Innerhalb nur eines halben Jahres erhält ein Buch von Dr. Nicolai Worm, das für moderaten Weingenuß plädiert, jetzt seine dritte Auflage. Sabine Nöbel sprach mit dem bekannten Münchner Ernährungswissenschaftler.Berliner Zeitung: Ist Ihr Buchtitel "Täglich Wein" eine Provokation?Dr. Nicolai Worm: Ich spitze zu: Jeder Tag ohne Wein kann ein Herzinfarktrisiko sein. Daß der mäßige, aber regelmäßige Konsum von Wein der Gesundheit förderlich sein kann, bescheinigte letztes Jahr sogar die US-Regierung in ihren Ernährungsrichtlinien. Das schlug im neo-prohibitionistischen Amerika ein wie eine Bombe. Jahrzehntelang war nur der Alkoholmißbrauch ein Dauerbrenner - und nahm auch nicht durch unglückliche Verbote ab. Totale Enthaltsamkeit scheint nicht die rechte gesundheitliche Empfehlung zu sein, es sei denn, es handelt sich um Kranke oder Süchtige. Wie reagierten Mediziner und Suchtexperten auf Ihr Buch? Gab es sachliche Einwände?Keinerlei. Von den Herzzentren in München und Berlin kam Zustimmung. Das Berliner Herzzentrum plant im Juni ein Symposium zum Thema "Wein und Gesundheit", zu dem ich eingeladen bin.Sie verstehen unter moderatem Weinkonsum täglich zwei bis drei Gläschen für die Frau und drei bis vier für den Mann. Kann das nicht zu einer Abhängigkeit führen?Nicht der moderate Weingenuß, sondern eine bestimmte Disposition dafür macht abhängig. In Frankreich und Italien, wo der Wein täglich zum Essen gehört, sieht man kaum Betrunkene. Hierzulande greift man auch eher zu Bier und Schnaps, um sich vollaufen zu lassen.Könnten Glasvolumen und Alkoholmenge genauer definiert werden?Ich empfehle die neuen Richtlinien des britischen Gesundheitsministeriums: Bis zu 24 Gramm Alkohol täglich für die gesunde Frau und bis zu 32 Gramm für den gesunden Mann. Ein Paar kann gemeinsam also eine Flasche Wein bestellen. Wer es genau rechnen will: Ein 0,1-Liter-Glas enthält bei einem zehnprozentigen Wein acht Gramm Alkohol, bei einem 12,5 prozentigen zehn Gramm. Weshalb unterscheiden Sie zwischen Mann und Frau? Wegen der geringeren Blutmenge bei Frauen und dem nicht so effizienten Alkoholabbau.Nicht jeden Abend hat man Muße für ein gutes Essen mit einigen Gläschen Wein. Kann man die Tagesration gesammelt am Wochenende trinken?Das würde die Gesundheitseffekte ins Gegenteil verkehren. Mäßig, aber regelmäßig bringt den Effekt.Welchen eigentlich genau?Eine nachgewiesene Verringerung des Herzinfarktrisikos. Der Fettstoffwechsel wird durch Wein entscheidend beeinflußt: Das schädliche LDL-Cholesterin nimmt ab und das gewünschte HDL-Cholesterin deutlich zu. Zusätzlich hemmt Wein die Gerinnungsneigung des Blutes, also die Thrombosegefahr. Und die Phenole wirken als Antioxidanzien, was die Zellen vor schädigenden Sauerstoffattacken schützt. Früher hieß es, Wein mache dick, heute hört man das Gegenteil.Sicher ist: Die Kalorien des Weins sind im Körper nicht vollständig umsetzbar. Und Weintrinker sind gemeinhin schlanker als Bierfreunde. Zum Essen schmeckt ja auch ein Bier. Ihnen nicht?Bier trinke ich, aber nie zum Essen. Ein Abendessen ohne Wein ist für mich unvorstellbar. Mittags genehmige ich mir nur ausnahmsweise ein Gläschen. Wer am Wochenende mal etwas mehr als das empfohlene Maß trinken will, sollte reichlich, in Ruhe und nicht zu fettarm dazu essen.Fett steht ansonsten auf der Tabuliste. Obwohl seit den Veröffentlichungen über das sogenannte French Paradoxon - fettes Essen in Frankreich und trotzdem die niedrigste Herzinfarktrate - ja manche meinen, der höhere Weinkonsum dort heile alles.Was dem französischen Rotwein eine höhere Absatzrate bescherte. Besonders in den gesundheitsgläubigen USA. Dabei liegt es nicht nur am Rotwein. Studien mit Weißwein haben auch einen positiven Einfluß auf die Senkung des Herzinfarktrisikos nachgewiesen. Außerdem bin ich der Meinung, daß das French Paradoxon gar keins ist. Die oft behauptete Kette tierische Fette - gesättigte Fettsäuren - hoher Cholesterinspiegel - Herzinfarkt stimmt so nicht. Erstens enthält tierisches Fett nicht generell überwiegend die gesättigten Fettsäuren. Zweitens erhöhen nur bestimmte davon den LDL-Cholesterinspiegel. Drittens hat man in Frankreich zwar eine niedrigere Herzinfarktrate, aber den ungefähr gleich hohen Cholesterinspiegel wie in Deutschland. Bei der Verdammung von tierischen Fetten sollte man vorsichtig sein.Aber die Ernährung im mediterranen Raum besteht aus viel mehr Obst und Gemüse als bei uns. Warum erwähnen Sie eigentlich nicht den dort größeren Verzehr von Fisch?Doch, indirekt. Ich spreche von den herzschützenden Omega-3-Fettsäuren. Die stecken im Tiefseefisch wie Makrelen, Hering, Lachs, Sardinen. Ich empfehle zwei bis drei solche Fischmahlzeiten pro Woche. Plädieren Sie für eine längere Mittagspause so wie in Frankreich?Unbedingt und für mehr Qualitätsbewußtsein. Die Deutschen geben wenig fürs Essen aus, bevorzugen Billiges in großen Portionen. Wer mehr in hochwertige Speisen investiert, guckt schon wegen des Preises auch auf die Menge.Sie nennen das Phänomen, daß Menschen von gleicher Statur gleiche Mengen von Alkohol trinken können, aber bei Kontrollen einen unterschiedlich hohen Alkoholspiegel im Blut haben. Wie kommt das?Es gibt große Unterschiede von Mensch zu Mensch in der Kapazität des alkoholspaltenden Verdauungsenzyms AHD. Zwischen fünf und 20 Prozent des Alkohols werden dadurch bereits im Magen abgebaut, bevor er ins Blut gelangt. Höherprozentiges geht schneller ins Blut. Noch dazu bei leerem Magen. Likör oder Schnaps bewirken bei gleicher Alkoholmenge einen zwei- bis dreifach höheren Alkoholspiegel als die gleiche Menge aus Wein. Auch die Kohlensäure in Bier und Sekt beschleunigt die Alkoholaufnahme ins Blut. Und sogar die Tageszeit nimmt darauf Einfluß - in der Frühe steigt der Alkoholpegel schneller.Bei Jugendlichen wird zur Vorsicht bei Alkohol geraten. Ab wann darf man trinken? Ich halte ein langsames Heranführen an einen moderaten Weinkonsum für richtig. Wie in den Mittelmeerländern, wo den Halbwüchsigen zunächst Wein mit Wasser gemixt zum Essen gereicht wird. Wasser zum Durstlöschen gehört ohnehin auf den Tisch.Welchen Wein bevorzugen Sie?Den, der mir zum jeweiligen Essen am passendsten erscheint. Ich bin ein Genießer, kein Kenner. Nicolai Worm: "Täglich Wein. Gesünder leben mit Wein und mediterraner Ernährung". Hallwag Verlag, 39,80 Mark. +++