Hermann Ganswindt kam wohl einfach zu früh. Anders ist es nicht zu erklären, dass zwar ein Krater auf der Rückseite des Mondes und seit 1975 eine Brücke in Schöneberg nach ihm benannt sind, das Werk des Erfinders aber größtenteils vergessen wurde. Dabei gelang Ganswindt der erste Motorflug der Geschichte. Die innovativen Ideen sprudelten aus dem 1856 in Voigtshof bei Seeburg geborenen Ganswindt schon während seiner Schulzeit. Ganswindts Vater betrieb einen großen Mühlenbetrieb mit einer angeschlossenen Versuchswerkstatt für technische Versuche. Schon als Gymnasiast eiferte Hermann Ganswindt seinem Vater nach. Er entwickelte einen Freilauf für Fahrräder und skizzierte ein Raumschiff, das er "Weltenfahrzeug" nannte und das sich mit dem Rückstoß von Dynamitladungen durch den Weltraum bewegen sollte. Auf einige erfolglose Semester Jura in Zürich, Leipzig und Berlin folgte Ganswindts Militärdienst. Nach dem Ende seiner Dienstzeit schlug sich der Erfinder mit Vorträgen in Berlin durch. Die Idee seines Raumschiffs hatte Ganswindt in der Zwischenzeit weiter verfolgt. Da der Raketenantrieb nur in großen Höhen Sinn mache, referierte Ganswindt, sei ein Trägerfahrzeug nötig, dass die Raumfähre an den Rand der Atmosphäre schleppt - die Idee des Hubschraubers war geboren.Helikopter mit Musik Ende der 80er-Jahre baute Ganswindt Modelle seines Hubschraubers aus Metall. Um seine Ideen publik zu machen, lernte er 1891 kurzerhand Klavierspielen und reiste mit einem Vortrag umher, in dem sich Chopin-Stücke und die Vorführung seines Modells abwechselten. Mit den Einnahmen mietete Ganswindt ein Gelände in Schöneberg und baute eine Radbahn. Auf der konnten Besucher für eine Mark Eintritt auf Hightech-Fahrrädern aus Ganswindts Produktion fahren.Ganswindt ist ein recht erfolgreicher Geschäftsmann, als er im Juli 1901 den ersten Hubschrauber startet. Da es noch keine ausreichend starken Motoren gibt, nutzt Ganswindt ein Fallgewicht, das den Rotor über ein Seil mit antreibt. Der Hubschrauber fliegt, zwar nur einige Sekunden lang, aber er hebt mit zwei Personen an Bord ab. Doch Ganswindt wird wegen Betrugs angezeigt und kommt in Untersuchungshaft, seine Firma wird in den Konkurs geführt. Obwohl ein Gutachten schließlich die Flugfähigkeit von Ganswindts Apparat bestätigt, sind des Erfinders Finanzen und sein Ruf ruiniert, als er nach zwei Monaten aus der Haft entlassen wird.Erst am Ende seines Lebens wird Ganswindt von der jungen Raumfahrt-Bewegung als Pionier anerkannt. Trotzdem stirbt er verarmt 1934 in Berlin. Allerdings darf seine zweite Ehefrau den Abschuss der ersten Mondrakete live in Cape Kennedy miterleben - einer von Ganswindts Söhnen hatte offenbar das Talent des Vaters geerbt und arbeitete im NASA-Mondprogramm des Wernher von Braun.------------------------------Foto: Hermann Ganswindt und sein Tretmotor vor seinem Werk in Schöneberg