NEW YORK. Die Wände sind weiß und kahl, es ist kalt und riecht nach Klebstoff. Im Hintergrund laufen Tonbänder mit Wasserfällen, Vögel schreien. Ein Schatten fällt auf die Wand und überdeckt eine Film-Szene aus dem Regenwald. Die Silhouette gehört einer von neun Holzfiguren, die vom einstigen Enfant Terrible der New Yorker Modeszene, Miguel Adrover, eingekleidet wurden. Die Frauengestalt ohne erkennbares Gesicht trägt einen gehäkelten Body, der ist übersät mit Löchern. Aus ihrem Rücken wachsen Geweihe aus umsponnenem Draht. "Alpaka-Wolle aus Peru" steht auf der Tafel an ihrem Fußende.Ohne Laufsteg und Models"Der Miguel ist nochmal ins Studio gefahren, um ein Wechselbad zu nehmen", sagt Rolf Hunsinger. Es ist Sonntag, der dritte Tag der Fashion Week, und der Pressesprecher von Hess Natur nippt an einem Glas rotem Ingwerbier. Am Nachmittag haben sich die berühmten New Yorker Label DKNY und Calvin Klein im offiziellen Zelt im Bryant Park nahe der Fifth Avenue die Show streitig gemacht. Hier, in der Kunstgalerie im Stadtteil Chelsea, kommt die Mode ohne Laufsteg und Models aus. Dass das Öko-Unternehmen Hess Natur aus dem hessischen Butzbach Teil der New Yorker Modewoche ist, hat es dem zu verdanken, auf den hier alle warten.Als Adrover schließlich kommt, verstummen die Gäste. Der Mann mit der dürren Figur und dem langen geflochtenen Zopf hält mit der einen Hand ein großes grünes Blatt über den Kopf. An der anderen Hand hält er eine Frau, die nur mit einem "I love NY"-T-Shirt bekleidet ist. Mit diesem Kleidungsstück ist er berühmt geworden. Eine alte Frau geht auf den Mann zu und umarmt ihn, dem 43-jährigen Modedesigner laufen die Tränen über die Wangen. Miguel Adrover ist zurück in New York - und es scheint, als könne er es selbst kaum fassen.Denn seine Geschichte ist die eines rasanten Aufstiegs und Falls, die in der New Yorker Modeszene ihren Anfang wie auch ihr vorzeitiges Ende nahm. 1991 zog der Mallorquiner nach New York. Er putzte Büros, bis er mit einem Lungenkollaps zusammenbrach. Danach änderte er sein Leben drastisch, er entwarf T-Shirts, gründete ein Label und stellte eine eigene Kollektion zusammen. 2001 wurde er mit seinen sozialkritischen Entwürfen als "bester neuer Modedesigner in New York" ausgezeichnet.Als er am 9. September 2001 eine Kollektion mit Burkas und Kaftanen zeigte, waren die Kritiker begeistert. Doch zwei Tage später stürzte das World Trade Centre ein, und Adrover wurde als islamistischer Terrorist bezeichnet. Als Sohn eines muslimischen Vaters geriet er ins Fadenkreuz des FBI. Noch im selben Jahr ging sein Geldgeber, die Pegasus Apparel Group, bankrott. Verschuldet kehrte der Designer den USA 2004 den Rücken.Miguel Adrover als Kreativdesigner von Hess Natur zu verpflichten, schreibt die Vogue in ihrer September-Ausgabe, sei, als ob der Kirchenchor von Waltershofen-Opfingen Amy Winehouse als Kantorin gewinnen würde. Und tatsächlich ist dem Geschäftsführer von Hess Natur, Wolf Lüdge, ein Coup gelungen, als er den Designer auf Mallorca aufsuchte. Adrover überlegte zu der Zeit, einen Vertrag bei dem internationalen Unternehmen Tommy Hilfiger zu unterschreiben, entschied sich dann aber für die deutsche Öko-Firma.Doch was die Modewelt verblüfft, sieht Adrover als eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. In einem Dorf auf Mallorca aufgewachsen, ging er mit zwölf Jahren von der Schule, um seinen Eltern bei der Mandelernte zu helfen. Unter einem Kleid seiner Show steht auf einer Tafel: 100 Jahre alte Baumwolle, Mandelfeld, Mallorca. Schon in seinen frühen Kollektionen hat sich Adrover dem Recycling gewidmet. So schneiderte er Röcke aus Louis-Vuitton-Taschen und nähte einen Mantel aus der Matratze seines verstorbenen Nachbarn. "Bei Hess Natur ist der Unterschied, dass man nichts recyclen muss", sagt Adrover. "Man kann die Kleidung ein Leben lang tragen und muss sie nicht wechseln, weil sie aus der Mode gekommen ist."Kundinnen von Mitte 40Zunächst einmal muss Hess Natur allerdings in Mode kommen, das weiß auch Adrover. Er wolle die als unsexy verschriene Kleidung Trend werden lassen, sagt er. Dabei kommt ihm zu Gute, dass der Zusatz "Öko" in den USA immer beliebter wird. Hier ist ökologisches Bewusstsein außerdem nicht mit dem Makel der Regierungsjahre einer deutschen Öko-Partei behaftet, sondern in der jungen, aufstrebenden Avantgarde angesiedelt. Mit Adrovers Hilfe erschließt sich das Unternehmen Hess Natur einen neuen Markt - in diesem Monat kommt der erste Katalog in den USA heraus.Bei aller demonstrativen Einigkeit zwischen Adrover und Hess Natur bleibt die Frage offen, wer hier eigentlich wem nützt. Zwar betonen beide Seiten, dass sie einander gesucht und gefunden hätten. Doch die extravaganten Schnitte und Stoffe der Show zeugen von Adrovers Ausdruckkraft und Exzentrik, die sich mit den Bedürfnissen einer durchschnittlich 43-jährigen Kundin von Hess Natur kaum decken werden. Die gezeigten Modelle auf der Fashion Week seien nur Ideen, die in die Kollektion einfließen sollen, sagt Rolf Hunsinger. "Das soll so natürlich niemand anziehen."------------------------------Für den Menschen und seine UmweltDas Unternehmen Hess Natur wurde 1976 im hessischen Butzbach gegründet. Laut Eigenwerbung zeichnet es sich durch die umwelt- und sozial gerechte Produktion seiner Kleidung aus.Miguel Adrover ist seit Frühjahr Kreativdirektor des Hauses. Jetzt hat er seine erste Kollektion vorgestellt. Weil Hess Natur in die USA expandieren will, bot sich die New Yorker Modewoche als Forum an.------------------------------Foto: Miguel Adrover präsentiert sich mit einem grünen Blatt als Öko-Mann.Foto (2): Ökomode mit Naturmotiven - diese und andere Entwürfe präsentierte Miguel Adrover jetzt in New York. Links das Modell "Pajaro" aus der Reihe "Hidden in Nature", oben ein Filz-Entwurf namens "Philoinsectus".