Er war das Teenie-Idol der 70er, seine Musiksendung "Disco" Kult. Ilja Richter war ein schlacksiger Moderator im Anzug, mit altbackenen Sketchen zwischen den Musiknummern. Seine Fans erinnern sich vor allem an diese Zeit. "Die Leute sagen oft ,erzähl uns mal was von früher , und ,du bist einer von uns . Das stimmt aber nicht. Ich erinnere sie einfach nur an ihre Jugend, und solche Sentimentalitäten mache ich nicht mit", sagt er selbst. Diesen Sonntag wird der gebürtige Berliner 50 Jahre alt. Er feiert nicht in seiner Heimat, sondern in Frankfurt - auf dem Main. Mit 120 Gästen an Bord will er in seinen Geburtstag hineinschippern. Selber lesen will er und singen. Um sich hochlebenzulassen. In der Mainmetropole probt Richter derzeit für "Der Kaufmann von Venedig" die Rolle des Shylock, des Juden in Shakespeares Stück. Erst im April steht er wieder in Berlin auf der Bühne. Ilja Richter, selbst Kind jüdischer Eltern, wurde von seiner Mutter zum Bühnenkind gemacht. "Das ist mir nicht zugeflogen, das war ein Arbeitsprozess", sagt Richter. Zum ersten Mal sang er im Alter von acht im Rundfunk ("Du bist zu schön, um ungeküsst zu bleiben"), mit zehn Jahren spielte er bereits an der Seite von Heidi Brühl im Theater des Westens. Seine Karrierebilanz bis dahin: 30 Hörspiele, eine Schallplatte, diverse Fernseh- und Kinofilme. Seine Midlifecrisis kam schon mit 14 Jahren. "Da habe ich mitbekommen, was es bedeutet, wenn man nicht mehr auf der Bühne gewollt ist, da setzte der Stimmbruch ein. Und ich, ein Bühnenkind in kurzen Hosen, war plötzlich nicht mehr gefragt." Dass er schon früh die Erfahrungen eines Erwachsenen gemacht hat, hat für ihn auch einen Vorteil. "Ich bin heute viel gelassener." Auf die kurze Durststrecke folgte der Durchbruch: Nach seiner ersten Fernsehshow "4-3-2-1- Hot & Sweet" übernahm Ilja Richter mit 18 Jahren die Moderation von "Disco"am 13. Februar 1971. Knapp zwölf Jahre lang. Die Sketche waren gnadenlos geprobt mit der Mutter. Der oft zitierte Spruch "Licht aus! Spot an!" wurde zum Schlachtruf. Er habe einfach versucht, nicht seinen Job zu verlieren. "Ich musste schlechte Nummern ankündigen. Aber nach Tony Marshall konnte ich dann ja auch mal Rod Stewart ansagen, und das hat mich getröstet." Zwei Tage vor seinem 30. Geburstag knipste er das Licht für "Disco" endgültig aus. Er wollte weg vom Image des Milchbubi-Moderators und sich verstärkt der Schauspielerei widmen. Heute stehen in seinem Lebenslauf die Müncher Lach- und Schießgesellschaft, diverse Bühnenauftritte und seine Tätigkeit als politischer Autor bei der taz von 1985 bis 1987. Außerdem schrieb er die Bücher "Der deutsche Jude" und eine Biografie. Darin outete er auch seine erste große Liebe, die Beziehung mit Sängerin Marianne Rosenberg. Zuletzt konnte man Richter im Berliner Dom bei "Jedermann" sehen.Privat war Ilja Richter ein Spätzünder und das obwohl er als "pubertierender Fritze schnell erwachsen werden wollte". In der Schule ein seltener Gast, verließ er mit 17 das Gymnasium und stand ständig im Studio. "Da haben die anderen in den Eisdielen geknutscht", gesteht er. Mit 30 wohnte er noch zu Hause und erst mit Ende 48 wurde er Vater.Sohn Kolja hat er zusammen mit seiner Freundin, der französischen Maskenbildnerin Ismne Bogdan. Seinem Sohn will er seine eigene "verlorene Kindheit" ersparen und ihn deshalb vom Showgeschäft fern halten.