Vor sechzig Jahren wurde Franz Steeg aus dem Burgenland an die Ostfront geschickt. Vor ein paar Wochen ist er aus Weißrussland zurückgekommen PISCHLSDORF, im August. Auf das R kommt es an. Das rollende R. Es ist der einzige Laut, der gut zu verstehen ist, wenn Franz Steeg spricht, weil der Krebs sich schon über den Kehlkopf und die Lippen ausgebreitet hat. Aber spricht Franz Steeg ein R, dann sieht man, wie mit ganzer Kraft die Zunge immer wieder gegen den Gaumen schleudert, vibriert, und ein Geräusch hervorbringt, in dem das ganze Leben steckt. Seine ganze Liebe im R von Österreich. In Rrrrrrussland der ganze Hass.Franz Steeg, 82 Jahre alt, aus Pamhagen im österreichischen Burgenland, ist der letzte Kriegsheimkehrer. Am 12. Juli, fast auf den Tag genau sechzig Jahre nach seiner Ankunft als Wehrmachtssoldat in Russland, ist er zurückgekommen. In Pamhagen, auf dem Friedhof, steht noch sein Name auf einem Gedenkstein für die Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkriegs.Jetzt sitzt Franz Steeg in Pischlsdorf bei Wien, wo seine Nachkommen leben. Auf der Veranda ist die Familie versammelt, an der Wand hängen etwa zehn Geweihe von österreichischem Wild. Immer, wenn es um Russland geht, schleudert Steeg erst ein heiseres "Ach!" und dann ein böses "Rrrrrrussland" heraus. Geht es um Österreich, wird die Stimmung besser und jedes Mal kommt dann der Franzl ins Spiel. Franz Steegs Sohn, mit neunzehn Jahren im Fronturlaub gezeugt, benannt nach dem Vater. Bevor er zurückgekommen ist, hat Steeg immer wieder gesagt: "Ich will nur zurück nach Österreich und meinen Franzl sehen. " Österreich, das war eigentlich der Franzl.Die späte Heimkehr des Franz Steeg hatte mit einem kleinen Zettel zu tun, der vor etwa zehn Jahren in einem Moskauer Archiv aufgetaucht ist. Der Zettel war der Antrag eines alten Mannes, der eine Bestätigung für seine Arbeit als Zwangsarbeiter wollte, um mehr Rente zu bekommen. In Moskau lagerten die Daten von vier bis sechs Millionen Kriegsgefangenen und Internierten aus dem Zweiten Weltkrieg, alle zurückgekehrt, vermisst oder umgekommen. 1991 durfte Stefan Karner, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, die bislang geheimen Unterlagen des sowjetischen Innenministeriums sichten. Nach einiger Zeit stieß er zufällig auf den Zettel. Es hat eine Weile gedauert, dann hatte Stefan Karner den alten Mann am Telefon. In Baranj, Weißrussland.Das war 1994 und Karner sagt, dass er diesen Moment nie vergessen wird. Wie sich eine Frau auf Russisch am Telefon gemeldet hat. Wie die Frau gesagt hat, dass der Franz wegen dem Krebs nicht sprechen kann. Wie Karner gefragt hat, ob er noch Deutsch versteht und sie gesagt hat, dass er natürlich noch Deutsch versteht. Und dass das Erste, was er von Franz Steeg hörte, ein lautes Herzklopfen war. Ein Klopfen, das aus dem Loch drang, das ihm die Ärzte in den Hals geschnitten hatten, damit er atmen kann.Die Geschichte geht so los, dass ein gerade 19 Jahre alter Mann im Oktober 1940 zur Wehrmacht eingezogen wird. Eben war er noch auf dem Gymnasium in Wien und hatte sich danach zum Volksschullehrer ausbilden lassen. Zurück blieben vier Geschwister, die Mutter, Hausfrau und Köchin bei reichen Leuten, und der Vater, ein Tischlermeister. Weil er Kommunist war, haben ihn die Nationalsozialisten später in Dachau umgebracht.Franz, ein schöner junger Mann, kommt mit der Wehrmacht nach Rosenheim, Regensburg und Mannheim. Er lernt Flugzeuge am Himmel mit einem Scheinwerfer anzuleuchten, die die Kollegen dann abschießen sollen. Im Frühling 1942 wird das Flugabwehr-Regiment 195 mit dem Obergefreiten Steeg nach Frankreich verlegt. Über Brest im Nordwesten geht es in Richtung Süden auf die Isle de Ré bei La Rochelle. Dort liegt das deutsche Schlachtschiff "Scharnhorst", wird Tag und Nacht bombardiert.Franz, jetzt zwanzig Jahre alt, soll das Schiff verteidigen und einen Bomber anleuchten, wo doch der ganze Himmel voller Bomber ist. Auf der Brücke von La Rochelle trifft ein Granatsplitter den Franz ins rechte Bein: Lazarett und einen Monat Gipsfuß. Da weiß der Franz noch nicht, dass er bald Vater wird.Denn neben seiner Familie hat Franz auch ein junges Mädchen zurückgelassen. Die beiden haben sich schon lange gekannt, weil in Pamhagen jeder jeden kennt. "Geliebt haben wir uns schon mit fünfzehn", sagt Franz Steeg und muss lachen.Aber in welchem Fronturlaub der Franzl entstanden ist, das weiß er nicht mehr. Franz Steeg denkt jetzt an das Mädchen, an Österreich und an den Franzl. Und während ihm die Tränen in die Augen steigen, die dann ganz langsam die Wangen herunterlaufen, sagt er: "Vielleicht wäre sie einmal meine Frau geworden. " Dazwischen ist gekommen, dass sie den Franz im Juli 1942 an die Ostfront geschickt haben. Nach Orscha in Weißrussland. Bald trifft schon der Brief von Franz Steegs Mutter ein, in dem steht: "Maria hat einen Knaben bekommen, einen Franzl!" Der Sohn schreibt zurück: "Mutter, nimm das Kind und zieh den Franzl auf!"Die Mutter zieht den Franzl auf und Franz schickt seinen spärlichen Soldatenlohn nach Pamhagen. "Ich habe mich gefreut, gefreut", ruft der alte Franz Steeg in die niederösterreichische Sommerluft.Trotzdem dachte er sich damals, dass es doch irgendwie weitergehen muss. Und das Leben ging weiter, in Pamhagen und in Russland auch. Den Soldaten war langweilig, deswegen gingen sie zum Tanzen. Es war ganz leicht, Frauen kennen zu lernen. Und im Soldatenclub stand sie dann, Nadja aus Baranj, eine russische Fabrikarbeiterin, die der Franz bald Nadeschda nannte. Wenn er frei hatte, gingen sie miteinander spazieren. Das war die Zeit, in der Österreich und der kleine Franzl in weite Ferne rückten.Am 10. April 1943 laufen Nadja und Franz durch den Wald, als eine Gruppe russischer Partisanen "Hände hoch!" schreit. Und nur weil Nadeschda unglaubliche Angst um sich und ihren Franz hat und bettelt und fleht und den Partisanen gerade noch erklären kann, dass er kein Deutscher, sondern Österreicher ist, nehmen die Kämpfer die beiden mit, anstatt den 21-Jährigen gleich über den Haufen zu schießen. Franz übersetzt jetzt Flugblätter für die Partisanen, weil er Deutsch kann und immer besser Russisch. In seiner Akte ist vermerkt, dass er die ihm gestellten Aufgaben missmutig und nicht zufriedenstellend löst.Etwa ein Jahr später werden Franz Steeg und Nadja Jakuschewitsch in das Kriegsgefangenenlager Nummer 58 in der Teilrepublik Mordwinien gesteckt. Er hungert. Es werden noch die Lager Nummer 64 und 27 folgen und immer ist Nadeschda dabei. Franz merkt, dass er es ohne sie nicht mehr schaffen würde. Und Nadeschda will den Franz, unbedingt. Sie geht freiwillig mit ihm ins Lager. Einmal gibt ihnen ein freundlicher Kommandant eine Kabine zu zweit. So zeugt Franz Steeg im Lager noch einmal zwei Söhne. Ein dritter kommt später hinzu.Nicht mehr lang, dann ist der kleine Franzl zehn, Franz Steeg dreißig. Österreich rückt immer weiter weg. Gegen seinen Willen wird Franz Steeg am 29. März 1950 Staatsbürger der Sowjetunion. Die Familie wird angewiesen, in Nadjas Geburtsort Baranj in Weißrussland zurückzukehren. Franz Steeg ahnt nicht, dass er dort 52 Jahre lang bleiben wird.In Baranj zerrt es aus allen Richtungen an ihm. Nadja zerrt und die Erinnerungen zerren. Bald kommt der Kehlkopfkrebs dazu. Franz Steeg versucht jetzt alles, damit er ausreisen darf, er will mehr als nur Briefe und Fotos aus Pamhagen, er will den Franzl. Aber man gibt Franz Steeg keinen Pass.Hätte er Nadja und die Kinder mitgenommen? Hätten sie überhaupt mitgewollt? Hatte die Bürokratie nicht Recht, dass sie einen Vater nicht von seiner Familie weglaufen ließ? Für Franz Steeg, damals in seinen besten Jahren, aber schon zerrissen und aufgerieben, stellt sich die Frage nicht. Er hatte einfach keine Chance.1968 darf er auf Besuch nach Pamhagen. Er sieht den Franzl kurz, aber das reicht nicht. Bevor er fährt, droht man ihm, dass Nadja und den Kindern etwas zustößt, wenn er nicht wiederkommt. Franz Steeg kommt zurück. Insgesamt darf er dreimal nach Österreich reisen, nie länger als ein paar Tage. Nur ein paar Stunden lang kann er Franzl sehen. Das letzte Mal 1978. In Russland arbeitet er als Sportlehrer, später in einer Fabrik in der Nähe von Minsk. Die Jahre vergehen, bald zerfällt die Sowjetunion. Und langsam schwinden auch Franz Steegs Kräfte. Aber immer noch zerrt es aus allen Richtungen an ihm, stark wie immer.Es kommen die neunziger Jahre. Und es kommt der Anruf. Bei den Steegs in Russland geht immer Nadeschda ans Telefon, weil der Franz so schlecht zu verstehen ist. Als Stefan Karner, der Historiker, anruft, übergibt sie den Hörer. "Franz", sagt Karner, "ich rufe aus Österreich an, Ihre Heimat grüßt sie herzlich!"Als Franz Steeg das hört, springt er in seiner Wohnung herum. Vor Freude. Er sagt, dass er am liebsten zu Fuß nach Hause gehen würde, besser heute als morgen. Und der Franzl, inzwischen ein Mann von über fünfzig Jahren, ist plötzlich ganz nah.Aber was ist nun mit Nadja, die den Franz nie losließ? Nadeschda oder Franzl, das ist jetzt die Frage. Eine Frage, die immer gedroht hat, aber nie gefragt wurde. Auf einmal musste eine Antwort her. Nadeschda hat Alzheimer, der Sohn Robert ist schwer krank und Sohn Heinrich ist gestorben.Franz entscheidet sich. Für Österreich. Aber es dauert noch mal acht Jahre. Die Behörden wollen nicht. Erst drei Wochen vor seiner Abfahrt erfährt er, dass er am 12. Juli 2002 in Wien sein wird. Am Flughafen kommt er mit einem kleinen Koffer und kaputten Schuhen an. Die Enkelkinder und die Schwiegertochter holen ihn ab. Wie Fremde laufen sie aufeinander zu, bleiben stehen und schweigen. Der Franzl, der all die Jahre ein weiß bezogenes Bett für den Vater bereitgehalten hat, falls er doch einmal kommt, ist nicht dabei. Am Flughafen sagen sie dem Franz, dass der Franzl fünf Wochen vorher an Krebs gestorben ist.In Pischlsdorf sagen alle, dass Nadeschda gar nicht merke, dass der Franz nun weg ist. Vielleicht stimmt es, vielleicht sagen sie es auch nur, weil sie ihn jetzt hier haben wollen. Sie sagen, dass sie, die österreichischen Steegs und die russischen Steegs, sich darauf geeinigt hätten, dass Nadja in Weißrussland bleibt und Franz in Österreich versorgt wird. Vielleicht kann der Krebs hier besser behandelt werden. Nur Franz Steeg, 82, sagt: "Sie wartet, dass ich wiederkomme. Natürlich liebe ich sie, und wenn ich gesund bin, will ich zurück zu ihr. " Es ist jetzt alles anders. Für Franz Steeg, für Pischlsdorf. Franzls Mutter lebt noch, will aber keinen Kontakt. Die eigene Familie kennt Franz Steeg eigentlich noch gar nicht, aber die Schwiegertochter und die fünf Enkelkinder, die längst erwachsenen Kinder vom Franzl, sind nett mit dem Großvater, der viel lacht und manchmal weinen muss. Die Enkelin Roswitha sagt: "Irgendwie kennt man sich nicht, aber irgendwie kennt man sich doch. " Der Enkel, der auch wieder Franz heißt, sagt: "Er schaut aus wie mein Vater, diese Ausstrahlung. " Und Roswitha sagt noch einmal: "Der Opa gehört jetzt halt zu uns dazu. " Vielleicht zerrt es immer noch an ihm. Aber er wird wohl nicht mehr nach Russland gehen und mitgebracht hat er nur eine klapprige Hornbrille und die russische Sprache, die er manchmal mit der deutschen durcheinander bringt. Man wartet auf einen Platz im Pflegeheim. Franz Steeg trägt jetzt Franzls Kleider.Zitat: "Ich will nur zurück nach Österreich und meinen Franzl sehen." Franz Steeg.Foto: JULIUS MÜLLER-MEININGEN "Irgendwie kennt man sich nicht, aber irgendwie kennt man sich doch" - Franz Steeg im Kreise seiner österreichischen Familie.

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