Jetzt bist du heraus aus diesem expressiven Strudel. Das ist ein ruhiger Satz, der zugleich zittert." Er ist gerade mal 21 Jahre alt, als er sein ästhetisches Programm formuliert. Peter Handke weiß, dass er Schriftsteller sein wird. Sein Schreiben will die Schönheit der wahren Empfindung "spruchreif" machen. Mord inbegriffen. Geschichten, Erzählströme, Handlungen, Entwicklungen sind auf seinem Amselfeld der Poesie überflüssig. Dort tönt reine Literatur. Das ist so elitär wie einsam: "Nur wir Verletzten hören die Schönheit und sehen die Wörter."Selbstredend soll die Literatur Peter Handkes auch nur als solche wahrgenommen und mit entsprechend "textimmanenten" Maßstäben gemessen werden. Aber da Handke, wie er freimütig offenbart, seine Wahrnehmungen nicht in Fiktionen verkleidet, seine Seinserlebnisse nicht raffiniert umfabuliert oder hinter Metapherngeraschel versteckt, darf man sich auch das Vergnügen gönnen, seine Bücher aus seiner Biografie zu begreifen. Denn Handkes Werke sind Zeugnisse jener wahren Erfahrungen, die er in seinem Leben macht. Mit dem Lebenslauf als Gebrauchsanweisung macht ihre noch so abgehoben erscheinende Verrätseltheit plötzlich Sinn. Das zumindest legt eine neue Biografie über Peter Handke frappierend einleuchtend nahe. Ein wenig journalistische Lust am Personality-Klatsch - der 1972 geborene Literaturwissenschaftler Malte Herwig war eine Zeit lang Kulturredakteur beim Spiegel - hilft ausgesprochen gut dabei, den "Meister der Dämmerung" aus den Hochs und Tiefs seiner Lebens- und Liebeskämpfe zu verstehen. Und wenn Sie, wie ich, eine der Leserinnen sind, die Handkes erste Bestseller seinerzeit ohne Sinn und Verstand verschlungen haben, verstehen Sie danach nicht zuletzt auch sich selbst ein wenig besser.An erster Stelle, und immer und immer: die Mutter. Die lebenshungrige Maria Siutz, Tochter bettelarmer slowenischer Kleinbauern, wird 1942 im Klagenfurter Gasthof Tigerwirt vom Wehrmachtssoldaten Erich Schönemann geschwängert. Der Erzeuger muss zurück zu Front und Ehe und wird durch den Berliner Unteroffizier Bruno Handke ersetzt.Der ewige Muttersohn wird den Ersatzvater verachten, hassen und zum Monster literarisieren. Zwei von Mutters Brüdern fallen an der Ostfront, darunter Gregor, der sich für Peter Handke zum slowenischen Partisanen romantisieren wird. Die Mutter bringt sich 1971 um: "Wunschloses Unglück" (1972). Da ist ihr mit der "Geißel der Klugheit geschlagener" Sohn schon, wie von ihm vorhergesagt, weltberühmt geworden, 1966 mit seiner "Publikumsbeschimpfung".Siegfried Unseld publizierte das Stück zusammen mit dem völlig "unverkäuflichen" Roman "Die Hornissen" bei Suhrkamp. Der 28-jährige Claus Peymann inszeniert das "unaufführbare" Stück 1966 im Theater am Turm in Frankfurt am Main. Zur vierten Vorstellung ist schon das Fernsehen da. Handke brüskiert die Literaten der Gruppe47 bei ihrem Treffen in Princeton mit dem Vorwurf ihrer "Beschreibungsimpotenz". Der Spiegel spricht von einem "Handkestreich". Der verklemmte "Mädchenjunge" mit getönter Bille, "Texashosen" (Jeans) und Beatleshaaren ist nun der Shootingstar der Literatur, er kennt sich bestens aus in der Rockmusik, mixt Nietzsche mit Texten von Creedence Clearwater Revival, er ist Pop, seine Bücher stehen immer sofort auf den vorderen Plätzen der Spiegelbestsellerliste (was für Zeiten!). Der Starkult hält bis heute ungebrochen an: Handke verkaufte seinen "Nachlass" schon mal vorab - für 300 000 Euro gingen seine Tagebücher der Jahre 1975-90 ans Literaturarchiv Marbach, seine Werkmanuskripte für eine halbe Million an die Österreichische Nationalbibliothek in Wien.Popstargemäß sind auch seine Frauengeschichten. 1967 Heirat mit Libgart Schwarz ("Der kurze Brief zum langen Abschied" 1972), Affäre mit Jeanne Moreau, zerfleischende Beziehung zu Marie Colbin ("Der Chinese des Schmerzes" 1983), neue Lebensgemeinschaft mit Sophie Semin ("Mein Jahr in der Niemandsbucht"), irgendwas mit Katja Flint, usw. usf., Handke ist erst 68.Gibt es einen irgendwie ödipalen Zusammenhang zwischen Bindungsunfähigkeit und der Tatsache, immer nur grazile, schöne Schauspielerinnen abzugreifen? Handke macht aus dem Scheitern des Glücks sein Projekt der produktiven Selbsterschütterung. Die Bedingung dafür heißt Einsamkeit. Und da treffen ihn seine Leserinnen immer wieder gerne. Aber der einsame Schrat muss weiter wandern, im Hotel Heimatlos kehrt er ein zur Nacht.Die Serbengeschichte, die wird freilich auch in Malte Herwigs manchmal etwas salopp übertitelter, dafür immer locker weg schmökerbarer Biografie nicht ganz klar. Zwanghafter Tabubruch? Trotzreaktion? Auf die mediale Gleichschaltung der Serben-Verurteilung? Auf den Missbrauch der Literatursprache, als ein Journalist in der Le Monde zum Tod Milosevics Pessoa zitiert: "Wenn das Herz denken könnte, würde es still stehen"? Aus Solidarität mit den Verlierern der Geschichte? Dies wäre ja wohl nicht der Rede wert. Ein nostalgisch vermulmtes Gebräu aus ersten Schriftstellertagen auf der Insel Krk (1964), dem "Neunten Land" der slowenischen Vorfahren im Roman "Die Wiederholung" (1986), und aus den Reisen ins postjugoslawische Schachthaus ("In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus", 1997)?Allein diese wahnsinnigen Titel! Sind die serbischen Enklaven im Kosovo, denen er das Preisgeld des Heinrich-Heine-Preises 2005 stiftet, vielleicht die Außenwelt von Handkes zersplitterter Innenwelt? Hier versagt die Biografie als Erklärungsmodell. Aber das ist kein echtes Manko dieser an erhellenden Geschichten, an wüsten Fakten und wilden Anekdoten überbordend reichen Biografie.Einer der kontroversesten Eigenbrötler und größten Poeten unserer Zeit wird hier geerdet, dingfest, "handlich". Und keine Bange: entschlüsselt heißt bei Handke nie entzaubert. "Ja willst Du denn die ganze Marmelade lesen?" fragt Handke in einem seiner traumwandlerisch schönen Sätze in "Ein Jahr aus der Nacht gesprochen". Ja, das wollen wir!-----------------------Peter Handke: Ein Jahr aus der Nacht gesprochen. Jung und Jung, Salzburg und Wien 2010. 215 S., 20 Euro. ,Peter Handke: Immer noch Sturm. Suhrkamp, Berlin 2010. 166 S., 15 Euro.Foto: Malte Herwig: Meister der Dämmerung. Peter Handke. Eine Biographie. Dva, Frankfurt am Main 2010. 363 S., 22,95. Euro.