BERLIN, 8. September. Frauen ist die Auswahl modischer Kostüme grundsätzlich gern gestattet als geistvolle Auseinandersetzung mit dem aktuellen Schaffen des Schneiderhandwerks, interessieren sich aber Männer allzu offen für Mode, so gelten sie als Dandy.Dieser Typus formte sich im frühen 19. Jahrhundert parallel zum Entstehen einer bürgerlichen Gesellschaft aus; als sein Initiator gilt Beau Brummel (1778-1840), der die Eleganz zum Lebensinhalt bestimmte. Nun bestand diese Kunst damals nicht im Vorführen möglichst ausgefallener Krawatten; sie hatte vielmehr mit Geheimwissen um den besten Schneider und die feinsten Stoffe zu tun. Nur wer still auf den kennerhaften Blick seines Gegenübers hoffte, konnte sich tadellosen Benehmens rühmen; erst im inneren und äußeren Streben nach dem Bestmöglichen wurde das Sich-Erhaben-Fühlen über die parvenühafte Bourgeoisie perfekt."Die sitzen einfach am besten" Heutzutage gilt das intensive Nachdenken über Reversbreiten oder Stoffmuster gemeinhin als Abkehr vom Ernst des Lebens. Christoph Stölzl (CDU) beispielsweise glaubte einmal einen Journalisten korrigieren zu müssen, der über seinen Anzug aus "braunem Moiré" geschrieben hatte. In Wahrheit, so Stölzl, sei jener gefertigt aus dem "jedem Freund bewährter gesellschaftlicher und damit auch textiler Tradition altvertrauten Gewebe ,Bird s Eye ". Als Stölzl später die Berliner Kleingärtner in werbender Absicht besuchte, erwarteten eigentlich alle, dass er dem Volke unterdessen total entrückt sei - nur weil er zwischen Anzügen für mittägliche und abendliche Feierstunden unterscheidet. Es ist in Deutschland üblich, sich mit einem Auto auszustatten, dessen Kaufpreis weit über den eigenen Verhältnissen liegt, aber jede andere Form von Freude am Luxus gilt als fragwürdig.Was ist in den vergangenen vier Jahren nicht alles über die Anzüge von Gerhard Schröder (SPD) geschrieben worden. Er trage nur italienische, erklärte er bald nach seinem Amtsantritt als Bundeskanzler: "Die sitzen einfach am besten. " Das wäre ja an sich schön, dann kneift nichts beim Nachdenken. Aber es waren eben keine namenlosen Angelegenheiten in Dunkelblau oder Anthrazit wie bei seinem Vorgänger Helmut Kohl, sondern welche von Brioni, um 1 800 Euro. Bei solchen Preisen verstand man schnell, dass Familie Schröder noch lange die bescheidene Dreizimmerwohnung in Hannover beibehielt. Übrigens, so bedauerte es neulich der Brioni-Chef Umberto Angeloni, sei der Kanzler nie zum Maßnehmen ins römische Stammhaus an der Via Barberini gekommen (dann hätte sich der Stückpreis pro Anzug auf 2 500 Euro erhöht). Schröder kleidet sich anscheinend also bloß von der Stange ein, aber in einer der teuersten aller möglichen Varianten.Vor allem im März 1999 fanden das viele "peinlich", denn da hatte Schröder gerade für den Mode- und Mädchenfotografen Peter Lindbergh zwei Stunden lang Modell gestanden. Den Auftrag zu dieser schwarz-weißen Bildstrecke hatte der (längst eingestellte) "Life & Style"-Ableger der Zeitschrift "Gala" erteilt, danach waren Schlagzeilen wie "Dressman Schröder" oder "Der Kanzler als Model" zu lesen. Kohl suchte Kontemplation in einem exotisch bestückten Aquarium, Schröder "beschädigte sein Amt" bei der Ausübung seines Hobbys. Sehr professionell posierte er übrigens, wie hinterher gelobt wurde - so professionell, dass die "eigens aus Mailand eingeflogene" Garderobe auf dem Bügel bleiben konnte. Denn der Kaschmir-Mantel (Brioni, um 2 000 Euro), der Anzug (Kiton, um 1 500 Euro) und die Pferdelederschuhe (Alden, um 550 Euro) von den Fotos stammten allesamt aus Schröders Schrank.Des Kanzlers Favorit Brioni ist ein Unternehmen, dessen Chef eine Monografie über die Boutonnière - das Zierknopfloch am Revers - verfasst hat. Kann es etwas Überflüssigeres, respektive: einen diskreteren Hinweis auf einen verfeinerten Geschmack geben? Angeloni glaubt euphorisch, dass Italien mit seiner Schneiderkunst den Luxus demokratisiert hat. In Deutschland würde man ihm darauf antworten: Wer sich täglich eine frische Nelke an die Brust heftet, ist ein Geck.Das muss das von Nazareno Fonticoli und Gaetano Savini gegründete Haus nicht stören. 10 000 Anfragen für Maßanzüge erreichen Brioni pro Jahr, bloß 400 können angefertigt werden, denn an jedem Exemplar sind drei Schneider vier Tage lang beschäftigt: Nur das Etikett wird maschinell befestigt, alles andere ist Handarbeit - auch bei den Anzügen von der Stange, von denen per annum etwa 80 000 hergestellt werden. Brioni wird nur von einer einzigen Sorge geplagt: Es fehlen talentierte Schneider, denn die niedrigen Löhne können nicht recht locken. Genügsamere Schneiderinnen gäbe es reichlich am Markt, aber das, so Angeloni, würde die Kundschaft nie akzeptieren. Zu ihr zählten früher Anthony Quinn, Gary Cooper und John Wayne, heute sind Donald Trump, Jürgen Schrempp, Al Pacino, Kofi Annan und Yasser Arafat Aficionados.Brioni hat außerdem die James-Bond-Filme "Golden Eye" und "Der Morgen stirbt nie" ausgestattet und im Geheimagenten als Gentleman gewissermaßen seinen besten Botschafter entdeckt. Denn das Unternehmen ist seit 1945 erfolgreich damit, den Mann als modernes Wesen zu akzeptieren, das Bewegungsfreiheit braucht, Sport treibt und zumeist in klimatisierten Räumen arbeitet. Zuvor waren die gängigen Anzugmodelle aus schwerem Tuch gearbeitet, mit mächtigen Schulterpolsterungen formten sie eine V-förmige, sonderbar statische Silhouette. Bei Brioni aber nahm man feinen, leichten Wollstoff, achtete darauf, dass das Sakko am Po immer schön glatt anlag, entwickelte reduzierte, körpernahe Schnitte - und ließ seine Kunden so wünschenswert alert aussehen. Schon im ersten Jahrzehnt seines Bestehens konnte Brioni die Anzahl seiner Mitarbeiter verfünffachen. Heute sind es 1 700, und der Jahresumsatz liegt bei 100 Millionen Euro.Umberto Angeloni befand jüngst im "Manager Magazin", dass der klassische Herrenanzug unterdessen, "was Funktionalität und Ästhetik angeht, seine Perfektion, die letzte Stufe seiner Evolution" erreicht habe. Er vermittele Kraft, Sicherheit, Macht und Männlichkeit - er sei also ein Kommunikationsmittel. Das klingt smart genug für Schröder. Er darf sich jetzt nur nicht dabei erwischen lassen, wie einst Oscar Wilde stundenlang neue Krawattenknoten vor dem Spiegel auszuprobieren.Der Kanzlerausstatter // Das Haus Brioni wurde 1945 von Nazareno Fonticoli und Gaetano Savini in Rom begründet; der Stammsitz ist bis heute in der Via Barberini.Die Manufaktur liegt in der Abruzzenstadt Penne, insgesamt hat die Firma 1 700 Mitarbeiter, der jährliche Umsatz liegt bei rund 100 Millionen Euro.Der Brioni-Kunde muss etwa 2 500 Euro für einen Maßanzug bezahlen, nur 400 Stück werden pro Jahr produziert - denn an einem Exemplar arbeiten drei Schneider vier Tage lang.Ein Anzug von der Stange kostet bei Brioni gut 1 800 Euro, davon werden jährlich rund 80 000 Stück produziert.Nähmaschinen werden bei Brioni nur zum Befestigen des Etiketts benutzt, alles andere - vom Zuschnitt bis zum Knopflochumstechen - fertigen die Schneider in Handarbeit.Zu den Kunden der italienischen Nobelmarke zählen heute unter anderen Gerhard Schröder, Jürgen Schrempp, Donald Trump, Kofi Annan und Jassir Arafat.