Der Kunsthistoriker Erhard Frommhold ist tot: Kunst ist schön, und sie ist auch Widerstand

Auf Buchseiten druckt man, was nicht vergehen soll. Etwa Standardwerke der Kunstgeschichte, die bis heute gültig sind, auch wenn der Verlag längst untergegangen ist. Erhard Frommhold, Kunsthistoriker und couragierter Cheflektor, hat dafür gesorgt, dass im von ihm mitgegründeten Verlag der Kunst Dresden solche bleibenden, gültigen Bücher erschienen sind - oft gegen die Einwände der DDR-Kulturpolitik. So erschienen deutschsprachige Erstveröffentlichungen über El Lissitzky, Diego Rivera, Josef Hegenbarth. Durch Frommholds Einsatz kamen in der DDR von der Kunstgemeinde sehnsüchtig erwartete Bände über Wilhelm Fraenger - gleichsam als Rehabilitation des von den Stalinisten geächteten Historikers - über Beckmann, Dix, Sidney Finkelstein, Hieronymus Bosch, Picasso und Weltfotografie heraus. Er verlegte Bücher über die russische Avantgarde - im Osten eine Pioniertat.Wie erst am Dienstag bekannt wurde, ist Erhard Frommhold am 17. Oktober in Dresden nach einem zweiten Herzinfarkt gestorben. Er war 79 Jahre alt.Dieser listige Lektor und Schreiber konnte bravourös argumentieren, überzeugen, begeistern. Dabei war ihm verlegerisches Kalkül fremd. Er baute auf die Überzeugungskraft des Authentischen und besaß ein feines Gespür für die Brüche zwischen Biografien, Werken und historischem Kontext. Ästhetische Haltungen nach ihren disparaten Implikationen zu befragen, ohne die "Macht der Bilder" griffigen Erklärungsmodellen zu opfern, war sein Prinzip. Er verteidigte es gegen vulgärsoziologische Traditionsschmiede und theoriegläubige Methodendiskutanten. Es ist, neben all jenen Büchern, denen er in die Welt verhalf, kaum möglich, alle seine eigenen klugen, zupackenden Essays über die Moderne und über jüngere Künstler der DDR aufzulisten. Das wird künftig die Akademie der Künste versuchen. Sie übernahm noch zu Lebzeiten Frommholds schriftliches Archiv (das Verlagsarchiv befindet sich im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden). Noch unmöglicher ist es, die Blessuren - Zensur, Maßregelung, Druckverbot - zu zählen, die der Cheflektor sich zu DDR-Zeiten holte. Auf einer SED-Konferenz hieß es, "das Krebsgeschwür Verlag der Kunst" solle "ausgebrannt" werden.Nach der Wende musste Erhard Frommhold zusehen, wie sein international renommierter Verlag skrupellos zerfleddert wurde. Künstler und nicht zuletzt die Leser verehrten den streitbaren "Anarcho-Sozialisten", der aus Altenburg stammte, einst Bauklempner war, noch im letzten Kriegsjahr Soldat werden musste und seine Diplomarbeit an der Universität Jena dem Kulturphilosophen Oswald Spengler gewidmet hat. In einer Zeit der Phrasen, Defizite, der Enge und Bedrängnis ermutigte er zum selbstständigen Denken. "Kunst im Widerstand", eine Analyse der Jahre 1922 bis 1945, bleibt der Nachwelt als eines seiner Hauptwerke. Darin erweis Frommhold sich als scharfer, universeller, lustvoller Denker, als schnörkellos formulierender Analyst. Und als ein Mann voller Leidenschaft, der die Welt so gern ein wenig besser machen wollte.------------------------------Foto : Erhard Frommhold (1928-2007)