Weinrot waren die Sakkos der Herren vom Abenddienst, regungslos ihre Gesichter, wenn sie den Ausweis beäugten und die Nummern notierten. Die "Möwe" lag im Grenzgebiet. Ließen einen die livrierten Zerberusse endlich passieren, konnte man die Treppe mit dem rutschigen roten Teppich emporsteigen - vorbei am Spalier der Fotos mit den großen Gästen: Kinski, Helene Weigel, Gérard Philipe, Sophia Loren, Sartre, Obraszow, Montand, De Sica und Felsenstein. Stufe um Stufe nahm man deren Ritterschlag entgegen und stieg aus dem Staub der damaligen Hermann-Matern-Straße ins eichengetäfelte Elysium des Festsaals mit der Kassettendecke. Wenige Häuser weiter hatten Männer mit einem LKW ein Stahltor aufgerammt, waren in die Spree gesprungen und vergeblich gen Westen gekrault - sie wurden an den Haaren zurück in ein Grenzerboot gezogen. Anfang der 80er Jahre war das und kein Spaß. Mein Studium begann, und ich staunte, dass der fipsige Humboldt-Ausweis ein Sesam-Öffne-Dich für die Möwe war, wenn er den Stempel Theaterwissenschaft trug. Eintritt bekamen eigentlich nur jene, die sich als Mitglied der Gewerkschaft Kunst legitimieren konnten. Und jeder Berechtigte durfte einen Gast hineinnehmen - vorausgesetzt, der hatte den Personalausweis dabei. Montags ging es bis 24 Uhr, dienstags bis sonnabends war 12 bis 4 Uhr geöffnet. Grill bis 3 Uhr früh. Eine Sensation.Als Theaterstudenten wussten wir, dass "Die Möwe" 1946 von der Sowjetarmee für Künstler gegründet wurde und mit Suppe, geheizten Räumen, fehlender Polizeistunde lockte. Und dass sich der Name auf Tschechows "Tschaika" bezog. Dass auch Bühnenarbeiter und Beleuchter Einlass fanden, entsprach dem gewerkschaftlichen Ansatz und verdient, um dem Eindruck einer Privilegierten-Sammelstelle stalinistischer Rezeptur zu begegnen, besondere Erwähnung. Eine muntere Mixtur prägte den Klub-Bühnenlegenden wie Rolf Ludwig oder Ekkehard Schall, DEFA-Stars wie Eva-Maria Hagen oder Jaecki Schwarz, Rockgrößen wie Tamara Danz, die Dichter Volker Braun und Heiner Müller, Kabarettisten, Tänzerinnen und Zirkusleute."Abends in der Möwe" hieß eine Live-Sendung im Radio und bestand aus Gesprächen, die der Musikkenner Rolf Krickow im Eduard-Winterstein-Zimmer führte - mit Käthe Reichel, Angelica Domröse oder Wolf Kaiser, mit Kupfer, Langhoff und Berghaus, mit Dessau, Schwaen, Sanderling oder Hanell, mit Igor Oistrach, Jochen Kowalski, mit Autoren wie Kusche oder dem Gerichtsreporter Hirsch. Bereits 1973 hatte diese Reihe begonnen, und natürlich saß auch die Präsidentin der Möwe, die Volksschauspielerin Marianne Wünscher (LDPD), vor dem Mikrofon. Bis zur 100. Sendung wurde live übertragen. Das sollte sich ändern. Mit Siegfried Matthus, Reiner Süß und Ursula Karusseit hatte sich der Moderator im Februar '85 die Runde seiner Startsendung wieder eingeladen. Die Karusseit inszenierte an der Volksbühne J.M. Synge, und Krickow glaubte, damit das Regie-Debüt der Schauspielerin vorstellen zu können. Nein, ihre erste Inszenierung sei das durchaus nicht, berichtigte sie ihn, sie hätte bereits Strahls neues Stück "Das Blaue vom Himmel" inszeniert, aber die Premiere sei ja nicht rausgekommen. Das sei dann sicher eine Entscheidung ihres Hauses gewesen, versuchte Krickow, eine vage Brücke zu bauen. Quatsch, schmetterte die Karusseit zurück: Verboten! Vom ZK!So etwas wollte man sich beim Rundfunk der DDR dann lieber doch nicht ins Mikro rufen lassen, und schon gar nicht, wenn dies der Deutschlandfunk als Zeichen für offenere Diskussion im Osten kommentierte. Besagtes Stück von Rudi Strahl war in "Theater der Zeit" zwar abgedruckt worden, sollte aber ob seines pazifistischen Plots keine wehrkraft-zerweichende Breitenwirkung erlangen. Eine von vielen Genehmigungs-Eskapaden der 80er Jahre. Die freie Theatergruppe "Zinnober" begann, sich gegen Widerstände durchzusetzen. In der Möwe konnte man das kulturpolitischen Gebälk ächzen hören, da war an Glasnost und den Mann mit dem Mal über der Stirn noch nicht zu denken. Man schnürte durch Billardraum, Bierbar und Grill quer durch die Säle, um zu erfahren, was sich hinter den Kulissen zutrug. Natürlich schnüffelten dazwischen auch die Genossen von der "kalten Hand", die Einlassbücher boten ein perfektes Who is who. Aber das scherte die Gäste kaum. Wer keinen zugangstauglichen Ausweis hatte, wartete draußen auf jemanden, der einen als Gast mitnahm. Zweckpaarungen. Einlassglück: Zweisamkeit. Zu Pfingsten konnte man sich durchs vergitterte Klofenster den Sound der Rock-Konzerte vorm Reichstag reinziehen: Genesis oder David Bowie. Sehnsucht in die Ferne des Westens und doch zu wissen, dass die 60 Sorten Limonade, die es da mehr als in unserer Bitter-Lemon-Mangelwelt gab, auch nicht das Heil für die Schöpfung boten.Immerhin gab es in der Möwe Saale-Unstrut-Wein (Flasche 10,90) und Muschelcocktail (2,50) auf der von Werner Klemke illustrierten Speisekarte. Man konnte internationale Gäste zum Essen ausführen. Einmal kam ein Kommilitone von der Toilette und berichtete, dass er neben Hermann van Veen am Becken stand. Zwischenwelt Möwe. Ost-West-Begegnungsschleuse. Kulturpolitische Exklave. Bis zu 40 Veranstaltungen liefen pro Monat, Tanz zu Musikbox oder Kapelle, Lesungen und Kinoabende. Man hatte einen eigenen Filmvorführer. Ich erinnere mich an die Buchpremiere der Memoiren Erwin Geschonnecks, in der zum ersten Mal dessen Ausweisung aus dem UdSSR-Exil zurück ins Nazireich publik wurde. Die Podiumsrunde ging über das Buch hinaus, er sprach ausführlich über das KZ und über seinen Nachkriegs-Anfang bei Brecht.Den hatte es ehedem auch in die Luisenstraße 18 geführt. Im Arbeitsjournal heißt es zum 14.12.1948: "Wie wir nach einem gründlichen Gespräch über die Versäumnisse der deutschen Arbeiter 18, 20 und 23 mit Jakob Walcher und seiner Frau aus der 'Möwe' auf die Straße treten, treibt sich zwischen dem Ausgang und dem Auto Walchers ein betrunkener blutjunger russischer Leutnant um, auf Walcher einen Revolver anlegend, dann Helli aufhaltend, ebenfalls mit dem Revolver hin und her fuchtelnd. Er hat den bleichen, verzweifelten Ausdruck der Betrunkenen und ist ganz versunken in dem trüben Bereich der unartikulierten Gesten, unfähig, sich damit und seinen zwei Revolvern verständlich zu machen. Am Ende tritt er zurück mit einer Bewegung beider Arme, den Weg frei machen 'gehen wollen'. Aber die 'Möwe' hat ihr Haus sogleich verdunkelt, und weder der Portier noch sonst jemand kümmert sich um den Vorgang".Der bleiche russische Leutnant war übrigens noch in die Möwe eingedrungen, wie Brecht einen Tag später vermerkte. Der Vorfall hatte die Weigel jedoch nicht davon abhalten können, wenige Zeit später im Seitenflügel erste Büroräume für ihre Intendanz des Berliner Ensembles einzurichten. Jener Seitenflügel, der später mit der Bibliothek deutschsprachiger Theaterliteratur ein weiteres Stück Erstaunlichkeit der Möwe barg: Zeitschriften und West-Bücher - Theater- und Filmbände zu Peter Stein, Godard oder Fassbinder. Und man konnte sie sogar ausleihen!Die Möwe war ein guter Ort, auf der Flucht vor dem stinkenden Atem der Provinz endlich mal unter seinesgleichen den Rücken strecken zu können - ich sehe sie förmlich vor mir: die bärtigen Männer mit strahlender Stirn und die Damen in ihren Batik-Kleidern - und sie bot die Chance, ohne ein Hotel die Nacht zu verbringen. Man kam aus Erfurt, Anklam, Schwerin, sah Berliner Theater und ging in die Möwe bis 4 Uhr. Den Rest wartete man in der Mitropa Friedrichstraße.Die rutschige Teppich-Treppe gedieh meinem Freund Klaus, dem Puppenspieler, übrigens zum Verhängnis. Durch mehrere Pilsator (0,25l/63 Pfennige) bedingt nicht mehr im Vollbesitz seiner Balance, stürzte er emporsteigenden Gästen entgegen und riss sie als lawinenauslösender Schneeball allesamt zurück in die Tiefe des Vestibüls, was ein einjähriges Möwe-Verbot zur Folge hatte. Und als Klaus das Jahr vergangen glaubte und wieder Einlass begehrte, trat ihm das weinrote Sakko in den Weg: Keine Chance, Herr Breuing, drei Tage zu früh.Die Möwe war begehrt, hatte grandiose Zeiten in Manfred Krugs Zigarrenqualm und all der Balz um die anmutigen Weiblichkeiten von Bühne und Leinwand erlebt. Die Möwe war überfüllt und wieder nicht, war versnobt, war verstaubt, aber sie war und blieb ein Künstlerklub, in den auch wirklich Künstler kamen - jenseits ausgedachter Brillen und ausgedachter Probleme.------------------------------Foto: Berühmter Gast: Sophia Loren 1962 in der Möwe an der Seite des Schauspielers Wolf Kaiser.