Eigentlich trägt meine liebe Mutter an allem die Schuld. Eines Tages traf in unserem Haus das verstimmte Klavier meines Großvaters ein. Meine Mutter war es, die sich zum Beweis an eben jenes altehrwürdige Instrument begab - und mir einen Floh ins Ohr setzte. Das Stück, welches sie mir mit behenden Händen vortrug, hatte den Namen "Flohwalzer". Weil man, um es richtig zu spielen, wie die Flöhe über die Tasten hüpfen mußte.Ich war damals vier Jahre alt. Bis vor wenigen Tagen habe ich ernsthaft der Erklärung meiner Mutter geglaubt. Doch, ach welch schlimme Schmach. Es stimmt alles nicht. Meine Mutter hat - wissend oder nicht - geschummelt. Das formvollendete Stück, mit dem jeden Tag (ich schwöre: jeden Tag!) meine klavieristischen Studien begannen, stammt nicht von dem kleinen Ungeziefer ab. Das beweist der gerade im Atlantis Musikbuchverlag erschienene Essay "Der Komponist Ferdinand Loh und sein opus magnum: Der Flohwalzer". Es gibt also einen wahren, historisch verbürgten Schöpfer! Jener Loh erblickte am 24. April 1869 im Jeverländischen Kniphausersiel das Licht der Welt, starb, viel zu früh, 1927, und war ein begnadeter Komponist. Doch nicht so sehr seine "Sechs großen Sonaten für Ukulele" (die leider als verschollen gelten) haben ihn berühmt gemacht. Es war der Flohwalzer, bereits im zarten Alter von sechs Jahren komponiert.Das Schlimme an der ganzen Sache: Die Musikgeschichte hat ihn vergessen, meine Mutter wohl auch, und ich muß das Stück mit einer ganz anderen Einstellung neu einüben. Oder sollte das Ganze eine neue Legende sein? +++