PEKING. Der Skandal um das vergiftete Milchpulver der Firma Sanlu in China hat sich ausgeweitet. Zwei Kinder sind an der kontaminierten Babynahrung gestorben. Mehr als 1 200 Kleinkinder sind an Nierenleiden erkrankt, 53 davon schwer. 340 Babys und Kleinkinder liegen in Krankenhäusern. Das Wichtigste sei es jetzt, die erkrankten Kinder medizinisch zu versorgen und weitere Todesfälle zu verhindern, sagte der stellvertretende chinesische Gesundheitsminister Ma Shaowei. Inzwischen hat die Regierung Kontrolleure in alle großen Zentren der Milchproduktion in China geschickt. Zu lange hat Sanlu versucht, mit Tarnen und Täuschen durchzukommen - und konnte dabei offenbar auf die Unterstützung lokaler Behörden zählen.Die Firma weiß schon seit Monaten von den Problemen mit der Babynahrung. Bereits im Februar alarmierte ein besorgter Vater in der ostchinesischen Stadt Wenzhou das Unternehmen und die städtischen Behörden. Die Babynahrung, erzählte der Mann, habe seine Tochter krank gemacht. Doch Sanlu wollte im Frühjahr davon nichts wissen. Auch die örtliche Verbraucherschutzbehörde war nicht interessiert. Am 21. Mai schließlich veröffentlichte der Vater den Fall in einer Reihe von Internetforen. Sein Bericht wurde kaum beachtet. Nur der Hersteller zeigte auf einmal Interesse: Zhong Yun, bei Sanlu für den Vertrieb in der Region Wenzhou zuständig, versuchte den Mann zu bestechen - mit vier großen Kisten Milchpulver im Wert von rund 250 Euro.Anfang August bemerkte auch Sanlus neuseeländischer Partner Fonterra das Gift in der Babynahrung und forderte die chinesische Firma auf, das Milchpulver aus dem Verkehr zu ziehen. Doch Sanlu reagierte nicht auf die Warnung, ebenso wenig wie die Behörden in Sanlus Heimatstadt Shijiazhuang. Bis Fonterra die neuseeländische Regierung einschaltete. Die wandte sich am 8. September direkt an die chinesische Regierung. Drei Tage später wurde der Skandal öffentlich.Das eigene Milchpulver sei einwandfrei, verteidigte sich die Firma zunächst. Bei der kontaminierten Babynahrung handele es sich um einen Fall von Markenklau. Doch kurz darauf startete das Unternehmen eine Rückrufaktion und gab zu, dass rund 700 Tonnen verseuchte Sanlu-Babynahrung im Umlauf sind. Inzwischen ist von 8 000 Tonnen die Rede. Gestern endlich entschuldigte sich die Firma. Und doch versucht sie, die Schuld auf ihre Zulieferer abzuwälzen. Die hätten das Melamin in die Milch gemischt, bevor Sanlu sie zu Pulver weiterverarbeitete. Normalerweise wird die Chemikalie in der Plastikherstellung und Lederverarbeitung verwendet. Sie eignet sich auch gut, um Testergebnisse für Nahrungsmittel aufzumöbeln, denn Melamin täuscht einen hohen Eiweißgehalt vor, wie er bei Milch- und manchen Fleischprodukten erwünscht ist."Nach so vielen Skandalen habe ich kein Vertrauen mehr in chinesische Nahrungsmittel", sagt Rita Ding, die in Schanghai in einer Werbeagentur arbeitet. Für ihre 16 Monate alte Tochter hat Frau Ding deshalb stets nur japanische Babynahrung gekauft: "Ich will mein Kind schließlich nur mit Sachen füttern, auf die man sich auch verlassen kann." Die meisten Opfer des Sanlu-Skandals können sich keine importierte Babynahrung leisten. Das vergiftete Milchpulver findet sich in Sanlus billigsten Produkten. Die Kunden sind vor allem Bauern und Wanderarbeiter.------------------------------Foto: Tian Yaowen, 15 Monate, ist krank; ihr Onkel zeigt das Milchpulver.