BERLIN, 29. Dezember. Im März wird er zum erstenmal Vater. "Wenigstens etwas, über das ich mich freuen kann", sagt Mike Lünsmann, 30. Der Stürmer von Tennis Borussia ist in Vergessenheit geraten, "im Moment bin ich völlig weg von der Bildfläche", sagt er. "Das tut schon weh." Seit sechs Monaten taucht er nicht mehr im Kader auf, seit Saisonbeginn plagt er sich mit einer schweren Verletzung herum. Die könnte "im schlimmsten Fall" seine Karriere beenden, sagt der gebürtige Berliner, der auch schon 218-mal für Hertha BSC gestürmt ist. Davon, bereits mit zwanzig Jahren, 28-mal in der Bundesliga. Eigentlich will ich noch einmal in die erste Liga", gibt sich Lünsmann kämpferisch. Doch das, weiß er selbst, ist derzeit unrealistisch.Vertrag endet im Juni"Meine Verletzung ist schwer zu erklären", sagt Lünsmann und wirkt verzweifelt: "Das sieht nach einer langwierigen Geschichte aus." Seit zwei Monaten beginnt er immer wieder mit dem Lauftraining und wird stets von neuen Schmerzen gebremst. Im Adduktorenbereich hat sich bei zwei Knochen eine Knorpelschicht abgelöst. Der gesamte Bewegungsapparat wird so beeinträchtigt. Seit Monaten wird an Lünsmann herumgedoktert. Er selbst hofft, dass er am 19. Januar zumindest mit dem Team ins Trainingslager nach La Manga/Spanien fliegen kann. Es wäre so wichtig für ihn, sich noch einmal zu beweisen. Denn im Juni läuft sein Vertrag aus. Es scheint, als habe TeBe-Trainer Winfried Schäfer den Stürmer jetzt schon abgeschrieben. "Ich glaube nicht, dass der Mike uns noch mal helfen kann", sagt er und fügt hinzu: "Ich habe ihm ja schon im Sommer geraten, sich einen neuen Verein zu suchen." So endet das Kapitel Lünsmann und TeBe wohl, unabhängig von der Gesundheit, im Sommer. Lünsmann kam am 4. Januar 1998 zu den Tennis Borussen. Mit der Referenz, seinen Karriereknick überwunden zu haben. 15 Tore hatte er in 17 Regionalligaspielen für Sachsen Leipzig erzielt. Er schien zu alter Form gefunden zu haben. Zwei Jahre zuvor hatte ihm Hertha BSC ("mein Traumverein") nach acht Jahren keinen neuen Vertrag mehr angeboten. Frustriert tauchte Lünsmann ab in die dritte Liga zu LR Ahlen ("viel Geld, unattraktiver Arbeitsplatz"), flüchtete dann zu Sachsen Leipzig vor zwei Jahren TeBes größter Konkurrent im Aufstiegskampf der Regionalliga Nordost. TeBe kaufte dem Rivalen den Torjäger für 600 000 Mark weg. Aufsichtsratschef Erwin Zacharias nannte Monate später den einzig wahren Grund für die Rückholung des Spandauers, der schon von der C- bis zur A-Jugend für die Veilchen gespielt hatte: "Der Lünsmann konnte so keine Tore mehr für Leipzig schießen." Eine echte Chance, sich im Stürmer-Roulette zu beweisen, bekam er bei den Charlottenburgern so gut wie nie. Die ernüchternde Bilanz heute: 29 Spiele, zumeist Kurzeinsätze, und nur sechs Treffer für Tennis Borussia. "Für die zweite Liga reicht es bei ihm wohl nicht mehr", sagt Schäfer. Lünsmann ist anderer Ansicht. Im Sommer hat er Angebote aus der Regionalliga von Erzgebirge Aue, Sachsen Leipzig und dem 1. FC Union Berlin abgelehnt. Ebenso die Offerte des eigenen Klubs, zu unveränderten Bezügen (400 000 Mark im Jahr angeblich) einen Vertragsamateur-Kontrakt zu unterzeichnen und die Regionalliga-Reserve zu verstärken. "Ich habe nicht so lange geschuftet und auf hohem Niveau gespielt, um bereits mit 30 Jahren in die Niederungen des Fußballs hinabzusteigen", sagt Lünsmann. "Ich glaube an mich. Meine Motivation ist okay", sagt er, "im Moment habe ich sowieso keine andere Wahl als TeBe, weil keiner einen Spieler nimmt, der so schwer verletzt ist." Abgesehen davon, dass Lünsmann als Lizenzspieler mit deutschem Pass (laut DFB-Ordnung muss jeder Profiklub zwölf davon haben) durchaus wichtig für TeBe mit seinem Multikulti-Ensemble ist, so ist er obendrein charakterlich ohne Fehl und Tadel, wie Manager Jan Schindelmeiser ihm bestätigt: "Der Mike hat mit seiner eigenen, verständlichen Unzufriedenheit nie das Mannschaftsklima belastet." Das ist auch momentan so, wenn er abseits des Teamtrainings einsam seine Übungen absolviert.