Der Mann aus Zürich von Aktenzeichen XY in einer Bar: Gleich neben Wim, Wum und Wendelin

Die Zeitmaschine in der Kreuzberger Falckensteinstraße öffnet pünktlich zum Countdown der öffentlich-rechtlichen Abendunterhaltung: Um 20.15 Uhr ist am Sonnabend im "Konrad Tönz" der kleinformatige Fernseher eingeschaltet worden, der die besten Szenen aus "Aktenzeichen XY ungelöst" als flackernde Bilder durch grüne Butzenscheiben hinausschickt in die Kreuzberger Nacht. Drinnen wird eine liebevoll-ironische Stil-Scharade betrieben: Hajo Kulenkampff und Nana Mouskouri lächeln als Pin-ups von braunbeige tapezierten Wänden, Stehlampen hüllen die Szenerie in Orange. Lieder von Bert Kaempfert, Hazi Osterwald und James Last sind zu hören. An diesem Abend beehrt der Namensgeber zum zweiten Mal in seinem Leben höchstselbst die Bar - der 62-jährige Konrad Tönz. Jeanette Kneuker und Horst-Ingo Kupfer hatten die Bar vor viereinhalb Jahren unter seinem Namen, nicht aber mit seinem Wissen eröffnet. Der Name der Bar soll aber an eben jenen Konrad Tönz von "XY" erinnern, der 22 Jahre lang das Außenstudio Zürich besetzte. Eduard Zimmermann fragte dann im Namen von Interpol und Eurovision, im Namen von öffentlich-rechtlichem Aufklärungsfernsehen und gräulich-ockerfarbener TV-Unterhaltung in der Schweiz nach, ob schon sachdienliche Hinweise eingegangen seien. Erste sachdienliche Hinweise in Sachen "Konrad Tönz" erhielt der 62-Jährige ausgerechnet in Neu Delhi: "Auf einem Kongress sprach mich ein Kollege an, er habe auf einem Flyer gesehen, dass mir eine Bar in Kreuzberg gehört." Da hat Tönz, der heute Chef eines Medienbeobachtungsdienstes ist, die jungen Leute erst einmal angerufen. "Weil ich wissen wollte, was die da machen", sagt Tönz. Eigentlich aber war es Konrads Frau Elsbeth, von der Barbesitzer Hugo-Ingo Kupfer vor drei Jahren dachte, sie wolle ihn auf den Arm nehmen, als sie sich direkt bei ihm meldete. Doch der Stimmenvergleich zwischen Anrufer und Fernsehfigur hat Kupfer überzeugt und so lud Kupfer Konrad Tönz ein, dem "Konrad Tönz" einen ersten Besuch abzustatten. Abseits vom Glamour-Rummel Überrascht sei er schon gewesen, dass sich junge Menschen den 70er-Jahren verschreiben, sagt Tönz. Allerdings könne er dies gut verstehen, "denn das war eine sehr kreative Zeit". Konrad Tönz fühlt sich in der Bar "Konrad Tönz", deren Gemütlichkeit eine Gegenreaktion zur Techno-Ära darstellen soll, sehr wohl. Tönz spricht die Stammgäste mit dem Vornamen an und kommentiert immer wieder Szenen aus jener Serie, dank derer er zur Ikone geworden ist: Konrad Tönz, das ist die im Unterbewusstsein der heute 30-Jährigen gespeicherte Assoziationskette, an der sich verkitschte Erinnerungen an die eigene Kindheit aufreihen. Daher gebührt ihm ein Plätzchen auf dem Gedächtnisaltar der 70er - gleich neben der Dreieinigkeit von Wim, Wum und Wendelin. Kaum zu glauben also, dass diese Lichtgestalt der Eurovision einen normalen Abend in einer normalen Kneipe in Kreuzberg verbringt. Eine Sensation, die als nonchalantes Nicht-Ereignis einen wunderbaren Kontrast bildet zu all dem aufgeregten Glamour-Rummel in der Neuen Mitte.