BERLIN, im Juni. Es ist fraglich, ob Katja mit dem Anblick der Küche zufrieden wäre. Katja ist zum Urlaub in die alte Heimat nach Odessa gefahren, und es schlägt sich nieder, dass nun niemand das Regiment führt. In einer Pfanne auf dem Herd steht kaltes Bratenfett, in einer anderen Pfanne liegen drei Buletten und in einem Topf ein paar kalte Kartoffeln. Unabgewaschenes Geschirr türmt sich im Ausguss, unabgewaschenes Besteck steht daneben, und als Nikolai Makarow die Gläser aus dem Schrank nimmt, guckt er sehr aufmerksam hinein, bevor er den Rotwein eingießt. Makarow hat nichts gegen Chaos, wahrscheinlich braucht er es sogar, aber Katja, seine Köchin, die den guten Borschtsch aus roten Rüben kocht, sieht die Dinge mit anderen Augen. Sie hat in diesem Atelier in der Berliner Chausseestraße schon viel erlebt.Wenn der Boden bebtMan müsste Katja nur auf den letzten 13. Januar ansprechen. Nikolai Makarow ist ein russischer Maler, der zweimal im Jahr ein Atelierfest veranstaltet. Fester Termin ist der 13. Januar, der Tag des orthodoxen Neujahrs. Das zweite Fest findet im Sommer statt, aber es fragt sich, ob Fest das richtige Wort ist. Das Wort klingt, als säßen die Gäste an einem Tisch und hätten Servietten aus Leinen neben den Tellern. Dass es so ist, kann man nicht sagen. Es ist eher das Gegenteil. Im Januar hatte Makarow ungefähr 150 Einladungen verteilt, aber fast 600 Leute sind gekommen. Es hatte sich herumgesprochen, dass es wieder ein Kakerlakenrennen geben wird. Dass Freibier ausgeschenkt und Wodka in Strömen fließen würde. Musiker würden ihre Instrumente mitbringen und jemand würde Zigeunerromanzen singen. "An dem Abend wusste ich gar nicht, was ich machen soll", sagt Nikolai Makarow, "lässt man sie alle herein oder nicht. Aber dann waren wohl doch alle drin, und nachts um zwei merkte ich, wie der Boden bebte, als zur Klezmermusik getanzt wurde. Das war mir dann doch zu heiß. Was ist, wenn der Boden durchbricht?"Es war eine rauschende Fete. Als der Wodka-Nachschub kurzzeitig stockte, zog ein bekannter russischer Schriftsteller eine Flasche aus der Jacketttasche und goss in mitgebrachte Plastikbecher ein. Früh um acht lagen Schnapsleichen in den Ecken, neben ihnen wurde noch getanzt. Katja aber rief Gott an und klagte darüber, dass die Dusche als Toilette benutzt worden war. "Am nächsten Tag sieht es hier wirklich immer furchtbar aus", sagt Nikolai Makarow, "aber ich denke, so ist das Leben." Und weil das Leben so ist und auch die Zeit vergeht, fängt Makarow jetzt wieder mit den Vorbereitungen an. Ende Juli werden wieder die Kakerlaken rennen, eine Berliner Brauerei wird das Bier zur Verfügung stellen und die Abgesandten einer amerikanischen Wodkabrennerei mit ihrem Minibus voller Flaschen vorfahren.Allerdings muss der Maler noch über eine Sache nachdenken. "Ich überlege wirklich, ob ich es noch einmal im Atelier mache oder einfach ein paar Räume miete." Er zeigt aus dem Fenster auf die gegenüberliegende Straßenseite. "Da drüben zum Beispiel, in dem Haus, da stehen ganze Etagen leer." Es ist möglich, dass er dorthin einlädt. In seinem Atelier hängt ein vier Meter mal 2,70 Meter großes Bild an der Wand. Er hat es nach einer Zeile aus Novalis "Hymnen an die Nacht" gemalt. Makarow ist gerade aus New York zurück, dort würde er für das Bild ungefähr 15 000 Dollar bekommen. In New York läuft seine Ausstellung, und er hat gut verkauft. Aber das Novalis-Thema wäre jetzt unverkäuflich. Beim letzten Fest hat jemand mit der Hand auf die Leinwand gefasst, und der Abdruck ist gut zu sehen.Nikolai Makarow ist ein kleiner, stiller Mann von 48 Jahren. Er ist Maler, aber keiner, der die Farbe wie in einem Anfall auf die Leinwand schmettert. Wenn es Figuren auf seinen Bildern gibt, sieht es aus, als verschwämmen sie hinter einem dunklen Gewebe. Manchmal gibt es auch keine Figuren, sondern nur Dunkel und Hell. Makarow trägt ein schwarzes Hemd, schwarze Hose und braune Schuhe, die auf dem Spann weiß sind. Er spricht leise. Manchmal kann man den Recorder ausschalten, weil es dauert, bis er den Satz weiter spricht oder einen neuen anfängt. Wenn seine Haare nicht zum Pferdeschwanz gebunden sind, fallen sie bis unter die Schultern. Genau wie den dünnen Kinnbart hat er sie vier Jahre wachsen lassen. Offen getragen sind die Haare wie ein breiter, dunkler Rahmen für ein sehr russisches Gesicht.Die Amerikaner lieben das. Makarow ist oft in New York. "Sie haben es gern", sagt er, "wenn jemand russische Kunst macht und dann auch noch wie Rasputin aussieht. Oder wie ein Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert. Deshalb habe ich damals, wie ich das so nenne, den Russen rausgelassen." Rausgelassene Russen sind heutzutage vielseitig verwendbar. Kürzlich, in einer Episode der Pro-7-Serie "Klinikum Berlin Mitte", klopfte ein Mann an eine Tür. Es öffnete ein anderer Mann mit merkwürdigem Hut und dünnem Kinnbart. Die Tür führte in eine Art Spiel- und Wetthölle. Menschen schrien durcheinander und hielten Geldscheine in die Höhe. Jemand sagte, Nikolai, komm mal her. Ein feister Typ rief, dass Iwan der Schreckliche auf Bahn zwei, Olga II auf Bahn drei und Olga III daneben laufen würden. Dann schwenkte die Kamera auf Nikolai Makarow, der mit einem alten Revolver den Startschuss zum Rennen der Kakerlaken gab, die er zu Hause in einem Terrarium hat.Küchenschaben auf der Rennbahn. Ein Mann, der an Rasputin erinnert. Wodkafeste im Atelier. Es sind Sachen, die im neuen Berlin offenbar gut zu gebrauchen sind. Die Dresdner Bank macht im September in ihrem Hauptsitz neben dem Brandenburger Tor auch ein Fest. Makarow wird dort sein, und er wird Iwan den Schrecklichen und die anderen Kakerlaken zum Vergnügen der Banker laufen lassen. Auf der grünen CouchVergessen wird er den Termin ja vielleicht nicht. Oder jemand erinnert ihn rechtzeitig. Makarow ist ein Mann, der im Chaos lebt. "Ich bin so chaotisch", sagt er, "dass ich heute Abend vielleicht darüber nachdenke, ob ich morgen nach Basel fahre. Aber entscheiden werde ich mich dann erst morgen früh." Falls er fährt, wird er vorher wahrscheinlich noch in der Paris Bar gewesen sein, von Mitternacht bis zwei. Danach in einem Friedrichshainer Billardsalon. Ins Bett geht er um vier oder fünf, und das Bett kann auch die grüne Couch in seinem Atelier sein.Makarow, in Moskau geboren, hat in Berlin eine Wohnung und in New York bei seiner Frau auch. Er ist hier und dort, aber wohnen will er es nicht nennen. "Es geht nur um schlafen, um arbeiten, ansonsten bin ich viel unterwegs. Da sitzt du dann in einer schönen Bar, trinkst ein schönes Getränk, es ist angenehm, und so verliert sich das Private. Ich wohne kaum oben in der Wohnung, ich habe nicht so richtig ein Zuhause." Vielleicht wird er in Zukunft auch nur in Hotels leben. Man könnte denken, dass er malt, ein bisschen lebt und sonst gar nichts tut, weil dann immer der Tag und die Nacht zu Ende sind.In der Linienstraße 154 A steht ein schönes, altes, frisch rekonstruiertes Haus. Nikolai Makarow hat hier jetzt wieder öfter zu tun. In den Räumen im Erdgeschoss schleift ein Handwerker gerade die Dielen. An der Decke ist schöner Stuck, und die Wände sind dunkelrot. "Mit den dunkelroten Wänden und heruntergedimmtem Licht will ich so etwas wie eine sakrale Atmosphäre erreichen", sagt er. Ende September wird er hier wieder sein "Stilles Museum" eröffnen, das es vor der Rekonstruktion schon einmal gab. Makarow wird seine Bilder an die Wand hängen, andere Maler werden ausstellen, andere Künstler werden Theater spielen oder tanzen. Wenn oben alles vorbei ist, kann man in den Keller steigen. Vom kleinen Flur führt eine steile Treppe hinunter. Noch ist alles leer. Vor Jahrzehnten haben hier mal Menschen gewohnt, und danach haben hier nur noch Kohlen gelegen. In den nächsten Wochen wird alles anders. Es wird eine Wodka-Bar geben und der Tresen wird als Kakerlakenrennbahn gebaut. Man wird Schach spielen können und Domino und alle Wände werden voller russischer Bücher stehen, in denen jedermann blättern kann. Nikolai Makarow hat genug Bücher, es sind 30 000. Vor ein paar Jahren hat er sie von einer wohlhabenden Russin aus Heidelberg geerbt, ebenso wie das Geld, mit dem er die Räume für das "Stille Museum" gekauft hat. "Xenia Mawrizkaja lebte seit dem Ende des Krieges in Deutschland", sagt Makarow, "und bevor sie starb, wollte sie ihr Vermögen jemandem geben, der Russen und Deutsche zusammenbringt. Dafür habe ich die Sergej-Mawrizki-Stiftung gegründet." Sergej Mawrizki war Xenias früh verstorbener Sohn.Romanzen im KellerWenn es September wird und das Museum öffnet, wird es hier werden wie vor der der Rekonstruktion. "Da haben Russen Romanzen gesungen, Georgier haben Musik gemacht oder auch russische Juden. Und oft, wie das bei Russen so ist, fingen die Gäste auch selbst an zu singen. "Makarow will keinen Klub für Exilanten aus den GUS-Staaten installieren. Er wünscht sich, dass viele Deutsche kommen, natürlich auch Russen, der Rest wird international sein. Nikolai Makarow wird dort manchmal auftauchen, aber auch wieder verschwinden. Nach New York, in den Billardsalon, zu anderen Projekten. Eigentlich hat er mehr Projekte als Zeit. Er plant eine Homepage, das Kakerlakenrennen wird gerade zum Online-Spiel entwickelt, und er stellt sich vor, Politiker und andere Prominente gegen Eintritt an die Rennbahn zu holen. Mit dem Geld will er ein Kinderwaisenhaus in Moskau unterstützen. "Manchmal erschrecke ich mich", sagt er, "und denke, es wird einfach zu viel. Und dann sage ich mir, du bist einfach zu blöd, alles richtig zu organisieren. Ich versuche das jetzt zu lernen." Der Satz verklingt, ein paar Zweifel bleiben. Makarow ohne Chaos wäre wie Makarow mit Gel in kurzen Haaren. Das Atelier in der Chausseestraße, abends um zehn. Die Szene ist so, wie sie Makarow wohl braucht. In einem Raum stehen Computer von jungen Leuten, "die sich jetzt hier einquartiert haben". Seine Tochter spielt an einem verstimmten Klavier. Vitalik, Katjas Sohn, steht in der Werkstatt und baut Rahmen. Er wohnt gleich hinten in einem kleinen Zimmer. Wenn Katja nicht in Odessa ist, wohnt sie im Zimmer daneben. Schräg über den Atelierflur ist eine Art Lagerraum. Viele Bilder hängen an der Wand. Neben einem ungemachten Bett steht ein Weihnachtsbaum. Ein Fernseher läuft. "Und wer lebt hier?""Wer gerade da ist. Gäste. Oder Ich. Oder Pascha, mein Oberassistent. Es sind immer Leute hier."BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Nikolai Makarow in seinem Atelier in der Chausseestraße, Berlin-Mitte. Zurzeit hat er eine Ausstellung in New York.

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