Bleiche, bluttriefende Krallen greifen gierig nach der Erdkugel. Dieses Schreckensbild begegnet vielen Berlinern dieser Tage auf Plakatwänden an S-Bahnhöfen und Straßenkreuzungen. "Stoppt das Pharma-Kartell! Gesundheit ist ein Menschenrecht" lautet die provokante Botschaft. Wer aufruft und warum da aufgerufen wird, bleibt im dunkeln. Eine Internet-Adresse (www.rath.nl) läßt auf mehr Information hoffen. Tatsächlich beantwortet die Homepage einige Fragen, beispielsweise die nach dem Urheber. Initiator der Plakat-Aktion ist ein gewisser Matthias Rath, geboren 1955 in Stuttgart. Als Mediziner hat Rath in etlichen Kliniken, unter anderen im Berliner Herzzentrum gearbeitet und sich insbesondere mit Arteriosklerose und Herzgefäßerkrankungen befaßt. Dann kommt eine Botschaft, die stutzig macht: "Herzinfarkt und Schlaganfälle werden in der Zukunft unbekannt sein." Diese Volkskrankheiten, wie Matthias Rath sie nennt, hätten ihre Ursache in chronischem Vitaminmangel. Eine scheinbar revolutionäre Erkenntnis, die er als "Sieg über den Herztod" und als "Weltsensation der Medizin" bezeichnet. Ein paar Vitamine, dreimal täglich eingenommen, schützen demnach vor Infarkt, Diabetes, Osteoporose und vielen anderen Krankheiten.Sehr anschaulich zeigen Vorher-Nachher-Aufnahmen von Blutgefäßen, wie Vitamin C angeblich Ablagerungen in Gefäßen abbaut. Diesen Effekt erzielt allerdings nicht irgendeine Vitamintablette. Die Internetseiten sind gleichzeitig Werbung für "Dr. Raths Vitaminprogramm". Dabei handelt es sich um die "erste patentierte Therapie der Welt zum natürlichen Abbau von atherosklerotischen Ablagerungen", heißt es auf der Homepage.Da stellt sich dem Leser doch die Frage, warum er von dieser Sensation bislang nichts erfahren hat. Hier kommen die Plakate wieder ins Spiel, auf denen das Pharma-Kartell in Gestalt des "Codex Alimentarius" angeklagt wird. Der lateinische Begriff steht für eine Kommission, die 1962 von der Weltgesundheitsorganisation und den Vereinten Nationen eingesetzt wurde. Vertreter aus 162 Staaten versuchen seither in 30 Komitees und Expertengruppen, die Lebensmittelstandards ihrer Länder einander anzugleichen. Welche Stoffe darf ein Lebensmittel enthalten? Was sind eigentlich "Ballaststoffe"? Müssen alle Inhaltsstoffe auf der Verpackung aufgelistet werden? Das sind Fragen, über die bei den Sitzungen diskutiert wird.Vergangene Woche tagte das "Komitee für Ernährung und diätetische Lebensmittel" des Codex im Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) in Marienfelde. Ziel dieses Treffens ist, so glaubt Rath, die für Millionen Menschen lebenswichtigen Informationen zur Heilwirkung von Vitaminen und Naturtherapien zu verbieten. Als Vertreiber von Vitaminpillen sieht sich Rath als Betroffener. Hinter dem angeblichen Informationsboykott steckt die Pharmaindustrie so Raths Verschwörungstheorie. Denn würde die phänomenale Wirksamkeit von Vitaminen bekannt, so blieben die Unternehmen auf ihren Herzpräparaten und vielen anderen Medikamenten sitzen. "Ein Milliardenmarkt droht zusammenzubrechen", hieß es in einem Demonstrationsaufruf für den 21. September, der über Internet und Flugblätter verbreitet wurde und dem etwa 50 Anhänger Raths in Berlin folgten.Der Sprecher des BgVV, Jürgen Kundke, schüttelt nur den Kopf über die Anschuldigungen. "Die Kommission Codex Alimentarius entscheidet nicht darüber, ob Vitamine frei verkauft werden können oder nicht", sagt Kundke. Der freie Handel mit Vitaminen sei letztendlich das eigentliche Anliegen Raths. Darauf habe der Codex keinen Einfluß. Für Kundke ist die Initiative nicht mehr als ein Werbefeldzug in eigener Sache.In den USA darf Rath seine Vitamine verkaufen, aber nicht in Deutschland. Die Präparate sind zu hoch dosiert und fallen daher unter das Arzneimittelgesetz. Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung liegt der Tagesbedarf an Vitamin C beispielsweise bei 75 Milligramm, bei Vitamin E bei 12 Milligramm. Enthält ein Mittel mehr als das Dreifache dieser empfohlenen Mengen, ist es keine Nahrungsergänzung mehr, sondern ein Arzneimittel und benötigt eine Zulassung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfarM). Rath hingegen empfiehlt als tägliches Minimum bei Vitamin C: "Gesunde sollen ein Gramm zu sich nehmen, bei Kranken kann die Dosis bis auf drei Gramm gesteigert werden."Aber nicht nur eine vergleichsweise überhöhte Dosierung macht eine Zulassung nötig. Wird wie von Rath praktiziert mit einer Heilaussage für ein Produkt geworben (" zeigt Erfolge bei Bluthochdruck "), fällt es ebenfalls unter das Arzneimittelgesetz.Nun könnte der Mediziner doch einen Zulassungsantrag stellen. Klinische Studien, die dafür nötig sind, hat er angeblich vorgenommen. Doch Rath lehnt das ab. "Das Zulassungsverfahren dauert viele Jahre", sagte der Mediziner. Solange will er nicht warten. Die Sprecherin des BfarM, Karin Günther, gibt als gesetzlich vorgeschriebene Höchstbearbeitungszeit für ein neues Arzneimittel hingegen sieben Monate an. Solchen Ungereimtheiten begegnet man bei der Beschäftigung mit Rath und seiner Arbeit häufiger.Der Versuch, trotz gesetzlicher Widrigkeiten auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen, ist für ihn eine "gesundheitspolitische Entscheidung". "Die Bundesregierung hat die Führerschaft des Pharmakartells übernommen", begründet Rath seinen Schritt. Dies bewiesen die regelmäßigen Treffen des Ernährungskomitees des Codex in Deutschland, das den freien Handel mit Vitaminen verbieten wolle.Zur Zeit unterhält Rath ein Büro in den Niederlanden. Dort braucht er nach eigener Aussage keine Zulassung, dort gelten seine Produkte als Nahrungsergänzungsmittel. Per Post verschickt er "Dr. Raths Vitaminprogramm" auf Anfrage auch nach Deutschland. Diese Markteroberung durch die Hintertür betreibt er nicht alleine. Sogenannte Gesundheitsberater helfen, auch in Deutschland. "Wir bauen ein Netzwerk auf", beschreibt Kurt Jotter, der in Berlin Kunden für Raths Produkte sucht, die Taktik. Wer die Cocktails aus Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und Aminosäuren ausprobieren möchte, erhält ein Bestellformular, auf dem er das Gewünschte ankreuzt. Im Angebot ist ein Basispräparat für 69,50 Mark. Weitere 45 bis 60 Mark kosten die Zusatzprodukte gegen Bluthochdruck, Diabetes, Arteriosklerose oder Herzschwäche. Eine Identifikationsnummer auf dem Bestellformular ermöglicht es, die Bestellung dem jeweiligen Berater zuzuordnen, der nach Umsatz entlohnt wird. Ist vielleicht doch etwas an der vorgeblichen Wunderwirkung von Raths Produkten, oder ist alles nur ein Marketingtrick? Es gibt einige Punkte, die an Raths Seriosität zweifeln lassen. So weist er in seinem 1998 erschienenen Buch "Warum kennen Tiere keinen Herzinfarkt" oft auf seine "jahrelange Zusammenarbeit" mit dem Chemiker und zweifachen Nobelpreisträger Linus Pauling hin, dem "Vitaminforschungspionier" und bezeichnet sich als dessen Nachfolger. Ein Anruf im Linus Pauling Institute in Oregon widerlegt dies teilweise. Tatsächlich war er drei Jahre an dem Institut beschäftigt. "Allerdings verließ er 1992 nach einer Auseinandersetzung mit Pauling das Institut", sagt der Institutssprecher Stephen Lawson. Als Nachfolger habe Pauling Rath auf keinen Fall angesehen.Ein zentrales Argument Raths lautet: "Tiere kennen keinen Herzinfarkt". "Das stimmt nicht", sagt die Biologin Katharina Jewgenow vom Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung, "Tiere können sehr wohl an Herzinfarkt sterben." Aus diesem Grund würden Herzpräparate zunächst an Kaninchen und Meerschweinchen getestet.Rath behauptet auch, daß Natursubstanzen wie Vitamine keine Nebenwirkungen hätten. Überschüsse scheide der Körper aus. Klaus Pietrzik, Ernährungswissenschaftler an der Universität Bonn, widerspricht: "Der Körper scheidet nur ein Zuviel an wasserlöslichen Vitaminen aus." Doch von den dreizehn Vitaminen sind vier fettlöslich: A, D, E und K. Diese können sich im Körper anreichern. "Hochdosierte Vitamine können auf Dauer Nebenwirkungen haben", sagt der Vitamin-Experte. So könnten die von Rath propagierten Vitamin-C-Dosen bei entsprechend veranlagten Menschen zu Nierensteinen führen.Zudem veränderten Vitamine in hohen Konzentrationen häufig ihre Wirkung. "Vitamin E beispielsweise verringert hoch dosiert die Blutgerinnung", sagt Pietrzik. Das kann ein gewünschter Effekt bei Herzpatienten sein, "darf aber keinesfalls von Laien praktiziert werden". In hohen Dosen seien Vitamine Arzneimittel, die nur in die Hand eines Arztes gehörten."Vieles, was Rath sagt, ist wohl richtig, aber es ist einseitig und stark übertrieben", urteilt Eberhard Bassenge, Physiologe an der Universität Freiburg. Rath bezeichnet den Wissenschaftler in seinem Buch als "Unterstützer". Davon aber will Bassenge nichts wissen: "Das ist alles ein bißchen unseriös."