In neuen Klamotten hat er sich noch nie wohl gefühlt. "Schon damals nicht, als ich noch reicher Erbe war", sagt er. 1986 entschied sich der heute 58-Jährige dafür, mit dem Erlös aus dem Verkauf der Weddinger Medikamenten-Fabrik Dr. Gerhard Mann die "Stiftung Umverteilen" zu gründen. Der Sohn des Vivimed-Erfinders verzichtete auf 57 Millionen Mark, und bis heute verzichtet er auf die Rente, die ihm die eigene Stiftung überweisen müsste. Ulf Mann geht lieber arbeiten, halbtags als Apotheker. "Ich habe keine materiellen Bedürfnisse", sagt er. Und damit fühle er sich viel wohler als früher, als ihn Kumpel um 1 000 Mark für den Urlaub anhauten und er selbst bedrückt vom Reichtum Hunderttausende Mark verschenkte. Mann wollte nicht mehr die Verantwortung für so viel Geld tragen. "Das unterscheidet mich vom Hamburger Mäzen Jan-Philipp Reemtsma", sagt er. Doch ist Ulf Mann mindestens so scheu wie der von Entfüh- rern wochenlang verschleppte Reemtsma. Mann will sich nicht fotografieren lassen, telefonisch ist er nicht erreichbar, er fährt ein klappriges Fahrrad und sagt Sätze wie "Ich halte mich nicht für etwas Besonderes, ich bin Teil eines größeren Kollektivs." Selbst sein Name soll öffentlich möglichst nicht erwähnt werden: "Es geht mir um Inhalte, nicht um Personen." Mann mischt fast überall mit, wo linke, autonome Politik gemacht wird. Das "Wir" ist ihm wichtig, die politischen Freunde zählen viel. Das war schon damals so, als er versuchte, in seiner Villa in Zehlendorf ein Wohnprojekt zu etablieren. Später, 1980, gründeten er und drei andere Apotheker am Viktoriapark das erste Berliner Apothekerkollektiv.Heute hat er neue "Mitstreiter", die er im "Ex" im Mehringhof trifft. In dieser Kneipe laufen vor dem 1. Mai die Nachrichten aus der Szene zusammen. Dort macht Ulf Mann Tresendienst, er putzt und schmiert Stullen. Oder er trifft sich mit Kollegen vom Anti-Atom-Plenum und plant neue Aktionen.Mann geht in seinem "Kampf" bis an die Grenzen des Erlaubten und fand sich mehrfach vor Ge- richt wieder. An der Oranienstraße verunglimpfte er 1999 auf einem Wandbild Spitzenpolitiker als Kriegsverbrecher, weil sie Krieg gegen Serbien führten. Die Polizei hat das Bild übermalt, doch Mann will es wieder anbringen. Die Beleidigung einer Staatsanwältin brachte ihm die erste Haftstrafe ein. Als "ignorante Sesselpuperin" hatte Ulf Mann die Juristin beschimpft. Er wurde zu 30 Tagessätzen à 200 Mark verurteilt, ein ungewöhnlich hohes Strafmaß. Der Erbe weigerte sich jedoch, die Strafe zu bezahlen. Die kürzlich abgesessenen drei Wochen Knast nennt er "eine wichtige Erfahrung". Das hätte der inhaftierte Politaktionist Dieter Kunzelmann kaum anders formuliert. Die beiden Freaks kennen sich, beide haben weder Frau noch Kind zu versorgen, sie sind im selben Alter und predigen Slogans wie "Keine Macht für niemand". So viel Mut wie Kunzelmann habe er aber nicht, sagt Ulf Mann: "Ich würde nie jemandem, der arglos neben mir steht, ein Ei an den Kopf werfen."Zur Gewalt hat Ulf Mann dennoch ein zwiespältiges Verhältnis. Ausschreitungen am 1. Mai nimmt er in Kauf: "Friedlichkeit ist kein Kriterium für den Erfolg einer Aktion", sagt er. Ehe, Knast, Psychiatrie, also "strukturelle Gewalt", lehne er mehr ab, als Steine zu schmeißen. Aber er sagt auch: "Es wäre schön, wenn kein Blut fließt am 1. Mai."BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Im Kreuzberger Mehringhof treffen sich Teilnehmer der autonomen Mai-Demonstration, auch der Stifter Ulf Mann ist dort häufig zu finden.