Der Skandal um den Bau der Kölner Müllverbrennungsanlage hat nicht nur zu neuen Festnahmen geführt, sondern auch unser aller Wortschatz um einen Fachausdruck erweitert. "Beatmung" nennt man es offensichtlich in der Müllverwertungsbranche, wenn man mit Geldgeschenken dafür sorgt, dass Amtsträger wohlwollend gestimmt werden. Ob man von "Beatmung" oder von Korruption spricht - es geht um unsere Vorstellungen von "privat" und "öffentlich". Seit der Entstehung des frühmodernen Staates hat sich um diese Unterscheidung ein Amtsethos etabliert, hinter das die Moderne nicht zurücktreten will. Im Hintergrund glänzt dabei seit dem neunzehnten Jahrhundert das Ideal des unbestechlichen preußischen Beamten, der nur an Weisungen, nicht an Überweisungen gebunden ist. Auch im Strafgesetzbuch der Bundesrepublik stehen klare Worte über Vorteilsannahme und Bestechlichkeit. Deren Bekämpfung scheint eine leichte Aufgabe für die rechtspolitische Kultur der westlichen Moderne, die sich rühmt, den Staat entpersonalisiert zu haben. In Art einer marxistischen Geschichtsphilosophie wäre da bloß noch zu erwarten, dass die Korruption irgendwann vollends verschwindet. Doch so einfach sind die Verhältnisse nicht. Politik bleibt schmutzig, ahnt der politikverdrossene Bürger dunkel; und der Fachmann weiß, dass gerade die Globalisierung für Amtsethos und Unbestechlichkeit besondere Gefahren birgt. Der frühmoderne Staat hat sich über Geschenkverbote konstituiert. Um 1500 beginnen landauf, landab die Herrscher und Bediensteten die Zuwendungen zu notieren, die sie empfangen und spenden. Die politische und wirtschaftliche Elite schafft sich ein gesteigertes Bewusstsein jener Werte, die unter ihren Händen zirkulieren. In Geschenkbüchern werden die Kostbarkeiten notiert. Zugleich beginnt eine intensive Propaganda gegen die "falschen" Geschenke. In einer pornografisch anmutenden Sprache werden jene Zuwendungen gebrandmarkt, die den Sprechern unerwünscht sind. Denn Geschenke verpflichten. Der spontane Ausruf "Oh, das kann ich unmöglich annehmen", spricht die schiere Wahrheit. Die soziale Ambivalenz des Geschenks fasste der französische Ethnologe Marcel Mauss in seinem Essay über "Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften" von 1925 in die Formel: "Die Gabe ist niemals rein." So sind es zu Beginn der frühen Neuzeit die fremden Herrschaften, deren Gaben in der Sprache von Moral und zunehmend auch des Rechts zurückgewiesen werden. Die Diener sollen einem Herrn, das heißt: dem eigenen Fürsten oder Bürgermeister, gehorchen. Sie sollen im Amt unabhängig sein von den Zuwendungen der Bürger, die ein Begehr vorbringen. Noch um 1800 ist dieser Konflikt nur in der Theorie bereinigt. In der Praxis kämpft der Staat immer noch darum, seinen Beamten jenes Auskommen zu gewährleisten, das sie resistent machen könnte gegen die materiellen Versuchungen durch Dritte. Die Stärke des modernen Staates bemisst sich demnach auch nach der Effektivität seiner Geschenkverbote. "Korruption" meint moralisch nichts anderes, als das Verbot, Gaben auszuteilen. Diese Normen durchzusetzen, war eine erhebliche Kulturleistung. Sie setzte das Bewusstsein voraus, dass hier nicht in erster Linie zwei Menschen miteinander zu tun haben, sondern der Bürger einem überpersönlichen, abstrakten Gebilde gegenübersteht, das sich Staat nennt und von Beamten verkörpert wird. In vielen Details widerspricht das Recht hier den sozialen Normen. Wo Letztere um der Verbundenheit willen Gaben tolerieren, drohen die Gesetze kalt mit Strafe. Ob Lehrer, Bauinspektoren oder gar der verbeamtete Lebensretter: Der Bürger darf seinen Gefühlen keinen materiellen Ausdruck verleihen. Härten werden im Kleingedruckten der juristischen Kommentare zum Strafgesetzbuch oder den verwaltungsinternen Vorschriften abgemildert: Ein bisschen Bewirtung darf s schon sein, wenn sie nur nicht zu üppig ausfällt (Kekse und Orangensaft bringen demnach niemanden mehr in Versuchung), und auch ein schmuckloser Kugelschreiber mit Werbeaufdruck macht noch keinen Bestechungsskandal. Im naiv-nostalgischen Rückblick scheint das 19. Jahrhundert eine korruptionsfreie Zwischenepisode in der sonst trüben Geschichte des Ämterwesens gewesen zu sein. Eine fragwürdige Einschätzung, beginnt sich doch noch in den 1880er-Jahren ein Verbändewesen zu entwickeln. Dieses strebt systematisch nach Einfluss auf die "gewerbliche Gesetzgebung" des hitzig prosperierenden Kaiserreichs, es tauscht mit dem Parlament Gesetzgebungsentwürfe, Personal und vermutlich auch die eine oder andere "Aufmerksamkeit". Seither haben beide Seiten dazugelernt: Die Lobbyisten haben ihre Methoden ebenso verfeinert wie auch der Staat einen fruchtbaren, aber nicht korrumpierenden Austausch mit den "interessierten Kreisen" bei der Durchsetzung seiner Ziele anstrebt. Wie man diese legitime Interessenvertretung von Korruption trennt, ist stets neu auszuhandeln. Das letzte Wort kommt dem Gesetzgeber zu, der die Definitionen treffen muss; die Rechtsprechung darf dann die Paragrafen auf die "Lebenssachverhalte" herunterrechnen.Verschärft werden die Probleme derzeit durch die Schwäche jenes Nationalstaates, der angetreten war, das Schenken zu verbieten. Infolge der Globalisierung verlieren die bisherigen Machtzentren und damit ihre Regelwerke an Bedeutung. Die Verwaltungswissenschaft diskutiert Phänomene wie das "Paktieren des Staates", also die gemeinsame Aufgabenbewältigung mit Privaten. Wer genau hinschaut, sieht: Der Staat paktiert aus Schwäche gegenüber den Akteuren, nicht aus Stärke. Wo er bei einfachen Bürgern nie mit sich reden lassen würde, da gibt er bei wirtschaftlich und logistisch übermächtigen Gegnern nach. Hinzu kommt ein bedrohlich scheinendes Wuchern der Zwischengewalten. Die Macht geht im Zeitalter der Globalisierung zunehmend von Verbänden und Konzernen aus, die sich weder durch nationales Recht bändigen lassen noch vom Ethos des bürgerlichen Rechtsstaats erfüllt sind. Eine Frage, die sich in Zukunft vermehrt stellen wird, lautet daher, an welchen rechtlichen und moralischen Standards die innere Willensbildung dieser Organisationen zu messen ist. Die Semantik der "Korruption" hat sich mit der Entstehung des Staates entwickelt. Nun, da der Staat immer sichtbarer seine Souveränität verliert und neue Akteure auf der politischen Bühne erscheinen, muss das Problem neu formuliert werden. Welche Standards gelten für die Herrschaftsausübung von parastaatlichen Gebilden? Die Weltmeisterschaft hat solche Fragen wieder aufgeworfen. Die Entscheidungen, die etwa die internationalen Sportverbände wie die Fifa treffen, beruhen auf beunruhigend intransparenten Verfahren. Ihre Methoden des Krisenmanagements bleiben weit hinter den politischen Standards zurück, die der Betrachter sonst gewohnt ist. Die unheimliche Nähe von Entscheidern zu Betroffenen macht hier eine neue Qualität von Korruption aus, und ihre Resistenz gegen externe Interventionen beunruhigt zusätzlich. Im Vergleich zu diesen virtuosen Ballzauberern ist der Kölsche Klüngel gewiss noch nicht WM-reif. Milos Vec ist Rechtshistoriker. Er forscht am Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main.Da der Staat jetzt immer sichtbarer seine Souveränität verliert, muss Korruption neu formuliert werden.AUS: S. LANDSBERGER: CHINESISCHE PROPAGANDA, DUMONT Statt der Überweisung gilt im großen China noch die Weisung: Wir nehmen kein Bakschisch.