Auf die Frage, welche Fähigkeiten ein exzellenter Schachspieler benötigt, hat der ehemalige Weltmeister Bobby Fischer einmal geantwortet: "Ein gutes Gedächtnis, Konzentration, Fantasie und einen sehr starken Willen." Das reicht heutzutage in der Schach-Bundesliga nicht mehr. Ohne Fremdsprachenkenntnisse, Flexibilität und Studium der europäischen Flugpläne geht nichts mehr.Das zeigt das Beispiel Empor Berlin. Als Mannschaftsleiter Frank Kimpinsky dieser Tage die Equipe des Tabellenzweiten für die Heimspiele am Wochenende gegen den PSV Wuppertal (5:3 für Empor) und Tabellenführer Solinger SG (3:5) zusammenstellte, telefonierte und faxte er quer durch Europa.Großmeister Wladimir Kramnik erreichte er in seinem Geburtsort Tuapse am Schwarzen Meer. Alexej Shirov, den er in seinem Häuschen im spanischen Taragona vermutete, bekam er in Riga an die Strippe. Miguel Illescas wohnt in Barcelona, Walerie Tschechow in Moskau, Jan Timman in Amsterdam und irgendwo Kanada. Kostensparender gestalteten sich die fernmündlichen Marschbefehle für Thomas Luther (Erfurt), Uwe Bönsch (Halle), Jörg Hickl, Eric Lobron (beide Wiesbaden). Nur Mladen Muse, Karsten Volke, Dirk Poldauf und Raj Tischbierek erreicht Kimpinsky zum Ortstarif. Eigengewächse gibt es bei Empor nicht mehr. Nachwuchsarbeit zahle sich nicht aus, sagt der Vorsitzende Carl-Rudolf Witzke: "Nur mit Deutschen kannste nicht deutscher Meister werden." Kimpinsky fügt seufzend hinzu: "Das tut weh, weil die Identifikation der Spieler mit dem Verein verloren geht." Ausnahmen sind Spieler wie der Russe Kramnik, immerhin die Nummer drei der Weltrangliste. "Er hätte es nicht nötig, für Empor zu starten", sagt Frank Kimpinsky, "bei ihm ist es eine Frage des Wohlfühlens." Für die einheimischen Denkartisten hatte die "Entwicklung zum Starensemble" (Kimpinsky) in diesem Jahr Folgen: Viele dürfen nur noch an die ersten acht Bretter, wenn die Ausländer absagen. Wie an diesem Wochenende. Für die Profis Timman, Sokolov und Illescas gab es beim hochdotierten Turnier im niederländischen Wijk an Zee mehr zu verdienen. Zur Freude der deutschen Spieler. Und dennoch sagt Thomas Luther (27) kritisch: "Vor allem für junge Spieler ist die Situation frustrierend. Die Ausländerregelung ist nicht gut." Und der Deutsche Schach-Bund handhabt sie immer freizügiger: Im letzten Jahr durften nur drei Ausländer insgesamt gemeldet, zwei eingesetzt werden. In diesem Jahr dürfen beliebig viele EU-Ausländer starten und zwei Nicht-EU-Gastarbeiter. Ab der neuen Runde gibt es gar keine Beschränkung mehr.Für Empor Berlin ist es die Chance. Erste Erfolge sind sichtbar: Platz fünf im Europacup und seit dieser Spielzeit Bundesliga-Spitze. Bis dato war der ehemalige DDR-Meister nur Mittelmaß. Wo er zweifellos auch hingehört - von der Struktur her. Gerade mal 50 Mitglieder hat die Abteilung im Großverein SV Empor. Die Kämpfe sind nicht zu vermarkten. Und weil die Spiele, um Reisekosten zu sparen, gebündelt werden, gibt es kaum Zuschauereinnahmen. Nur an zwei Wochenenden pro Saison ist Berlin Bundesliga-Spielort. Für acht Mark Eintritt kommen nicht mehr als 300 Fans."Wir sind hundsarm", sagt Kimpinsky, "ohne Sponsor würden wir gegen den Abstieg kämpfen." Doch da gibt es Bernhard Schewe (44), den potenten Geldgeber des Klubs. Zu DDR-Zeiten Abteilungsleiter in einem metallverarbeitenden Betrieb, hat er "nach der Wende überlegt, wie ich mehr Geld machen kann". Er gründete eine Investment-Firma. Heute trägt er vornehme Anzüge und Seidenhemden mit dekorativen Schachemblemen. Schachfreund Schewe spielt selbst in Empors vierter Mannschaft und steht, so Kimpinsky, "für den Großteil unseres Etats gerade". Das Budget liegt offiziell bei 100 000 Mark pro Runde. "Mein Traum ist es, einmal mit Empor deutscher Meister zu werden", sagt Schewe, "solange mache ich das." Nach der Niederlage gestern gegen Solingen wird es bis dahin noch ein wenig dauern. Die Titelambitionen liegen vorerst ad acta. +++