sein herausgerissenes Auge einfach wieder an seinen Platz setzte, wussten die Zuhörer, dass über diese finstere Groteske ruhig auch gelacht werden durfte.Neben Alberto Sanchez Piñol zählt Quim Monzó wohl zu den bekanntesten Vertretern jener "katalanischen Kultur", die heuer Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist. So blutrünstig wie diese Erzählung wird Monzós Rede zur Messeneröffnung kaum geraten. Möglich ist aber, dass der Fachmann für Gewaltfantasien das eine oder andere Wort über jenen erbitterten und in vielen Medienberichten aufgebauschten Sprachenstreit verliert, der in Katalonien lange vor der Einladung seinen Ausgang nahm und im Vorfeld der Messe viele Gemüter erregte.Streit im VorfeldWas war da los? Bisher kam es in der Geschichte der Frankfurter Buchmesse erst zwei Mal vor, dass sich keine Staaten, sondern kulturelle Gemeinschaften als Ehrengäste präsentieren durften: 1993 waren das Flandern und die Niederlande, 2004 die arabische Welt. Und auch nun ist nicht etwa Katalonien als Gastland eingeladen - obwohl sich diese wirtschaftsstärkste, autonome Region Spaniens nach einem 2006 verabschiedeten Autonomiestatut durchaus als "Nation" versteht. Die Einladung gilt vielmehr einem grenzübergreifenden Kulturraum - eben der "katalanischen Kultur". Und die umfasst nicht nur jene katalanischen Regionen außerhalb Spaniens, in denen neben dem Katalanischen auch Französisch oder Italienisch gesprochen wird; sie gilt auch innerhalb Spaniens heute als eine bi- oder sogar multilinguale Kultur. Zur Zeit der Franco-Diktatur wurde der öffentliche Gebrauch der katalanischen Sprache unterdrückt, heute aber gibt es in Katalonien zwei Amtssprachen: Spanisch und Katalanisch.Trotzdem schreiben viele dort lebende Schriftsteller auf Spanisch - etwa Eduardo Mendoza ("Die Stadt der Wunder") oder Javier Cercas ("Die Soldaten von Salamis"). Oft sind sie erfolgreicher als ihre katalanisch schreibenden Kollegen: Sie profitieren davon, dass Barcelona nicht nur Verlagshauptstadt Spaniens, sondern der gesamten spanischsprachigen Welt ist, inklusive des riesigen lateinamerikanischen Buchmarktes - was bei der Entscheidung für den Katalonien-Schwerpunkt auf seiten der Messeleitung gewiss auch eine große Rolle spielte.Warum aber lehnten spanisch schreibende Schriftsteller wie Carlos Ruiz Zafón, Autor des erfolgreichen Barcelona-Romans "Im Schatten des Windes", die Einladung nach Frankfurt ab? Mancher Messebesucher wird auch Francisco Casavella vermissen, Autor des Tausend-Seiten-Romans "Verwegene Spiele", der in Barcelona während der dreißig Jahre nach Franco spielt. Schließlich hätten diese Autoren in Frankfurt dazu beitragen können, ein vollständiges Bild des vielerorts wunderbar funktionierenden katalanischen Bilingualismus zu vermitteln.Nach Angaben des katalanischen Kulturinstituts Ramon Llull (IRL), das den Messeschwerpunkt betreut, begründeten diese Autoren ihr Fernbleiben damit, dass die diesjährige Messe den Katalanisch schreibenden Autoren vorbehalten bleiben solle. Gern verweisen die Organisatoren auch darauf, Spanien sei bereits 1991 Gastland der Buchmesse gewesen; zudem sei die spanischsprachige Literatur auf dem globalen Buchmarkt auch ohne den Marketingfaktor Messe präsent genug.Wenn man aber weiß, dass Josep Bargalló, Direktor des IRL, den Linksnationalisten der Esquerra Republicana de Catalunya (ERC) angehört, die sich für die politische Unabhängigkeit und Eigenständigkeit der "Nation" Katalonien stark machen, könnte man auch den Eindruck gewinnen, von den Organisatoren werde durch die Konzentration auf katalanisch schreibende Autoren nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein politisches Anliegen vertreten.Dass aber mit den linksnationalistisch-separatistischen Zielen der ERC auch einige katalanische Autoren nicht in Verbindung gebracht werden möchten, ist verständlich. Und die spanisch schreibenden Autoren handeln gegenüber ihren katalanischen Kollegen nur diplomatisch, wenn sie wegbleiben. Auch wenn die katalanische Landesregierung für Frankfurt und das ganzjährige Begleitprogramm zur Buchmesse ein Budget von 16 Millionen Euro zur Verfügung stellte - so viel wie noch kein Gastland zuvor - wird man in Frankfurt also nur ein unzureichendes Bild der "katalanischen Kultur" gewinnen können.Dieser Eindruck verstärkt sich, so bald man einen Blick auf jene Werke wirft, die nun ins Deutsche übersetzt wurden. Viele Titel erschienen im katalanischen Original bereits vor geraumer Zeit; einige Autoren stellen mit Ende Fünfzig dem deutschen Publikum Romane vor, die sie als Mittdreißiger schrieben. So erschien etwa der Debütroman "Wie ein Stein im Geröll" von Maria Barbal, der es unlängst nach einem Auftritt in Elke Heidenreichs "Lesen!"-Sendung bis auf Platz 10 der Spiegel-Bestsellerliste schaffte, unter dem Titel "Pedra de tartera" bereits 1985 auf Katalanisch. Und auch der Debütroman von Miquel de Palol "Im Garten der sieben Dämmerungen", den Aufbau nun in einer 2. Auflage herausbrachte, erschien bereits 1989 in katalanischer Sprache. Quim Monzós "Hundert Geschichten" waren größtenteils bereits 1999 in einem Erzählband namens "Vuitanta-sis contes" ("Sechsundachtzig Erzählungen") versammelt. Eine literarisches Abbild des heutigen Katalonien oder gar eine Aufarbeitung globaler Gegenwartsthemen kann man von solchen Titeln kaum erwarten.Erst recht nicht von klassischen katalanischen Autoren wie Ramon Llull: In dem didaktischen Roman "Felix oder Das Buch der Wunder" des 1232 auf Mallorca geborenen Schriftstellers und Philosophen erfährt der Leser dafür, wie gut Rhabarber einer erhitzten Leber tut, und lernt das ganze damals bekannte Universum aus der Sicht des Protagonisten Felix kennen - von der Hölle über die irdischen Lebewesen bis hin zu Gott. Es ist das erste Werk von wissenschaftlichem Anspruch, das nicht in Latein, sondern auf Katalanisch verfasst wurde. Schon allein deshalb gehört es zum Pflichtprogramm einer Buchmesse, bei der die Eigenständigkeit des Katalanischen herausgestellt werden soll.Vor allem über die Zeit der Franco-Diktatur und des Spanischen Bürgerkriegs gibt es in Frankfurt einiges zu hören. Zum Beispiel Jaume Cabrés "Die Stimmen des Flusses", oder Mario Lacruz' Roman "Auf Abendwegen", der in Spanien bereits 1955 erschien und die Vorlage für Claude Lelouchs Film Une homme et une femme (1966) abgab. Die 1908 geborene Mercè Rodoreda erzählt in "Weil Krieg ist" von der Naivität und Leidenschaft, mit der sich ihr junger Protagonist in das Geschehen an der Front stürzt. Und Maria Barbal berichtet in ihrem Bestseller "Wie ein Stein im Geröll" von einer Frau, die nach der Ermordung ihres Mannes nicht in katalanischer Sprache um ihn trauern darf.Unter Franco unerwünschtSo wird ständig auch an jene Zeit erinnert, in der die katalanische Kultur in Spanien unerwünscht war. Hat sie da nicht ein Recht, endlich ohne spanische Beiklänge promoted zu werden? Gewiss. Die besten Bücher sind trotzdem die, auf die das Etikett "katalanisch" nur mit Einschränkung zutrifft. Etwa die Fantasy-Groteske "Pandora im Kongo" von Alberto Sanchez Piñol, oder Empar Moliners exzentrische Erzählungen "Verführung mit Aspirin".Moliner schreibt in Katalanisch, doch beim Stichwort "katalanische Kultur" malt sie sich gern absurde Horrorszenarien aus: "Stellen Sie sich vor, was los wäre, wenn das Flugzeug abstürzt, in dem die katalanischen Autoren nach Frankfurt reisen!" sagt sie grinsend. "Die gesamte katalanische Kultur wäre auf einen Schlag vernichtet!" Ein Angriff spanischer Literaturterroristen gegen die Messe-Katalanen, mit herausgerissenen Augen und jeder Menge spritzendem Blut - das wäre doch mal ein schönes Thema für einen Erzählband über Katalonien.------------------------------Katalanische LiteraturMaria Barbal: Wie ein Stein im Geröll. Aus dem Katalanischen von Heike Nottebaum. Transit 2007, 128 S., 14,80 Euro.Jaume Cabré: Die Stimmen des Flusses. Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt. Insel 2007, 704 S., 22,80 Euro.Francisco Casavella: "Verwegene Spiele." Barcelona Roman. Aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold. Fischer 2007. 1040 S., 14,95 Euro.Mario Lacruz: Auf Abendwegen. Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann. Atrium, München 2007. 288 S, 19,90 EuroRamon Lull: Felix oder das Buch der Wunder. Aus dem Katalanischen von Gret Schib Torra. Schwabe, Basel 2007. 430 S., 47,50 Euro.Empar Moliner: Verführung mit Aspirin. Erzählungen. Aus dem Katalanischen von Theres Moser. Wagenbach 2006. 144 S., 9,90 Euro.Quim Monzó: 100 Geschichten. Aus dem Katalanischen von Monika Lübcke. Fva 2007, 786 S., 25 Euro.Albert Sanchez Piñol: "Pandora im Kongo." Aus dem Katalanischen von Charlotte Frei. Fischer 2007, 478 Seiten, 19,90 Euro.Mercè Rodoreda: Weil Krieg ist. Aus dem Katalanischen von Angelika Maass. Suhrkamp 2007, 180 S., 18 Euro.------------------------------Foto: Barcelona ist Verlagshauptstadt Spaniens und der gesamten spanischsprachigen Welt, inklusive des riesigen lateinamerikanischen Buchmarktes.