Als Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop am 23. August 1939 auf dem Moskauer Flughafen landete, beeindruckten ihn seine Gastgeber mit einer üppigen Hakenkreuzbeflaggung des Empfangsgebäudes. Zwar waren die Hakenkreuze teilweise seitenverkehrt abgebildet, doch dafür konnte die Protokollabteilung des Kremls nichts - schließlich handelte es um Requisiten, die man kurzfristig aus einem Filmstudio ausgeliehen hatte, in dem gerade ein Antinazifilm gedreht wurde.Ribbentrops Staatsbesuch kam aber nicht nur für die Protokollabteilung des Kremls überraschend. Auch Nikita Chruschtschow, der damals als ukrainischer Parteichef zu Stalins engsten Gefolgsleuten gehörte, war sprachlos, als ihn der Diktator beiläufig informierte. "Ich starrte ihn an und glaubte, er habe einen Witz gemacht." Deutschland galt zu dieser Zeit offiziell als Hauptgegner der Sowjetunion. "Warum sollte Ribbentrop uns sprechen wollen?", platzte Chruschtschow daher heraus: "Will er etwa überlaufen?"Nein, das wollte Ribbentrop nicht. Vielmehr kam er im Auftrag Hitlers, um mit der bolschewistischen Führung einen Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion abzuschließen - der Wehrmacht sollte der Rücken freigehalten werden für den Überfall auf Polen, der für Anfang September terminiert war.Wenige Monate zuvor wäre dieses Arrangement zwischen den bisherigen Todfeinden auch für die Nationalsozialisten nicht vorstellbar gewesen - immerhin hatte Hitler schon in "Mein Kampf" deutlich gemacht, wo er dem deutschen Volk zusätzlichen "Lebensraum" erobern wollte: in Russland. Das kleine Polen hatte ihn dagegen bislang kaum interessiert. Doch nachdem es die polnische Regierung im März 1939 abgelehnt hatte, als Juniorpartner in eine antisowjetische Koalition einzutreten und zum Aufmarschplatz für Hitlers Krieg gegen Russland zu werden, hatte man in Berlin schnell umdisponiert. Weil die gewaltige deutsche Kriegsmaschinerie aus sich selbst heraus zum Krieg drängte - die gewaltigen Rüstungsausgaben der vergangenen Jahre hatten den Staat an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gebracht -, war Hitler bereit, der Sowjetunion große Zugeständnisse zu machen, um endlich losschlagen zu können. Als Gegenleistung für die Neutralität bot er Stalin daher ein Geheimabkommen über die Aufteilung Osteuropas an: Der Sowjetunion wurde das Baltikum, die Osthälfte Polens und ein Teil Rumäniens versprochen.Der sowjetische Diktator griff beherzt zu, schließlich erhielt er auf diese Weise Einflusssphären zugestanden, die ihm von den Westmächten nie zugebilligt worden wären. Vor allem aber zeigte sich Stalin davon überzeugt, die Sowjetunion werde durch den Vertrag "vom Krieg ein wenig länger verschont bleiben" - eine fatale Fehleinschätzung.Da Politik in Stalins Augen nur eine einzige Abfolge von Verschwörungen war, hatte er sich ein völlig schiefes Bild von der tatsächlichen Bedrohungslage gezeichnet. So war er seit dem Münchener Abkommen davon überzeugt, dass die Westmächte nicht gegen Hitler kämpfen, sondern vielmehr seinen Expansionsdrang in den Osten, gegen die Sowjetunion, lenken wollten. Ganz eingenommen von seiner eigenen Gabe, derartige Manöver zu durchschauen, warnte er den Westen im März 1939, die UdSSR werde sich nicht "von den Kriegsprovokateuren, die es gewohnt sind, sich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen," in einen unnötigen Krieg mit Deutschland hineinziehen lassen. Wenig später entließ er seinen langjährigen Außenminister Maxim Litwinow, der zehn Jahre zuvor das Konzept der "kollektiven Sicherheit" mit den Westmächten entwickelt hatte.Die westlichen Regierungen reagierten mit geradezu demonstrativer Unentschlossenheit auf dieses Signal aus Moskau: Zwar wurde noch Anfang August 1939 eine britisch-französische Militärdelegation entsandt, die einen neuen Versuch machen sollte, mit den Sowjets über ein Bündnis zu verhandeln - allerdings machte sie sich mit einem Dampfer auf den Weg, als habe man alle Zeit der Welt. In Moskau angekommen, musste der britische Delegationsleiter zudem eingestehen, eigentlich gar keine Entscheidungskompetenz zu haben. "Die meinen es nicht ernst", empörte sich Stalin daraufhin in kleinem Kreis und war sich sicher: "London und Paris wollen weiterhin Poker spielen."Hitler dagegen demonstrierte Willenskraft. Er schickte seinen Außenminister per Flugzeug nach Moskau und teilte dem "Herrn J.W. Stalin, Kreml, Moskau" persönlich per Telegramm mit, dass Ribbentrop alle Vollmachten besäße. Der erklärte gleich nach seiner Ankunft auf dem Flughafen, er habe nur 24 Stunden Zeit, um das Abkommen und das Geheimprotokoll abzuschließen und zu unterzeichnen - dieses Tempo gefiel den sowjetischen Machthabern. Überhaupt verstanden sich die Vertreter der beiden totalitären Regime blendend: Ribbentrop schwärmte später, "er habe sich im Kreml so wohl gefühlt wie unter alten nationalsozialistischen Parteigenossen." Tatsächlich einigte sich Ribbentrop in der vorgesehenen 24-Stunden-Frist mit seinem neuen Amtskollegen Wjatscheslaw Molotow über alle noch ausstehenden Details - am 24. August um 2 Uhr morgens unterzeichneten die beiden Außenminister unter den Augen des zufrieden lächelnden Stalin die Dokumente, keine zwei Stunden später stießen Hitler und Goebbels auf dem Obersalzberg auf den Pakt an: Der Krieg gegen Polen konnte beginnen.Die Sowjets gaben den Nationalsozialisten gut zwei Wochen Vorsprung, bevor auch sie am 17. September in Polen einfielen. Schritt für Schritt setzten Hitler und Stalin die Aufteilung Europas in die Tat um: Als Ribbentrop am 27. September ein zweites Mal nach Moskau reiste, um im Kreml einen "Freundschaftsvertrag" mit weiteren Geheimklauseln auszufertigen, wartete eine Etage über ihnen gerade der estnische Außenminister auf Stalin und Molotow. Während die deutschen Gäste in einer Verhandlungspause in das Bolschoi Theater gingen, pressten die beiden Sowjetführer dem unglücklichen Balten das Zugeständnis ab, in dem kleinen Land 25.000 sowjetische Soldaten zu stationieren - als erster Schritt zur offenen Annexion. Ein Jahr später hatten alle drei baltischen Staaten um ihre Aufnahme in das sozialistische Imperium "ersucht".Darauf war Molotow noch Jahrzehnte später stolz: Das wichtigste Ziel der sowjetischen Außenpolitik zu dieser Zeit sei es gewesen, die Grenzen des Vaterlandes so weit wie möglich auszudehnen. "Und mir scheint, Stalin und ich haben das ganz gut hingekriegt."Seite 29------------------------------"Warum sollte Ribbentrop uns sprechen wollen?", platzte Chruschtschow heraus. "Will er etwa überlaufen?"Foto: Joachim von Ribbentrop, Josef Stalin und Wjatscheslaw Molotow nach der Unterzeichnung des Vertrags