MÜNCHEN. Zweimal haben die Flicks im vorigen Jahrhundert in der Geschichte Deutschlands eine unrühmliche Rolle gespielt. Die beiden Firmenchefs, Friedrich Flick und sein Donnerstag Abend im Alter von 79 Jahren verstorbener Sohn Friedrich Karl Flick, galten als das hässliche Gesicht des Kapitalismus. Der Vater war ein skrupelloser Förderer der Nazis, der Sohn versuchte durch großzügige Parteispenden sein Vermögen, das zuletzt auf 6,8 Milliarden Euro geschätzt wurde, vor dem Finanzamt zu retten. Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre erhielten alle großen Parteien, CDU/CSU, SPD und FDP, Millionensummen von seinem Konzern. Schnell entstand daraus, als die Sache ruchbar wurde, der größte Wirtschaftsskandal der Bundesrepublik. Die Flick-Affäre stand unter dem Titel "Die gekaufte Republik".Im Gegensatz zu seinem Vater, dem Gründer des Stahl- und Kohleimperiums, war Friedrich Karl aber kein großer Unternehmer. Er war der jüngste Sohn, der das Unternehmen erst nach dem Tod des Vaters 1972 übernahm. Sein älterer Bruder Otto Ernst war schon vorher unter der harten Hand des Vaters zerbrochen und 1966 aus der Unternehmensführung ausgeschieden.Als Erbe war Friedrich Karl schon damals einer der reichsten Männer der Bundesrepublik mit einem geschätzten Vermögen von 5,5 Milliarden Euro, auch nach Auszahlung der übrigen Familienmitglieder. Als Alleininhaber der Friedrich Flick Holding gehörten "FKF", wie er in der Firma genannt wurde, große Anteile an Daimler-Benz, Buderus, Dynamit Nobel, der Feldmühle und der Gerling-Versicherung. Es kam, wie es in solchen Fällen oft kommt. Während der Vater noch zwölf Stunden am Tag gearbeitet hatte, wollte sich der Sohn derartige Opfer nicht mehr zumuten. Er hatte andere Interessen - Kunstschätze, Blondinen, Hochseeyachten, die Jagd und nächtliche Spritztouren mit Saufkumpanen.Boulevard statt WirtschaftspresseSein Name erschien bald häufiger in den Klatschspalten der Boulevardzeitungen als in der Wirtschaftspresse. Als er anfing, das Familienerbe zu verkaufen, titelte die Bild-Zeitung: "Flick braucht Geld für seine Blondinen". Was nicht stimmte, denn bei dem ererbten Grundkapital vermehrte sich sein Vermögen trotz seiner Playboy-Neigungen. Er hatte genug Geld, aber offensichtlich keine Lust mehr, sich mit der Führung großer Unternehmen abzuplagen. Seine Profitgier minderte dies jedoch nicht.Als er 1975 seinen Anteil an Daimler-Benz für knappe zwei Milliarden Mark an die Deutsche Bank verkaufte, ließ er von seinen Beratern prüfen, wie sich die Steuern auf den Erlös sparen ließen, immerhin 986 Millionen Mark. Sie entdeckten Paragraf 6b des Einkommensteuergesetzes und Paragraf 4 des Auslandsinvestitionsgesetzes, wonach eine Steuerbefreiung gewährt werden kann, wenn die Bundesregierung die Transaktion als "volkswirtschaftlich besonders förderungswürdig" anerkennt. Sowohl der damalige Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs als auch sein Nachfolger Otto Graf Lambsdorff (beide FDP) empfahlen die Steuerbefreiung, die Finanzminister Hans Apel und Hans Matthöfer (beide SPD) stellten die Genehmigungen aus.Inzwischen liefen aber auch, genährt von Presseveröffentlichungen, Ermittlungen mehrerer Staatsanwaltschaften wegen der illegalen Spendenpraxis der Parteien. Dabei kamen auch der Flick-Konzern und zahlreiche Politiker in den Verdacht, mit Schmiergeldern und geheimen Absprachen den Weg für die Steuererleichterungen geebnet zu haben. In den beschlagnahmten Akten des Flick-Hauptbuchhalters fanden die Staatsanwälte die Namen von 40 Politikern aller Parteien, über die Flick zwischen 1969 und 1980 steuerbegünstigt 25 Millionen Mark als Spenden gezahlt haben soll. Helmut Kohl hat davon insgesamt 565 000 Mark für die CDU erhalten. In seinen Erinnerungen leugnet Kohl dies auch nicht, betont aber, er habe "nicht einen einzigen Pfennig von diesen Spenden" für sich behalten. Er legt zudem Wert auf die Feststellung, dass auch Willy Brandt und Erhard Eppler in Flicks Spendenliste verzeichnet sind.Das alles hatte sich noch zur Zeit der sozialliberalen Koalition zugetragen. Von einer möglichen Strafverfolgung war besonders Otto Graf Lambsdorff bedroht, der für die FDP einen hohen Betrag entgegengenommen und gleichzeitig eine entscheidende Rolle bei der Vorteilsgewährung für Flick gespielt hatte. Bei führenden Politikern der SPD und FDP kam die Idee einer "Amnestie für alle" auf, die alle Beteiligten von dem Vorwurf der Bestechlichkeit und der Bestechung befreien sollte. Auf Grund wütender Proteste in der Öffentlichkeit wurde der Plan aber fallen gelassen. Helmut Kohl zeigte sich davon indes unbeeindruckt. Kaum war er Kanzler geworden, bereitete er mit FDP-Chef Hans Dietrich Genscher ein Amnestiegesetz vor und lehnte Forderungen nach dem Rücktritt von Lambsdorff ab, der in der neuen Regierung seinen Posten behalten hatte. Kohl wollte "die Rechtssicherheit und den Rechtsfrieden" wiederherstellen, zumal zum Tatzeitpunkt Parteispenden und deren Steuerbefreiung kein strafwürdiges Vergehen waren. Das Gesetzesvorhaben scheiterte jedoch, weil sich schließlich die FDP-Fraktion unter dem Druck der öffentlichen Meinung dagegen aussprach.Nachdem das Bonner Landgericht Anklage gegen Lambsdorff wegen Bestechlichkeit erhoben hatte, konnte dieser seinen Rücktritt nicht mehr hinauszögern. Als kurz darauf bekannt wurde, dass Rainer Barzel 1,7 Millionen von den Flicks kassiert hatte, legte auch der CDU-Politiker sein Amt als Bundestagspräsident nieder. Nun geriet auch Kohl in die Schusslinie. Vor dem Flick-Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags konnte er sich wegen eines "Blackouts" nicht mehr daran erinnern, Zahlungen von Flick erhalten zu haben. Dass sein "Parteifreund" Heiner Geißler darüber öffentlich spottete, wertet Kohl in seinem zweiten Erinnerungsband als Versuch, ihn als "Parteivorsitzenden zu beseitigen".Otto Schily nahm den Fall aber zum Anlass, Kohl wegen "uneidlicher Falschaussage" anzuzeigen. Die Bonner Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren später mit der sybillinischen Begründung ein, es hätten sich keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass Kohl "bei seiner Aussage (...) eine konkrete Erinnerung" gehabt habe. Ein Vorsatz sei deshalb auszuschließen. Lambsdorff, Friderichs und der Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch wurden 1987 relativ milde wegen Steuerhinterziehung verurteilt.Verkauf aus der Bar angewiesenDer größte Wirtschaftsskandal der Bundesrepublik fand damit ein unrühmliches Ende. Fein heraus war nur Friedrich Karl Flick. Er hatte sich die Hände nicht schmutzig gemacht, sondern es seinen Beratern, darunter auch von Brauchitsch überlassen, die Gelder zu überreichen. Öffentlichkeitsscheu, wie er war, liebte er es nicht, bei geschäftlichen Entscheidungen direkt und selbst in Erscheinung zu treten. Den Verkauf der pfälzischen Maxhütte wies er durch einen nächtlichen Anruf bei einem seiner Berater aus einer Münchner Bar an.Bis 1985 hatte er alle seine Firmen an die Deutsche Bank verkauft. Weil er die deutsche Steuergesetzgebung für "unternehmerfeindlich" hielt und sich in Deutschland verfolgt und bedroht fühlte, ließ er sich 1994 in einer 40 Millionen teuren und streng bewachten Villa am Wörthersee nieder und nahm die österreichische Staatsbürgerschaft an. 1990 hatte er in dritter Ehe die 33 Jahre jüngere Österreicherin Ingrid Ragger geheiratet, mit der er Zwillinge hat. In der Rangliste der reichsten Männer stand er in Österreich auf Platz 1, in Deutschland auf Platz 5.Vater Friedrich hätte für seinen Sohn sicherlich wenig Verständnis gehabt. Der Aufstieg aus kleinen Anfängen gelang ihm nur, weil er jede Gelegenheit eiskalt und rabiat nutzte, um ein Industrie-Imperium aufzubauen. Reich wurde er bereits durch den Rüstungsboom im Ersten Weltkrieg. Auch die Inflation nutzte er zu seinen Gunsten. Ende der dreißiger Jahre war er bereits einer der reichsten und mächtigsten Kohle- und Stahlbarone. Auch er verteilte damals schon reichlich Wahlspenden an die ihm genehmen Parteien der Weimarer Republik. Darunter dann auch an die NSDAP, die er jährlich mit 100 000 Mark unterstützte.Nach 1933 wurde er Mitglied des Freundeskreises Reichsführer SS und schließlich auch der Partei. Für seine "Verdienste" um die Partei erhielt er lukrative Aufträge, darunter auch viele Rüstungsaufträge zur Vorbereitung des Krieges. Aktiv beteiligte er sich an der "Arisierung" jüdischer Betriebe, mit deren Übernahme er sein Vermögen erheblich vergrößerte. 1938 erhielt er den Titel eines Wehrwirtschaftsführers.Während des Zweiten Weltkrieges beschäftigte er 50 000 Zwangsarbeiter unter den elendsten Bedingungen, die sogar von einer staatlichen Untersuchungskommission schon 1942 kritisiert wurden. Im Laufe des Krieges kontrollierte er fast die gesamte Montanindustrie in den besetzten europäischen Ländern. Von den Amerikanern wurde er nach Kriegsende verhaftet und in den Nürnberger Prozessen wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Zwangsarbeit und Plünderung in den besetzen Gebieten angeklagt. Er kam mit einer relativ milden Strafe von sieben Jahren Haft davon, von denen er nur drei absitzen musste. In diesen Jahren hatte er einen großen Teil seines Vermögens verloren, zumal er sich auf Druck der Alliierten von seinen Kohleunternehmen trennen musste.Nach seiner Entlassung besaß er aber bald wieder 100 Firmen und schon Ende der sechziger Jahre war er wieder unumstritten der reichste Mann Deutschlands. Das reichte für die Bundesregierung, ihm 1963 das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband zu verleihen. Es galt auch nicht als anstößig, dass er eine Entschädigung der Zwangsarbeiter immer abgelehnt hat, weil er sie als Schuldeingeständnis betrachtete. Wenigstens in diesem Punkt hat sich Friedrich Karl seines Vaters "würdig" erwiesen. Er lehnte es Ende der 90er-Jahre strikt ab, auch nur einen Cent in den Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft für ehemalige Zwangsarbeiter zu zahlen.------------------------------Vom Panzer zum PapierhandtuchDer Flick-Konzern war bis 1985 die größte Unternehmensgruppe Deutschlands in Familienbesitz. Die Produktpalette reichte vom Panzer über Badewannen bis zum Papierhandtuch. Weltweit beschäftigte der Konzern rund 43 000 Menschen, der Umsatz lag bei 22 Milliarden Mark.Vater Friedrich Flick hatte sein Vermögen nach dem Krieg durch Verkäufe von Kohlegruben gemacht. Nach einem Streit wurde dem ältesten Flick-Sohn und Bruder von Friedrich, Otto-Ernst Flick, die Generalvollmacht für die Stahlfirmen entzogen.Friedrich Karl Flick wurde alleiniger Gesellschafter. 30 Prozent des Kapitals wurden auf die Kinder von Otto-Ernst Flick, Gerd-Rudolf ("Muck") und Friedrich-Christian Flick ("Mick") übertragen, die später ausbezahlt wurden. Mit dem Verkauf des Konzerns 1985, der ihm rund 5,36 Milliarden Mark einbrachte, zog sich Flick ins Privatleben zurück.------------------------------Foto: Friedrich Karl Flick vor dem Untersuchungsausschuss in Bonn in den 80er-Jahren. Mit seinen Millionenspenden hatte sich Flick Steuerfreiheit erkauft.