Yassin A., der einen Polizisten erschossen hat, ist ein ängstlicher Mensch. Im Gerichtssaal schielt er immer wieder zu den Zuschauerbänken, aus Angst, dass unter den Zuhörern einige seiner Todfeinde sein könnten. Aus Todesangst will er angeblich auch gehandelt haben, als er am 23. April dieses Jahres einen Polizisten niederschoss. Dafür muss sich das 34-jährige Mitglied einer libanesischen Großfamilie mit mehr als hundert Angehörigen seit Freitag vor dem Berliner Landgericht verantworten. Der Vorwurf lautet unter anderem Totschlag und gefährliche Körperverletzung.Am 23. April stürmten fünf Polizisten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) seine elterliche Wohnung in Neukölln, um ihn festzunehmen. Vor der Diskothek Jungle in Rudow soll Yassin A. ein paar Wochen zuvor das Mitglied der berüchtigten libanesischen Großfamilie al-Z. niedergestochen haben. Seit kurzem scheint klar, dass sein Vetter Rabih die Tat begangen hat. Damals aber war Yassin A. noch verdächtig und der Haftbefehl gegen ihn galt. Als die Polizisten ihn holten, schoss der Libanese - was er auch zugibt. Der 37-jährige Polizist Roland Krüger wurde tödlich im Kopf, ein zweiter Beamter am linken Unterschenkel und im Gesäß getroffen.Für den Prozess, der am Freitag begann, gelten strenge Sicherheitsregeln: Handtaschen sind verboten, ebenso alle Kopfbedeckungen einschließlich Kopftücher. Der Angeklagte sitzt hinter Panzerglas. Wegen der Fußfesseln kommt er nur in Trippelschritten voran, als er die Glasbox verlässt, um zum Tisch vor dem Richter zu gehen, wo er seine Aussage macht. Yassin A. ist groß und breit, der Kopf an den Seiten geschoren. Er hat eine Frau und drei Kinder, ein viertes ist unterwegs. In der Diskothek Jungle war er Sicherheitschef. Ein Jahr sei alles gut gelaufen. Dann habe der Ärger mit der anderen Großfamilie al-Z. angefangen. Diese Familie, die in Berlin größtenteils von Sozialhilfe lebt, kontrolliert Diskotheken, Prostituierte und Drogenhändler. Sie wollte auch das Jungle übernehmen, vermutet der Verteidiger von Yassin A., Hans-Theodor Schmitt. Vor der Disko kam es zum Streit, eines der Familienmitglieder wurde verletzt. Yassin A. nahm einem Gegner eine Pistole ab. "Du bist tot!", schwor dessen Familie angeblich. Für Yassin A. sei klar gewesen, dass sie ihn umbringen wollten, sagt er. "Jeder weiß, dass die einen auf offener Straße erwischen oder in der Wohnung." Nach seinen Worten hält sich die Polizei aus solchen Konflikten heraus, weil die Szene das unter sich regelt. Yassin habe aus Angst die Wohnung nicht verlassen. Die vor dem Jungle erbeutete Pistole hatte er stets im Hosenbund stecken. Und als das SEK kam, habe er gedacht, es seien die Killer von al-Z. Genau darum geht es in dem Prozess: Hat Yassin A. bewusst auf den Polizisten geschossen oder nicht? "Wir haben mindestens drei Mal ,Polizei gerufen", sagt der SEK-Mann "Nummer 14", der bei der Schießerei verletzt wurde, inzwischen aber wieder dienstfähig ist. Der 34-jährige Polizeihauptmeister darf vor Gericht anonym bleiben und hinter einer weißen Wand aussagen. Zu groß ist die Angst vor Rache. Der Anwalt des Angeklagten will Freispruch vom Vorwurf des Totschlags beantragen. "Mein Mandant hat in Putativ-Notwehr gehandelt." Yassin A. habe die Voraussetzungen der Notwehr irrtümlich für gegeben gehalten. Yassin A. beteuert, dass er weder die Rufe noch die "Polizei"-Buchstaben auf dem Schutzschild, das Roland Krüger trug, wahrgenommen habe. "Die Kinder schrien, der Fernseher lief, alles redete. Da gab es einen Knall, das hörte sich an wie eine Pumpgun. In der Tür war ein Loch." Er sei um den Tisch gegangen, erzählt der Angeklagte. "Alle haben vor Panik geschrien." Die Pistole in der rechten Hand, habe er in den Flur gefeuert, dabei sein Gesicht weggedreht. Bei den Detailfragen um das Eindringen der Polizisten soll auch geklärt werden, ob der SEK-Einsatz wirklich fehlerfrei gelaufen ist. Roland Krüger, der mit dem Schutzschild die Tür einrammte, brauchte zwei Schläge, was den Überraschungseffekt möglicherweise minderte. "Das Öffnen der Tür ist gut gelaufen und hat unter fünf Sekunden gedauert", versichert jedoch "Zeuge 14". Geklärt wird vielleicht auch, ob der SEK-Einsatz überhaupt nötig war. Denn die Polizei, deren Zivilbeamte nicht nur Kontakt mit Yassin A. hatten, hörte auch sein Handy ab und dürfte von den Drohungen der verfeindeten Familie gewusst haben. Das SEK nimmt gefährliche Straftäter fest. Aber wie gefährlich war Yassin A.? Als Jugendlicher hatte er oft eingebrochen. Inzwischen betrieb er seine Einbürgerung, wofür er ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen musste. Das ist nach den Worten seines Anwaltes "sauber". "Der SEK-Zugriff war völlig überflüssig", sagt Hans-Theodor Schmitt. "Wenn mein Mandant von dem Haftbefehl gewusst hätte, dann hätte er sich mit mir zusammen bei der Polizei gemeldet, mit der Zahnbürste im Handgepäck.""Wir haben mindestens drei Mal ,Polizei gerufen. " SEK-Mann "Nummer 14" vor Gericht.MROTZKOWSKI Yassin A. sitzt geschützt hinter Panzerglas. Er fürchtet um sein Leben. Und er sagt: "Ich habe das alles nicht gewollt. "

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