BERLIN. Juan Antonio Samaranch ist gestorben. Nachdem der IOC-Ehrenpräsident am Dienstag in seiner Heimatstadt Barcelona mit akuter Herzinsuffizienz ins Krankenhaus kam, gaben die Ärzte gestern seinen Tod bekannt. Samaranch wurde 89 Jahre alt. Er wird in die Geschichte des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) als erfolgreichster und öffentlich umstrittenster Präsident eingehen. Samaranch war der größte Sportführer des vergangenen Jahrhunderts.The big one nannte ihn sein Sohn Juan Antonio, natürlich selbst IOC-Mitglied, im Oktober 2009 auf der IOC-Session in Kopenhagen. Damals hatte der Senior seinen Kollegen einen letzten Wunsch angetragen: "Ich erlebe meine letzten Tage", sagte er, "ich bitte sie um die Ehre, meinem Land und Madrid die Olympischen Spiele 2016 zu vergeben!" Es war eine der wenigen Bitten, die ihm abschlägig beschieden worden sind.In der Zeit seiner Präsidentschaft von 1980 bis 2001 hätte er nicht fragen müssen. Er hätte die Mehrheiten entschiedener organisiert, als es sein hohes Alter im Herbst 2009 zuließ. So wie er etwa 1986 organisierte, dass die Olympischen Sommerspiele 1992 nach Barcelona kamen.Nur ein anderer der bislang acht Präsidenten hat das IOC und die Olympischen Spiele ähnlich prägen können wie Samaranch: Der Franzose Pierre de Coubertin gründete das IOC 1894 mit einigen Geistesbrüdern. Baron de Coubertin hatte eine Vision und schuf das ideologische Fundament der sogenannten olympischen Bewegung. Der Marques de Samaranch, seit 1965 im IOC und lange Zeit dessen Protokollchef, begriff beizeiten, dass es komfortabler ist, wenn Ideologie und materieller Wohlstand eine Symbiose eingehen. Denn auch Prediger müssen sich ernähren. Und IOC-Mitglieder, die noch in den Sechzigerjahren jährliche Beiträge zahlen mussten, ernähren sich längst fürstlich. Sie bevorzugen Luxus-Suiten und First-Class-Flüge, da lässt sich trefflich über die Jugend der Welt und die vermeintliche olympische Erlösung referieren.Verbannung in MoskauSamaranch wurde 1980 in Moskau IOC-Präsident, in der Hochzeit des Kalten Krieges, am Vorabend der vom Westen fast kollektiv boykottierten Sommerspiele. Er surfte wie kein anderer zwischen den Welten, verteilte olympische Orden an Erich Honecker, Helmut Kohl und Nicolae Ceaucescu. Er hatte ein fantastisches Gespür und er hatte Glück, stets zur richtigen Zeit die richtigen Leute kennenzulernen und von ihnen zu profitieren. Er war Falangist, Sport-Staatssekretär unter dem Caudillo Francisco Franco. Sie haben ihn Mitte der Siebzigerjahre, nach Francos Tod, aus Barcelona vertrieben. Die Katalanen gingen auf die Straße und riefen: "Samaranch, hau ab!" Erst 1992 feierten sie eine Versöhnung in Maßen, bei den Sommerspielen. In den Siebzigern aber landete der Franquist in der Verbannung in Moskau, als Spaniens Botschafter in der Sowjetunion und der Mongolei. Dort war er genau an der richtigen Stelle, um den IOC-Thron zu besteigen, denn Moskau war gerade Olympiastadt geworden.Bei der Versetzung Samaranchs nach Moskau soll auch der katholische Geheimbund Opus Dei die Fäden gezogen haben. Samaranch, sagen Opus-Dei-Forscher, sei Mitglied gewesen, im Range eines Supernumerariers. Fakt ist: Er absolvierte eine Elite-Ausbildungsschule des Opus Dei in Barcelona.Samaranch, so behaupten ein russischer Historiker und ein ehemaliger KGB-Führungsoffizier, sei auch KGB-Agent gewesen. Samaranch sagte: "Nein."Wer und was Samaranch wirklich gewesen ist, wird die Öffentlichkeit wohl nie erfahren. Denn das Schweige-Gelübde der olympischen Familie, es hält. Für die meisten seiner Jünger, rund zwei Drittel der aktuellen IOC-Mitglieder hat er persönlich ausgewählt, ist er der Retter und Bewahrer der Spiele. Derlei Hymnen prägen auch die offiziellen Nachrufe. Manches hält einer näheren Überprüfung nicht stand, etwa die Behauptung, Samaranch hätte die Olympia aus dem Würgegriff der Politik gerettet. Das ist absurd: Das IOC machte sich 2008 in Peking zum Junior-Partner chinesischer Partei-Bonzen. Es macht sich 2014 im Sotschi zum Junior-Partner von Wladimir Putin.Korruption in Salt Lake CityWas bleibt? Mit Juan Antonio Samaranch endete das Zeitalter des verlogenen olympischen Amateurismus. Es begann die Phase der Kommerzialisierung, die auf Prinzipien beruht, die in der Sportvermarktung bis heute als das Nonplusultra gelten, ob bei den Olympischen Spielen, Fußball-Weltmeisterschaften oder in der Champions League. TV-Rechte werden zentral vermarktet, dazu erhält ein kleiner Kreis von Sponsoren Exklusivrechte. Das klingt simpel, war aber, präzise betrachtet, Anfang der Achtzigerjahre ein visionäres Konzept.Samaranch hat dieses Konzept natürlich nicht entworfen, er hat es sich von einem Mann entwerfen lassen, der ihn einst in Moskau auch ins Amt gehievt hat: von Horst Dassler, damals Chef des Sportartikelkonzerns Adidas und Begründer moderner Sportpolitik. Dassler hat damals mit seiner sagenumwobenen sportpolitischen Abteilung viele andere IOC-Mitglieder und Präsidenten von olympischen Sport-Weltverbänden in Positionen gebracht. Um nur zwei zu nennen: Dasslers alter Kumpel Joseph Blatter ist noch immer Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa. Und Dasslers ehemaliger Adlatus Thomas Bach ist IOC-Vizepräsident, mit besten Chancen ausgestattet, 2013, wenn Amtsinhaber Jacques Rogge abtritt, neunter IOC-Präsident zu werden.Der Name Samaranch wird immer ein Synonym für olympische Korruption bleiben. Der Bestechungsskandal um die Winterspiele in Salt Lake City offenbarte nur die Spitze des Eisberges. Andere Olympiabewerbungen wurden nie aufgearbeitet. Das Geben und Nehmen machten Samaranch und Dassler zum Geschäftsprinzip.Für rund 100 Millionen Dollar ließ Samaranch beizeiten einen Luxus-Tempel hoch über dem Genfer See in der IOC-Hauptstadt Lausanne errichten. Im Foyer dieses olympischen Museums sind die Namen der Sponsoren in goldenen Lettern in Stein gemeißelt. Jeder dieser Namen erzählt eine Geschichte aus seiner Ära. Natürlich trägt das Museum seinen Namen. Es ist Samaranchs olympisches Mausoleum.------------------------------REAKTIONEN"Wir finden keine Worte, um das Leid der olympischen Familie auszudrücken. Ich bin persönlich sehr traurig über den Tod des Mannes, der die neue Ära der Olympischen Spiele einleitete, mich persönlich inspiriert hat und solche unglaublichen Kenntnisse über den Sport hatte."Jacques Rogge, IOC-Präsident"Juan Antonio Samaranch war über Jahrzehnte die herausragende Führungspersönlichkeit des Weltsports. Er hat die Führung der olympischen Bewegung zu einem Zeitpunkt übernommen, als sie vom Scheitern bedroht war. Er hat die Spiele aus dem Würgegriff der Politik gelöst."Thomas Bach, DOSB-Präsident"Als Juan Antonio Samaranch 1980 in Moskau als Nachfolger von Lord Killanin gewählt wurde, stand das IOC vor der Pleite, es wurde nur durch Umlagen seiner Mitglieder gerettet. Auch wenn er als Machtmensch galt: Er hat immer zugehört."Walther Tröger, langjähriger IOC-Sportdirektor"Mein Vater ging von uns, ohne zu leiden. Er ist so einfach gestorben, wie er gelebt hat."Juan Antonio Samaranch junior"Er war einer der wegweisenden Präsidenten. Coubertin hat den Anfang gemacht, Brundage hat in sehr schwierigen Zeiten alles zusammengehalten, und Samaranch hat uns vom Kinderzimmer auf die Weltbühne gebracht."Dick Pound, IOC-Mitglied"Er war ein großer Freund. Er hat sehr viel für die Entwicklung der ganzen Welt getan." Dmitri Medwedew,Russlands Präsident"Der spanische Sport und die olympische Bewegung sind ihm sehr viel schuldig." Alfredo Pérez Rubalcaba,Spaniens Innenminister------------------------------Acht in 116 JahrenDie Präsidenten des IOCDemetrius VikelasGriechenland 1894 - 1896Pierre de Coubertin Frankreich 1896 - 1925Henri de Baillet-LatourBelgien 1925 - 1942J. Sigfrid EdströmSchweden 1942 - 1952Avery BrundageUSA 1952 - 1972Michael KillaninIrland 1972 - 1980Juan Antonio SamaranchSpanien 1980 - 2001Jacques RoggeBelgien 2001 - heute------------------------------Foto: Olympischer Durchblick: Der ehemalige katalanische Parlamentarier Juan Antonio Samaranch stand von 1980 bis 2001 an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).Foto: 1993: Samaranch (M.) besichtigt das Berliner Olympiastadion, der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (2. v. r.) besichtigt Samaranch.Foto: 2000: Vor den Spielen in Sydney lernt der IOC-Boss, was ein Didgeridoo ist.