Der langjährige Chef des Schiller Theaters, Boleslaw Barlog, feiert seinen 90. Geburtstag: Ein General mit Witz und Glück

"Lang lebe Barlog!" So hätte vor fünfzig Jahren kaum jemand im deutschen Theaterland gerufen. Obwohl der Mann dieses Namens, gebürtig aus Breslau, aber hauptstadtgeprägt, erneut eingerückt war in die kaputte Theaterstadt Berlin und dort sofort wieder Theaterleidenschaft, Unternehmergeist, Witz und Selbstvertrauen zeigte. Und sogar das Glück stand ihm zur Seite. Wie er im November '45 Wrangels Schlößchen in Steglitz mit "Hokuspokus" (von Curt Goetz) eröffnete - kurz nach dem Neuanfang im Deutschen Theater - grenzte schon an Zauberei. Seine Galionsfigur war die noch unbekannte Hildegard Knef. Vorzügliches Ensemble Der Einzelgänger Boleslaw Barlog erkannte den Bedarf an Spaß und Witz. Er machte im Schloßpark-Theater seine Sache so gut, daß ihm die zweite, größere Bühne, das wiederhergestellte Schiller Theater, vier Jahre später (wenn auch gegen Widerstand) renommestärkend zufiel; die Bühnen machten den Mann, weil er was aus ihnen machte.Wer über das Nachkriegstheater in Deutschland spricht, kommt um die Barlog-Bühnen nicht herum. Zu viel Beträchtliches kam hier auf die Bühne: "Was ihr wollt", "Marat/de Sade", "Todestanz" gehören in die lebendige Erinnerung - Barlog wurde das lang dauernde Gegenüber der wechselnden Intendanten am Deutschen Theater im Osten der Stadt.Der Mann im Westen zeigte Spürsinn. Ausgestattet mit einem glücklichen Temperament und intellektverschonter Anziehungskraft, wirkte er durch Freundlichkeit und trotzigen Witz; er hatte eine unglaubliche Zuversicht. Gegen alle Unkenrufe, man mäste in ihm staatlich einen Boulevardier in ernster Zeit, entfaltete er dreierlei Tugenden. Er bildete ein vorzügliches Ensemble, dessen Namen noch heute leuchten: Hermine Körner, Antje Weisgerber, Elsa Wagner, Berta Drews, Horst Caspar, Martin Held, Ernst Schröder, Erich Schellow, Bernhard Minetti, Walter Franck, Klaus Kammer u.a. Offener Spielplan Er machte einen Spielplan, der mit Aufführungen von Genet, von Beckett, von Gombrowicz der Zeit ihre Zeichen setzte. Er beschäftigte von Noelte über Kortner, Piscator und Beckett bis zu Ludwig Berger, Hans Bauer, Sellner, Schweikart, Willi Schmidt und Walter Henn Regisseure, die mindestens so gut und hoffentlich besser waren als er selbst.Freilich: Barlog machte Theater in einer Zeit, in der in Deutschland anscheinend wieder alles möglich wurde: ein offener Spielplan wie die Vielfalt der Darstellungsmöglichkeiten. Die Lust am Theater wuchs damals auch aus dem Verlangen, zu sehen, was in der Welt von Thornton Wilder, Tennessee Williams, über Eliot, Christopher Fry bis zu Dylan Thomas, Albee, Giraudoux, Max Frisch und Peter Weiss gedichtet ward. Und doch war das auch die Zeit, in der sich die Theaterarbeit in Berlin teilte in Ost und West.Kalter Krieg war gerade hier. Im Westteil der Stadt wurden Barlogs Theater (wie in Ost-Berlin Reinhardts Deutsches Theater) darum zu Staatstheatern. Als mit Gründgens' Rückkehr trotz des Barlogschen Angebots nicht mehr zu rechnen war, wurde er gar General-Intendant. Er war der menschenfreundlichste General, der sich denken läßt.Damals geriet manches in der normalen Theaterarbeit zum politischen Zeichen. Wie in den Staatstheatern Ost-Berlins etwa die Aufführungen Gorkis, Wolfs, Hays oder Rosows, so im Westen das, was im Osten Berlins nicht gespielt werden durfte. Becketts "Warten auf Godot" oder "Endspiel" sind die markantesten Beispiele.Barlog hat freilich nie ideologisches Theater gemacht. Als er "Die Plebejer proben den Aufstand" von Günter Grass spielen ließ, war das gewiß mehr eine Option für den Bühnenautor Grass als ein Affront gegen Brecht, wiewohl Helene Weigel es so verstand und Barlog die Rechte an Brecht-Aufführungen bestritt. An den nach dem Mauerbau begehrten Brecht-Boykott hielt er sich nicht, vom Vorwurf der Russophilie (wegen seiner Freundschaft zu den sowjetischen Kulturoffizieren Tjulpanow und Dymschitz) zeigte er sich so unberührt wie von dem Hinweis, daß er im Nazireich am Deutschen Theater bei Hilpert gearbeitet und schließlich sogar Filme gedreht habe. Seine Theaterwelt übergriff alle Politik. Nah an den Stimmungen Von drei Personen hatte er, der ein Autodidakt war und blieb und die Wirklichkeit in vielen Durchgangsberufen erfuhr, die Maximen und Maßstäbe. Von Max Reinhardt für die Bildung eines vielgestaltigen Ensembles, für die fördernde Liebe zum Schauspieler und den Vollzug eines Spielplans, in dem der Glanz der Überlieferung neben dem Reichtum der Moderne stand. In Gerhart Hauptmann sah Barlog zum letzten Mal das dramatische Vermögen der Deutschen versammelt; darum rückte er dessen Werk stetig ins Licht. Und Wilhelm Furtwängler erschloß ihm mit der Musik Sinn und Gefühl für musikalische Gestaltung und damit auch den Weg in die spätere Opernregie.Indem er als Intendant sich selbst Regieaufgaben stellte, band Barlog sich ein in die Produktion seiner Häuser, in die freud-oder leidvollen Abstimmungen jeden Abend an der Publikumsfront. So war und blieb er nah an den Stimmungen.Er war noch ein Manager alten Typs; er lebte stolz unter dem nun schütter gewordenen Umhang des Prinzipals. 27 Jahre lang hat er das Schloßpark-Theater, 21 Jahre das Schiller Theater mit Werkstatt geleitet. Das ist für Intendanten heute eine kaum mehr vorstellbare Zeit. Was er veranlaßte und förderte, wurde sein Lebenswerk. Es ist in seiner Mischung von Unterhaltsamkeit, Zuschaulust, Schauspielertriumph und schockierender Ernsthaftigkeit nur schwer vergleichbar mit anderen.Im Jahre l972 hinterließ er der Stadt, der er treu war und blieb, und auch seinem Nachfolger, Hans Lietzau, ein stattliches künstlerisches Gebilde. Es hatte den Ruf Berlins gemehrt in schwieriger und zehrender Zeit; hier in Berlin, 1962 in Paris (neben dem BE), in New York und anderswo.Daß er sein Werk zerstört sah, als man zwanzig Jahre später dieses staatliche Kunststück, das Schiller-Imperium, preisgab, kann nicht verwundern. Die Wunde blutet noch immer. Sein langes Leben hat ihn das Überleben gelehrt. Nun ist er Mittelpunkt städtischer Feier. Mit Recht. Aber er steht auch da als Erinnerung und Mahnung; nicht nur ans Preisgegebene, sondern auch an den Willen zum Theater, wenn manchen der Mut dazu mangelt. +++