AACHEN, 25. April. Sonntagmorgen: In der Kapelle des kleinen Augustiner-Klosters im Aachener Vorort Walheim schlägt ein unauffälliger älterer Mann in dunkler Jacke die Akkorde an der Eckorgel an. Ordensschwester Kordula erzählt stolz, "der Herr Braun" komme seit Jahren schon. Neulich noch, "da hat er am Samstag aus Berlin hier angerufen, hat sich die Lieder durchgeben lassen und ist dann extra eine Maschine früher zurückgeflogen, damit er hier spielen kann."Der präsidiale Organist Egidius Braun, gern "Pater Braun" genannt ("ich fühle mich mit diesem Namen geehrt"), wird am Freitag sein Amt als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) planmäßig an Gerhard Mayer-Vorfelder weiterreichen. Nach einer Bypass-Operation am 13. Juli und monatelanger Reha geht es ihm wieder besser: "Ich war tot, weil ich nicht sprechen konnte. Das ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann."Egidius (griechisch: der Schildhalter) stand dem DFB seit 1992 vor: harmoniebedürftig, charmant, ausgleichend, ganz frohsinniger und frommer Rheinländer. Seine Hobbys weisen den Bismarck-Bewunderer als überzeugten Patrioten aus: Skatspielen, Kegeln, die Jagd und Richard Wagner. In Brauns edlem Aachener Domizil steht der Flügel mitten im Wohnzimmer, und nach Feiern mit Freunden, an denen er besonders "Treue und Frohsinn" schätzt, wird gern ein gemeinsames Lied angestimmt.Geboren wurde Braun 1925 im Voreifeldorf Breinig. Immer sagte er, wie wichtig ihm die Basis sei. Dass er "Antworten geben will auf gesellschaftspolitische Fragen". Dass er "Menschen zusammenführen" möchte durch den Balltritt. Wie sozialpolitisch wichtig seine Arbeit sei, besonders die "Mexiko-Hilfe", das DFB-Waisenhaus in Queretaro. "Es gibt so viel Elend auf der Welt. Wir müssen doch etwas für die Kinder tun", erklärte er noch jüngst.So weit der Gutmensch Egidius, der Schildhalter. Doch wehe, wenn Zeus die Ägis schüttelt: Im März 1992 etwa lief Egidius Sturm. Die DFB-ferne "Bunte Liga Aachen" hatte den Papst zum Ehrenmitglied gemacht - Johannes Paul II. erklärte sich schriftlich als Verbündeter "gegen die arg unchristlichen Entwicklungen im Fußball" und erklärte, die Alternativen in seine "Gebete einzuschließen". Die Aachener Presse berichtete auf der ersten Seite ("Papst betet für Bunte Liga"); Braun wurde rebellisch. Er beschimpfte die Redakteure, wie sie über "diese Verarschung des Papstes" nur berichten könnten. "Der DFB und unchristlich, damit wird Millionen von Ehrenamtlichen vor den Kopf geschlagen. Diese Alternativfußballer halten sich wohl für was Besseres, für Intellektuelle! Die sollen in den Wald gehen und sich ne Wiese suchen."Ohne das notwendige Maß an Bauernschläue und Gerissenheit, Taktik und Tatkraft wäre er nicht DFB-Chef geworden. Beruflich hatte Braun seine Geschäftstüchtigkeit gleich nach dem Krieg bewiesen, als er den elterlichen Kartoffelhandel mit Schmuggeltouren über die nahen Benelux-Grenzen auf Vordermann brachte. "Kartoffel Braun" ist bis heute eine Institution in Aachen. Brauns Funktionärskarriere hatte makellos begonnen. 1951, mit gerade 26, war er ("Funktionär ist für mich kein Schimpfwort") zum Präsidenten des SV Breinig gekürt worden. Dann folgte ein Flop: Braun versuchte den Kreisvorsitzenden vom Posten zu putschen. Doch die Delegierten verweigerten ihre Stimmen. Zu forsch sei er gewesen, "der Edi", erinnert sich ein Weggefährte.Suche nach VolksnäheSpäter lernte Braun dazu. "Er kann sich", sagt ein Freund, "jeder Situation anpassen - sei es ein Empfang beim spanischen König, sei es ein Plausch beim Straßenkehrer". Dabei liebt Braun die Mischung aus Hintergrund und Volksnähe: Wenn er die Aachener Alemannia besuchte, hockte er sich im Innenraum auf ein Bänklein des Ordnungsdienstes. Fußball muss glaubwürdig sein. Das ist Brauns erster Grundsatz. Volkssport und Familienereignis. Fußball als Geldvermehrungsmaschine, Showspektakel? Nein.